Branche aktuell
„Der reduzierte Satz muss her“
Tag des Bayerischen Gastgewerbes: Experten diskutieren, welche Weichen die Politik für die Zukunft stellen müsste
MÜNCHEN. „Wir haben die schlimmsten Bedingungen für die Branche in ganz Europa.“ André Witschi, seit kurzem Vorstandsvorsitzender der Steigenberger Hotels AG, ist sichtlich erregt und ballt die Faust. Im ICM der Neuen Messe München, am „Tag des Bayerischen Gastgewerbes“ haben Experten aus der Branche mit der Bayerischen Wirtschafts- und Tourismusministerin Emilia Müller zum Thema „Mehrwertsteuerreduzierung – Fluch oder Segen“ diskutiert.
Wettbewerbsnachteil
Vor rund 1000 Zuhörern forderten sie die Reduzierung der Mehrwertsteuer für das Gastgewerbe auf 7 Prozent. Laut unabhängiger Studien gäbe es zusätzlich 70.000 Arbeitsplätze in Deutschland, wenn für das Gastgewerbe der reduzierte Satz gelten würde, betonte Siegfried Gallus, Präsident des Bayerischen Hotel- und Gaststätten Verbandes (BHG).
Die Diskussion zeigte einmal mehr, wieso sich deutsche Unternehmer im Gastgewerbe benachteiligt sehen. Gallus ging sogar einen Schritt weiter und wies darauf hin, wie schlecht speziell Bayern gestellt sei. Gäste wanderten ins nahe gelegene Österreich ab, weil die Übernachtungen dort billiger seien. Dort beträgt die Mehrwertsteuer für das Gastgewerbe 10 Prozent, in Tschechien 5 Prozent und in der Schweiz muss die Branche sogar nur 3,6 Prozent abführen.
Die Politik signalisierte Verständnis. Emilia Müller, die jüngst an der Mehrwertsteuerreduzierung für Bergbahnen mitgewirkt hat, versprach ihre Unterstützung. Doch sie machte deutlich, wie kompliziert die nächsten Schritte werden. Die größere Chance auf Erfolg hat die Hotellerie. Der Bund ist für deren Steuersatz zuständig. Der Steuersatz in der Gastronomie unterliegt einer EU-Richtlinie, an der nur Brüssel selbst etwas ändern kann. Zudem gibt es laut Müller ein finanzielles Problem: „Wir müssen erst noch sehen, wie wir die Verluste an Steuereinnahmen kompensieren können.“ Sie sprach von rund 3 Mrd. Euro an Einbußen für den Staat.
Politik zeigt Verständnis
Witschi, der einen direkten Zusammenhang von Mehrwertsteuerreduzierung und dem Abbau von Schwarzarbeit sieht, empfiehlt den deutschen Lobbyisten, „sich in Brüssel an die Franzosen zu halten“. Sie gingen „als gutes Beispiel voran“. Den Einwurf der Ministerin, es sei mit einem Verlust an Steuereinnahmen zu rechnen, bügelten die Experten ab. Man müsse vielmehr sehen, was dadurch bewirkt würde. Letztlich führten geringere Steuern zu mehr Investitionen.
Auch Joachim Hunold prangerte die Wettbewerbsverzerrung innerhalb Europas an. Gleichzeitig attestierte er der Gastronomie eine überaus große Leistung als Ausbilder: „Mehr als 20 Prozent der Stewardessen haben in der Gastronomie gelernt.“ André Witschi ergänzte: „Unsere Branche bildet 100.000 Auszubildende nicht fürs Arbeitsamt aus, sie sind als Fachkräfte überall gefragt.“ Das Fazit: Das Gastgewerbe leistet so viel, dass aus Sicht der Experten der Staat die Steuereinnahmen woanders herholen soll. „Ich werde sehen, was ich tun kann“, so Müller. (Seite 27) Karin Gabler


