Gastronomie Die Kleineren (20)
„Fast wie kleine Revoluzzer“
Mit einer großen Portion Ehrgeiz sind die Ulrich und Daniela Seidel 1998 in das Abenteuer Selbstständigkeit gestartet. Ihr „Blauer Dragoner“ hat sich längst etabliert. Liebe zum Detail, Atmosphäre und Herzlichkeit gehören zu den Erfolgsfaktoren
HOFGEISMAR. Auf seinem weißen T-Shirt trägt Ulrich Seidel das Zeichen der Blauen Dragoner. Die Hommage an das einst in Hofgeismar stationierte Reiterregiment kommt nicht von ungefähr. Mit seiner Frau Daniela hat der gelernte Koch auf dem ehemaligen Kasernengelände ein gastronomisches Kleinod geschaffen, das ein echter Geheimtipp geworden ist.
Liebevoll arrangierte Dekoration bestimmt das Bild im „Blauen Dragoner“, einem Restaurant mit nur 50 Sitzplätzen. Die Atmosphäre des in Gelb- und Rottönen gehaltenen Lokals ist behaglich – aber nicht nur das: „Der Gast soll sich wohlfühlen, wenn er einkehrt. Deshalb wird jeder auch persönlich begrüßt“, erzählt Daniela Seidel. Die gelernte Hotelfachfrau weiß, wie sie ihre Gäste verwöhnt: „Ohne Liebe zum Detail geht es nicht.“ Der Gast sei feinfühlig und anspruchsvoll. Umso angebrachter sei es, dass der Koch nach dem Essen an den Tisch kommt und fragt, ob es geschmeckt hat.
Viele Stammgäste aus der Region bis nach Warburg oder Baunatal wissen diese Gastlichkeit zu schätzen. Dabei war der Anfang recht schwer. „Das kann auf dem Land nicht gutgehen, hieß es. Aber wir sind hartnäckig geblieben, fast wie kleine Revoluzzer“, berichtet Daniela Seidel.
Internationale Karte
Mittlerweile leben die Seidels vor allem von der Mundpropaganda. Events werden im Internet angekündigt. Größere Veranstaltungen, beispielsweise die Bewirtung des Sportlerballs in der Stadthalle, haben die Seidels inzwischen zurückgefahren. „Sonst bleibt die Konzentration auf der Strecke“, so Ulrich Seidel. Im Restaurant wechselt die Karte mit rund 25 Hauptgerichten alle sechs Wochen. Der Patron steht täglich außer montags in der Küche und kocht ausschließlich saisonal. „Bei uns gibt es die Erdbeeren eben erst dann, wenn sie hierzulande reif sind. Wir wollen stets alles frisch verarbeiten.“ Eine Küchenhilfe unterstützt Seidel. „Ansonsten machen wir alles alleine.“
Gekocht wird international, auch wenn das schwäbische Bauernschnitzel nicht fehlen darf. „Mein Mann stammt schließlich aus Stuttgart “, erzählt Daniela Seidel, die sichtlich stolz ist auf den Variantenreichtum der hauseigenen Küche. Auch bei den Weinen wird Abwechslung geboten, rund 40 Tropfen stehen auf der Karte.
An Speisen finden die Gäste maritime Köstlichkeiten ebenso wie Regionales. Gute Beispiele sind die Black Tiger Riesengarnelenspieße mit scharfer Tomatensalsa und Kräuterbaguette, ebenso wie die gebratenen Bonbons vom Schwarzwälder Schinken mit Parmesankäse-Füllung. Die meisten Zutaten kommen aus der Region, das Gemüse etwa aus kontrolliert biologischem Anbau. Beim Mittagstisch wird indessen einfacher gekocht. „Wir sind hier auf dem Land, wo man es auch mal deftig mag. Darauf haben wir uns zur Mittagszeit eingestellt“, sagt Daniela Seidel.
Ein kulinarischer Spagat, der gut ankommt: Erst 2006 lobte das Reisemagazin Merian Nordhessen den Blauen Dragoner als „bestes Restaurant der Stadt“. Auch im Guide Michelin findet sich das Restaurant. Ein Lohn für harte Arbeit. „Denn ausruhen darf man sich nicht“, sagt Daniela Seidel, die sich mit ihrem Mann nie an eine Brauerei binden wollte. Eine wichtige Rolle spielte die Familie: „Die größte Stütze sind die Eltern, die nicht nur bei der Finanzierung und Gestaltung der Räumlichkeiten halfen.“ So entstand das sympathische Lokal, das dem Gastgeber-Ehepaar ans Herz gewachsen ist.
Und weil es im Blauen Dragoner keinen Stillstand geben soll, wird ständig umgebaut. So darf der Gast bei jedem erneuten Besuch gespannt sein auf neue, appetitanregende Dekoration – mal mit frischen Äpfeln, mal mit Kürbissen. „Wir bringen manches von den Spaziergängen durch die Wälder mit, auf denen wir uns vom gastronomischen Alltag erholen“, so Daniela Seidel.Silke Liebig-Braunholz

