INTERVIEW DER WOCHE
„Stilbrüche sind erlaubt“
Sheila Rietscher über Tischkultur, neues Design und aktuelle Kundenwünsche
Welche Trends bestimmen zur Zeit die Tischkultur?
Rietscher: Wir haben es in der Mode, in der Architektur und ebenso in der Tischkultur mit einer postmodernen Situation zu tun. Das heißt: Viele Trends existieren gleichzeitig nebeneinander her, Stile werden vermischt, vertraute Formen und Farben werden neu kombiniert. Rundes und Eckiges, Geometrisches und Organisches, Vertrautes und Neues werden miteinander vereint. Eine weitere Tendenz: Romantische Dekore, liebevolle Motive und frische Farben stellen sich dem lange Zeit beliebten Purismus entgegen.
Woher holen Sie sich die Anregungen?
Rietscher: Unsere Designerinnen beobachten die Entwicklungen in Branchen, die in unmittelbarem Kontakt zur Tischkultur stehen – wie Möbel und Food. Oder sie wählen einen anderen Zugang über Mode, Materialien, Kunst und Architektur. Diese vielfältigen Erfahrungen werden dann in regelmäßigen Meetings ausgetauscht. Außerdem arbeiten wir mit Partnern aus der Hotellerie und mit Küchenchefs zusammen, deren Bedürfnisse wir aufgreifen. Weiterhin ist Kahla stets offen für Input von externen Designern.
Schönes und funktionelles Porzellan ist die eine Seite der Medaille, auf der anderen steht der kreative Umgang damit – kurz: der Sinn für Tischkultur. Was können Gastronomen tun, um hier noch besser zu werden?
Rietscher: Ich gebe Ihnen recht. Ein spektakulärer Teller entscheidet noch lange nicht über guten Stil. Grundsätzlich muss der Charakter des Porzellans zur Unternehmenskultur, zur Einrichtung, zu den Farbwelten im Haus, zu den Gerichten und nicht zuletzt zu den Gästen passen. Stilbrüche sind zwar erlaubt – passen aber nicht zu jedem. Wer unsicher ist, erhält von unseren Mitarbeitern – auf Wunsch auch von unseren Designerinnen – professionelle Beratung. Wir sind aber auch stolz, dass unsere Kunden experimentieren, verrückte Dinge mit unserem Porzellan ausprobieren. Fest steht auch: Kleine Luxus-Accessoires, eine frische Trend-Farbe oder ein edles, dezentes Relief-Logo zum Fühlen können bereits ohne großen Aufwand eine neue Wertigkeit kommunizieren.
In der Außer-Haus-Verpflegung nehmen – ganz pauschal betrachtet – das klassische Tellergericht und das Essen bei Tisch immer mehr ab. Wie reagieren Sie als Porzellanhersteller auf diese Entwicklung?
Rietscher: Mit entsprechenden Serien wie Cocoon und Elixyr sind wir auf neue Formen der Nahrungsaufnahme eingestellt. Alle Artikel haben eine Grifffläche, die das bequeme Genießen im Stehen, Liegen oder Sitzen ohne Tisch erlaubt.
Welche Unternehmensziele verfolgen Sie?
Rietscher: In den vergangenen elf Jahren, seit der Gründung der Kahla/Thüringen Porzellan GmbH durch Günther Raithel, hat das Unternehmen seinen Umsatz verdoppelt, über 50 Designpreise gewonnen, in über 50 Ländern Abnehmer gefunden und sich einen Namen als Trendsetter in der Porzellanwelt erarbeitet.
Wir investieren nicht nur in das Design, sondern auch in neue Produktions-Technologien, in innovative Materialkombinationen, in ein starkes Marketing und in zielgerichtete Vertriebsstrukturen. So haben wir im vergangenen Jahr eine Sales-Tochter in China gegründet und das Wachstum in den USA forciert. Im weltweiten Geschäft sehen wir gute Chancen und noch viel Potenzial.
Die Fragen stellte Christoph Aichele

