Gastronomie Die Kleineren (7)
„Wir sind wie ein Wohnzimmer“
Die Kneipenszene an der Langen Reihe im Hamburger Stadtteil St. Georg ist heftig in Bewegung. Nur bei „Frau Möller“ hat sich seit Jahrzehnten nichts geändert. Genau das schätzen die Gäste an ihrem Stammlokal
HAMBURG. An den Tresenecken blättert der schwarze Lack, und an der vergilbten Decke klebt der Rauch unzähliger Zigaretten. Bei jedem Schritt knarzen die alten Dielen, und auf den massiven Holztischen haben mehrere Zechergenerationen ihre Spuren hinterlassen. „Frau Möller“ widerspricht auf den ersten Blick allen Regeln der modernen Managementlehre. Trotzdem ist der Laden im Hamburger Stadtteil St. Georg jeden Abend rappelvoll.
Während andere Gastronomen ständig den neuesten Trends hinterher jagen, heißt das oberste Gebot bei „Frau Möller“: Bloß keine Experimente. „Für unsere Stammgäste sind wir so etwas wie ihr Wohnzimmer“, beschreibt Inhaber Paul Lee sein Erfolgsrezept. Gastronomisch konzentriert sich das handgestrickte Konzept auf eine große Auswahl gezapfter Biere zu günstigen Preisen in Verbindung mit einer einfachen deutschen Küche. Bekannt ist „Frau Möller“ besonders für seine irischen Fassbiere, wie Guinness und Kilkenny.
Dass ausgerechnet der gebürtige Koreaner Paul Lee an eine Kneipe mit deutscher Küche und dem urdeutschen Namen „Frau Möller“ geriet, ist durchaus kein Widerspruch. „Ich bin in den siebziger Jahren mit meiner Mutter nach Deutschland gekommen und in der Nachbarschaft zur Schule gegangen“, erklärt der 40-jährige Wirt, der die Lange Reihe besser und länger kennt als so mancher der heutigen Bewohner.
Ruhepol mit Nestwärme
Schon als Schüler, als er oft an der 1984 in einem ehemaligen Teppichgeschäft eröffneten Kneipe vorbeigekommen sei, sei es sein größter Wunsch gewesen, die urige Kneipe zu übernehmen. Dieser Wunsch ging für den Seiteneinsteiger, der dafür sein Maschinenbaustudium abbrach, 1995 in Erfüllung. Auch den Namen und das Konzept hat er unverändert übernommen. „Damals waren wir eine von ganz wenigen Gaststätten an der Langen Reihe“, erinnert sich Lee: „Heute haben wir eine viel schwierigere Wettbewerbssituation.“
In der Tat: Seit Ende der 90er-Jahre finden es die Hamburger schick, in St. Georg zu wohnen. Aber nicht nur zahlungskräftige Kundschaft drängt in das multikulturell geprägte Viertel. Auch trendige Straßencafés und Boutiquen, neue Bars und Restaurants. Dass er dennoch seit nunmehr elf Jahren ungebrochenen Zulauf findet, führt Paul Lee gerade darauf zurück, dass „Frau Möller“ als ruhender Pol und wohltuende Oase in der schnell wechselnden Szenegastronomie gesehen wird. Das oft unterkühlte Design trendiger Läden lasse manchmal die Wärme vermissen, die die Gäste bei ihm fänden.
„In der Szenegastronomie ist man zwar schnell in, aber manchmal genauso schnell wieder out“, behauptet Lee. Dennoch ist auch ein gastronomisches Fossil wie „Frau Möller“ gegen Veränderungen nicht völlig resistent. „Zurzeit konzentriert sich das Geschäft auf den Abend. In Zukunft möchte ich auch einen Mittagstisch anbieten“, sagt Lee. Dazu soll nicht nur die Küche vergrößert und modernisiert werden. Auch die Karte, auf der sich heute vor allem die Bratkartoffelvariationen großer Beliebtheit erfreuen, soll um bodenständige Gerichte erweitert werden, darunter Klassiker wie Birnen, Bohnen und Speck oder Labskaus. Der alte Tresen mit den abgestoßenen Ecken und der Fußboden mit den knarrenden Dielen seien ebenfalls mal fällig, findet der Wirt. Fest steht aber: Bei einer Erneuerung soll der alte Stil auf alle Fälle erhalten bleiben.Mathias Thurm

