Aus der Branche

Wirte-Weblogs sind noch selten

Ambitionierte Gäste sind den Gastgebern im Internet voraus / Online-Tagebücher sind ideale Medien für die Kundenbindung
Mischt beim Köche-Blog auf der Internetseite der Wochenzeitung Die Zeit mit: Karl-Josef Fuchs vom Hotel Spielweg im Münstertal

STUTTGART Ein Weblog im Internet kann ein interessantes, einfaches und preiswertes Marketinginstrument sein. Der Begriff setzt sich aus „Web“ und „Logbuch“ zusammen. „Dies erklärt auch schon im Wesentlichen die Funktion und den kleinsten gemeinsamen Nenner der Weblogs: Er ist eine Art Webseite aus chronologischen Einträgen, wobei der neueste an erster Stelle steht“, erklärt Steffen Zimmermann auf www.blogbooster.de . Wer möchte, lässt seine Texte von den Lesern kommentieren und mit Beiträgen anderer Autoren vernetzen. Das macht einerseits den Reiz des Mediums aus. Andererseits haben Unternehmer Scheu vor kritischen Beiträgen. Wie damit umgehen? Wer unliebsame Kommentare löscht, gerät schnell als Zensor in Verruf.

Noch ist die deutsche

Blog-Szene überschaubar

Das Gastgewerbe sei nicht gerade vom Internet begeistert, sagt Gerhard Schoolmann. Der Bamberger Gastronom präsentierte seine Gedankensplitter über die Branche auf www.abseits.de lange bevor überhaupt jemand in diesem Land das Wort Blog buchstabieren konnte. Er gilt als „Guru“ der Gastro-Blogger und hat aus seinem Hobby einen Vollzeit-Job gemacht. Etwa eine Hand voll Gastro-Profis schreiben über ihre tägliche Arbeit, über das Gastgewerbe oder ihre neuesten Rezepte. Beherrscht wird die Szene bisher allerdings von den Gästen selbst – in Deutschland sind es momentan schätzungsweise 40 ambitionierte Blogs.

Dort tauschen sich Feinschmecker über Themen rund ums Essen und Trinken aus. Zum Beispiel bei www.gumia.de . Betreiber ist der Mannheimer Mathematiker Theo Huesmann. Er gibt unter anderem Tipps, wie man einen Blog erfolgreich betreibt. Jeder interessante Neuzugang in der Szene spricht sich in Windeseile herum. Die Internet-Autoren begegnen sich übrigens nicht nur virtuell. Erst vor kurzem saß man unter dem Motto „Blog-trifft-Gastro“ gemeinsam mit Profis aus der Branche an einem Tisch.

„Na endlich! Da ist er ja. Der erste bloggende deutsche Chefkoch. Ein bisschen weit weg, nämlich in Shanghai. Aber im Global Village ist das ja beinahe um die Ecke“, schreibt Wein- und Gourmet-Journalist Mario Scheuermann in seinem Drinktank-Blog. Die Rede ist von Stefan Stiller, der auf seiner Seite „Stillers Shanghai News“ nicht nur über seine Erfahrungen und Erlebnisse in China berichtet, sondern auch detailliert über eines seiner aktuellen Projekte berichtet, den Mimosa Supperclub. „Ein Weblog ist gerade für Unternehmer ein ideales Medium zur Kundenbindung und Werbung. Aber da hinken die deutschen Gastronomen leider wieder mal einem Trend hinterher“, schreibt der Chefkoch aus Fernost.

Auch Stefan Niemeyer hält Blogs für eine interessante Ergänzung zum klassischen Marketingkonzept. „Allerdings sollte der werbende Charakter in den Hintergrund treten“, sagt der Marketingleiter vom Romantikhotel Schloss Rheinfels in St. Goar. In seinem „Schloss-Blog. Miete eine Burg“ trägt er seit Oktober 2005 Wissen und Gedanken zu seinem Arbeitsgebiet zusammen. Niemeyer schreibt zum Beispiel über Trends im E-Mail-Marketing, über Kunst im Hotel oder Kuriositäten. Zwischendurch erzählt er auch etwas über die Rheinfels-Aktie. Der Mix aus Branchen-Wissen und Infos über das Haus zieht täglich etwa 400 Leser an. Davon profitiere auch die Internetseite des Hotels.

Fachsimpeln

über Eisenpfannen

Viele Unternehmen würden aus Furcht vor dem Feedback der Leser lieber die Finger von Blogs lassen, sagt Thomas Lippert, Betreiber seines privaten Winzerblogs. Der Kellermeister des Heidelberger Weinguts Clauer hat für seinen Arbeitgeber jetzt einen „klitzekleinen“ Blog eingerichtet. In einigen Wochen sollen Gäste nach Weinproben dort berichten können, wie es ihnen gefallen hat. Ein Anfang.

Mit kritischen Tönen hat Karl-Josef Fuchs vom Hotel Spielweg im Münstertal keine Probleme. Er nimmt es gelassen, wenn sich ein Leser über sein Rezept für Muskatnuss-Eis aufregt, weil eine Überdosis dieser Frucht einen Rausch auslösen könnte. „Ich will Wissen vermitteln, das nicht alltäglich ist“, sagt Fuchs. Zum Beispiel den korrekten Umgang mit Eisenpfannen. Er schreibt mit den Kollegen Vincent Klink und Bertram Blauel seit Herbst 2005 den Blog „Nachgesalzen“, zu lesen auf der Internetseite der Wochenzeitung Die Zeit. Die Wirkung sei erstaunlich, sagt Fuchs: Immer häufiger sind es Zeit-Onlineleser, die den Link zu seinem Hotel anklicken.

Micaela Buchholz

Erschienen in der Allgemeinen Hotel- und Gastronomie-Zeitung, Ausgabe 2006/12, Seite 7
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