Hotellerie

Hotelier in der Zwickmühle

4-Sterne-Hotel Jagdhof: Hier kam es zum Konflikt mit einem Rollstuhlfahrer Foto: Hotel

Röhrnbach. Josef Ritzinger, Hotelier und Inhaber des 4-Sterne-Hotels Jagdhof im niederbayerischen Röhrnbach, hat mit Behinderten kein Problem. Sein Wellnesshotel ist für diese Klientel weit besser ausgestattet als so manch vergleichbares. Jetzt aber wurde Ritzinger von einem Paar aus Fürstenfeldbruck als behindertenfeindlich beschimpft. „Das war absichtlich herbeigeführt“, vermutet Ritzinger. Auch einige Hotelkollegen dachten spontan an eine gezielte Provokation. „Herr Ritzinger hat Erfolg und viel investiert“, so Hermann Reischl jun. vom Reischlhof im nahen Wegscheid, „das schafft möglicherweise Neid.“

Einseitige Darstellung

Die Situation im Jagdhof war heikel und wurde in den Lokalzeitungen nach Recherchen der AHGZ teilweise einseitig – zu Ungunsten des Hoteliers – dargestellt: Das Hotel hatte einen Schlaganfallpatienten zu Gast, der sich nur im Rollstuhl bewegen, nicht artikulieren konnte und von seiner Lebensgefährtin komplett abhängig war. Diese wiederum sei, so Josef Ritzinger, sowohl bei der Buchung als auch beim Check-in darauf hingewiesen worden, dass sich speziell die Saunalandschaft nicht für Rollstuhlfahrer eigne. Auch mit Blick auf die Hygiene. „Rollstühle mit Straßenbereifung sind letztlich wie Straßenschuhe zu handhaben.“ Das Paar fuhr dennoch in die Sauna. Der Schwerstkranke wurde von seiner Begleiterin auf die Holzflächen gehievt. Geschwächt und weit nach vorne gebeugt, lief ihm ständig unkontrolliert Speichel aus dem Mund.

„Das war der Auslöser für andere Hotelgäste, sich zu beschweren“, berichtet Ritzinger, der persönlich keine Berührungsängste mit Behinderten habe und einige sogar zu seinen Stammgästen zählt. Er bat das Paar dann – wie bereits bei dessen Ankunft –, die Sauna nicht zu besuchen, daraufhin reiste das Paar ab. Der Vorfall hat weithin für Ärger gesorgt. Nicht nur im Landkreis Freyung-Grafenau. Laut BHG-Präsident Siegfried Gallus befasste sich auch der Behindertenbeauftragte der bayerischen Regierung damit. „Die Branche wird hier in ein schlechtes Licht gestellt“, sagt Gallus, „dabei war die Situation eine echte Gratwanderung für den Hotelier.“

Großer Schaden

Gallus versteht nicht, weshalb die Gäste kein behindertengerechtes Haus aufgesucht haben. In Bayern gibt es drezeit 29 vom BHG geprüfte Betriebe, die entsprechend bundesweiter Kriterien ganz bewusst Menschen mit Behinderung ansprechen.

Die Behindertenbeauftragte des Landkreises Freyung-Grafenau, Theresia Schuhbaum, befürchtet durch den aktuellen Fall einen großen Schaden für die Region. „Wir wollen ja im Landkreis Urlaubsgäste mit Behinderung“ betont Schuhbaum, die selbst seit ein paar Jahren im Rollstuhl sitzt. Schuhbaum appelliert an Hoteliers und Gastwirte, auch aufgrund der immer älter werdenden Bevölkerung umzudenken.

Viele Hotelier-Kollegen haben indes Verständnis für Ritzingers Reaktion. „Man sollte sich doch in seine Lage versetzen“, so Michael Altewischer, Geschäftsführer der Wellness Hotels Deutschland. „Ich selbst bin mit gehbehindertem Vater aufgewachsen und somit gegenüber behinderten Menschen unverkrampft erzogen worden. Aber unsere Gesellschaft will mit dem Leiden anderer Menschen häufig nicht konfrontiert werden. Dieses gesellschaftliche Thema kann man als Hotelier allein nicht bewältigen.“

Altewischer weist darauf hin, dass Wellnesshotels Orte sind, an denen man sich mit Spaß um seine Gesundheit kümmert. „Wellnesshotels sind keine kurativen Einrichtungen!“ Und er erinnert daran, dass es in Wellnesshotels oft auch Probleme mit dem Verständnis anderer Gäste für tobende Kinder im Pool gebe. Das jedoch sei mit bestimmten „Kinder-Zeiten“ beispielsweise in Griff zu bekommen. Eine solche Regelung, etwa mit einem zeitlichen Sauna-Angebot für das Paar, wäre für Kurt Wagner, Direktor des Seehotels Überfahrt in Rottach-Egern, vorstellbar. „Krankheit ist schlimm genug, man darf Kranke nicht ausgrenzen“, sagt er. Er kennt ähnliche Situationen mit arabischen Gästen. „Mancher Einzelgast stört sich an Verschleierten im Hotel“, sagt er, „als Hotelier muss ich eine Lösung für alle finden.“

Schriftliches Angebot

Josef Ritzinger wird künftig sein Angebot in Schriftform fixieren. Einen goldenen Ausweg gibt es jedoch nicht. „Das hätte jedem von uns passieren können“, betont Reischl jun. „Der VdK und die Behindertenverbände sollen uns doch einmal konkret sagen, wie wir uns in so einem Fall verhalten sollten.“ Karin Gabler

Erschienen in der Allgemeinen Hotel- und Gastronomie-Zeitung, Ausgabe 2009/37, Seite 3
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