Erfolgreiche Hotellerie Die Kleineren (15)
Auch Zwerge haben gute Chancen
Mit immer neuen, ausgefallenen Ideen schafft es das kleine Entrée Hotel in Hamburg, seine Gäste zu verblüffen und sich damit gegen die Kettenhotels in der Stadt zu behaupten
HAMBURG. Keine Flaniergegend, kein aufregendes Panorama, schlechte Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel und ein nüchterner Zweckbau, das klingt nicht gerade nach der Zauberformel für den Erfolg eines Stadthotels. Und doch haben es Constanze und Martin Pätow geschafft, das Entrée an der Borsteler Chaussee in Hamburg seit der Übernahme vor fünf Jahren zu Deutschlands kleinstem 4-Sterne-Garni-Hotel und zu einem äußerst erfolgreichen Unternehmen zu machen
Die Pätows haben ihre eigene Zauberformel gefunden, und die lautet: „Zwerge sollten das tun, was Riesen nicht können!“ Das Motto steht groß auf der Karte, mit der das fünfköpfige, mit roten Zipfelmützen geschmückte Team seinen Gästen und Geschäftspartnern jüngst Weihnachts- und Neujahrsgrüße übermittelt hat. „Mit unseren 20 Zimmern fühlen wir uns wie ein Schnellboot zwischen großen Öltankern. Das hat manchmal große Vorteile“, beschreibt Martin Pätow die Stärken eines Zwerges.
Die Pluspunkte: Kurze Entscheidungswege, schnelle Umsetzung von Ideen, individueller Service und familiäre Atmosphäre. Die Belohnung: „Nach den Gästebewertungen auf der HRS-Internetseite rangieren wir unter den Top 3 der Hamburger 4-Sterne-Hotels“, sagt der Hotelier stolz.
Lektüre zum Mitnehmen
Die erste Überraschung des Tages wartet morgens am Frühstückstisch, wo der Gast persönlich auf einem kleinen Aufsteller mit Namen angesprochen wird. Das Kärtchen verrät nicht nur allerlei Wetterdaten, sondern auch einen kleinen Sinnspruch für den Tag. „Davon sind die Gäste immer begeistert. In einem großen Hotel mit mehreren hundert Betten wäre eine namentliche Ansprache gar nicht möglich“, sagt Constanze Pätow.
Die individuelle Betreuung begleitet den Gast bis zum Schlafengehen, wo er eine kleine Gute-Nacht-Geschichte auf seinem Kopfkissen findet. Die Geschichten werden von Autoren exklusiv für das Hotel geschrieben. Gäste, die noch mehr lesen wollen, können sich bei den ausliegenden Büchern bedienen und dürfen diese sogar ohne zu bezahlen mit nach Hause nehmen. Denn das Entrée Hotel ist eine „OBCZ“, eine Official Book Crossing Zone. Das heißt, als einziges Hotel Deutschlands bietet es Book-Crossern Gelegenheit, Bücher zu deponieren oder „freizulassen“. Book-Crosser sind Menschen, die ihre gekennzeichneten Bücher irgendwo liegen lassen, um deren Weg dann im Internet zu verfolgen und mit den Findern Kontakt aufzunehmen. Einzigartig im Entrée ist auch die „Wellnessoase“ für den Kopf, die bei sphärischen Klängen und wohltuenden Aromen Entspannung auf rund vier Quadratmetern bietet.
Wer nun meint, das Hotel hätte bei so viel Einfallsreichtum fünf Sterne verdient, liegt gar nicht so falsch. „Denn eigentlich sind wir ein 5-Sterne-Hotel“, verrät Martin Pätow mit einem Augenzwinkern. Im „Stern-Zimmer“ steht ein Teleskop bereit. Mit ihm können Gäste den „Stern des Entrée Hotels“ ins Visier nehmen. Auf diesen Namen haben die Hoteliers nämlich einen Himmelskörper offiziell taufen lassen. „Natürlich ist das nicht wirklich wichtig“, räumt Martin Pätow ein. Was zählt ist die Geste. Man spürt, da macht sich einer Gedanken, hat Spaß an der Arbeit.
Das wird von den Geschäftsreisenden, die ganz überwiegend das Entrée buchen, offenbar sehr geschätzt. Die Auslastung von 80 Prozent ist ein deutlicher Hinweis. Ideen hat Martin Pätow denn auch mehr, als er im eigenen Hotel umsetzen kann. Als Referent auf dem Young Leaders Day in Frankfurt gab er kürzlich eine kleine Kostprobe seines nahezu unerschöpflichen Ideenvorrats. Mathias Thurm

