Interview: Peter Bierwirth
Auf Umwegen zum Ziel
Herr Bierwirth, welches Thema bewegt Sie als Präsident der EHMA gerade am meisten?
Bierwirth: Unsere Mitglieder sehen sich europaweit mit den Herausforderungen der globalisierten Wirtschaft konfrontiert – egal ob in Businesshotels oder in Feriendestinationen, es gibt kaum noch Bereiche in unserem Gewerbe, die isoliert betrachtet werden können. Die derzeitige, noch nicht überwundene Wirtschafts- und Finanzkrise betrifft uns alle. Daneben bekommen Umweltthemen immer mehr Gewicht.
Ein weiteres Thema beschäftigt mich als Hotelier jedoch zunehmend: das Verhältnis zwischen Immobilieneigentümer und Hoteldirektoren. Hotels werden heutzutage gebaut und erworben, weil sie eine attraktive Investition darstellen – nicht weil ein Hotelier irgendwo einen konkreten Bedarf ermittelt hat. Zunehmend stehen anonyme Investmentfonds hinter den Projekten. Diese sind keine Idealisten, sie erwarten einfach Rendite, genauso wie bei jedem anderen Investment auch.
Wie wirkt sich dies aus?
Bierwirth: Es wirkt sich zunächst einmal auf das gegenseitige Verständnis zwischen Investor und Hotelier aus. Investoren verstehen sich primär auf Zahlen und haben Schwierigkeiten mit der Hotelmathematik, wonach 2+2 = 5-1 ist. Will sagen: In der Hotellerie kommt man oft auf Umwegen zum Ziel, da man es zuerst immer mit Menschen zu tun hat – Gästen und Mitarbeitern. Umgekehrt wissen viele Hoteliers immer noch zu wenig von den Sachzwängen der Investoren-Welt. Oft drängt sich der Eindruck von blankem Unverständnis der gegenseitigen Positionen auf. Eine meiner Herausforderungen als Präsident der EHMA und als Chef der deutschen Delegation ist, dafür zu sorgen, dass beide Parteien – Hoteliers und Investoren – mehr von sich wissen und sie sich zum Wohl ihrer Gäste, Mitarbeiter und Anleger besser verstehen.
Welche Ziele haben Sie sich für EHMA Deutschland gesteckt?
Bierwirth: Wir wollen qualitativ weiter wachsen und unsere Mitglieder mit attraktiven Tagungsprogrammen informieren, fortbilden und anspruchsvoll unterhalten. Um dieses Ziel zu erreichen, wollen wir auch selektiv „Privileged Partner“ aus der Zulieferindustrie gewinnen. Unsere diesjährige Frühjahrstagung in Baden-Baden steht beispielhaft für diese Zielrichtung.
Wie wollen Sie mögliche Sponsoren gewinnen ?
Bierwirth: Wir bieten eine hochinteressante Gruppe führender Hoteliers, zu denen der direkte Kontakt in ungezwungener Atmosphäre möglich ist. Wir konzentrieren uns dabei nur auf ausgesucht wenige Firmenvertreter, die exklusiv für ihre Branche stehen und uns einen konkreten Mehrwert bieten können.
Und wie vernetzt müssen Hoteliers aus Deutschland mit den Kollegen in Europa sein?
Bierwirth: Die Hotellerie war wohl der erste wirklich globale Wirtschaftszweig und lebt seit jeher von guten Kontakten. Da gehört Europa zu unserem „Vorgarten“ – man kennt sich über die Landesgrenzen hinaus und pflegt seine Beziehungen.
Welchen Nutzen ziehen Hoteliers aus der Mitgliedschaft?
Bierwirth: Die EHMA ist in erster
Linie eine sehr persönlich geprägte Vereinigung, sie verfolgt als sogenannte Non-Profit-Organisation keine wirtschaftlichen oder politischen Ziele. Bei uns steht der persönliche Kontakt im Vordergrund, dieser ermöglicht „Echt-Information“ über Märkte und Marktteilnehmer bis hin zu diskreten Informationen, die weder in Zeugnissen noch in der Zeitung stehen.
Welches Thema bewegt die Teilnehmer Ihrer heutigen Fachtagung besonders?
Bierwirth: Social Media, das Web 2.0, ganz klar. Hier geht die Entwicklung derart rasant vonstatten, dass manche befürchten, den Anschluss zu verpassen. Weblogs, Twitter oder Facebook, Reservierungs- und Bewertungsportale, Metasuchmaschinen: Nur wenige Hoteliers haben die Zusammenhänge in dieser gigantischen Maschinerie Internet begriffen, die dabei ist, unsere Welt bis ins Kleinste zu verändern. Bianca Spalteholz, die uns bei der Frühjahrstagung auf Trab gebracht hat, hörte, wie mancher „Oldie“ sich fragte: „Muss ich das wirklich alles noch lernen?“ Meine Antwort: Ja – und ohne Wenn und Aber! Selbst gute Hoteliers, die sich den neuen Medien verschließen, werden auf dem Markt nicht überleben.
