Thema der Woche
Die Billigesser
Viele Pärchen tauchen derzeit mit Gutscheinbüchern in Gaststätten auf. Das ist für die Verlage ein gutes Geschäft, aber profitieren die Gastronomen auch davon?
Die Jagd auf Schnäppchen findet nicht nur in den Märkten für Unterhaltungselektronik statt. Die „Geiz-ist-geil“-Mentalität hat sich rasch auch im Gastgewerbe breit gemacht. Seit der Abschaffung des Rabattgesetzes und der Zugabeverordnung im August 2001 wurden Tür und Tor geöffnet für Rabattschlachten jeder Dimension. Während die Hotellerie mit dem Gast, der „feilscht wie auf einem orientalischen Basar“, ihre Last hat, sieht sich nun die Gastronomie mit dem Gast konfrontiert, der per Gutscheinbuch „für Lau schlemmen“ will.
Dabei ließ sich die Couponing-Welle, die als Trend-Erscheinung wie so vieles aus den USA herüberschwappte und nun offensichtlich Riesendimensionen annimmt, ganz harmlos an. Die Firma Kuffer Marketing in Regensburg nimmt für sich in Anspruch, im Februar 2002 den ersten Restaurantführer mit Gutscheinbuch herausgegeben zu haben. Mittlerweile gibt es die „Schlemmerreise mit dem Gutscheinbuch“ in über 220 Städten und Regionen. Aus der Geschäftsidee von Kerstin und Josef Kuffer wurde ein mittelständisches Unternehmen, das sich rühmt, 150 Arbeitsplätze geschaffen und gesichert zu haben.
Neue Ideen finden bekanntlich rasch viele Nachahmer. Mittlerweile tummeln sich zahllose Anbieter von Gutscheinbüchern in Auflagen von 5000 bis 9000 Exemplaren je Stadt oder Region unter dem Slogan „2 mal essen – 1 mal bezahlen“ auf dem Markt zu Preisen zwischen 9,99 Euro bis 29 Euro. Der Käufer und potenzielle Gast wird mit Sparmöglichkeiten im drei- bis vierstelligen Euro-Bereich gelockt, sofern er sich durch alle Restaurants der Bücher schlemmt.
Diese Aussichten waren natürlich für die Gastronomie, die seit Jahren unter Gästeschwund und veränderten Konsumgewohnheiten litt, verlockend. Vor allem Newcomer erhofften sich, rascher einen größeren Gästekreis zu akquirieren. Hinzu kam der Gruppenzwang: Wenn der Konkurrent mitmacht, muss man auch dabei sein! Was sich als die zündende Idee für einen Weg aus der Misere anbot, scheint sich nach drei Jahren als zwiespältiger Bumerang zu erweisen. In den Buchhandlungen tummeln sich diverse Couponing-Bücher, die oft zu Sonderpreisen angeboten und von den seit der Euro-Umstellung noch stärker auf Sparen fixierten Kunden gekauft werden. In der Gastronomie tauchen die Gäste dann nach dem Motto „Heute schlagen wir den teuren Gastronomen mal ein Schnippchen und schlemmen ganz billig“ gleich mit mehreren Gutscheinbüchern auf.
Holger Hall von „Holger‘s Restaurant“ in Dormagen war wie seine Kollegen zunächst angetan von der Idee, dass ihn mehr Gäste entdecken könnten. Zweimal machte er bei der Kuffer-Schlemmerreise mit und machte dabei zunehmend schlechte Erfahrungen. „Anfangs hatten wir noch Gäste, die auch ohne Gutschein wiederkamen. Jetzt kommen sie nur noch, um billig zu essen. Hauptgericht, ein Wasser, ein Bier und Wiedersehen. Das ist für sie dann billiger als in einer Fast-Food-Kette. Das Gutscheinbuch ist zum Volkssparbuch geworden und lohnt sich daher auf lange Sicht nicht für uns Gastronomen.“
Hall als Chef eines mittelständischen Restaurants und viele Kollegen klagen auch über teilweise erpresserische Gäste, die sich nicht an die Spielregeln des Couponing halten und zu den angegebenen Zeiten und zu zweit kommen, sondern in größeren Gruppen und sogar zu Familien- und Firmenfeiern und dann fordern, dass Gutscheine angenommen werden. „Wenn man das nicht akzeptiert, wird man verrissen. Wenn ich noch einmal mitmache, dann nur unter neuen, ganz klar umrissenen Bedingungen.“
Guiseppe Saitta aus der Düsseldorfer Osteria Saitta war im letzen Jahr im Mercussini und macht nicht noch einmal mit: „Es hat sich nicht gelohnt. Außerdem kommen zu viele Gäste, die nicht meine Zielgruppe sind, und die meisten kommen kein zweites Mal.“ Auch für Guy de Vries und Christoph Schweinböck vom Landhaus Mönchenwerth in Meerbusch waren die Gutschein-Gäste nicht die richtige Zielgruppe. „Die meisten sagten bei der Ankunft dem Kellner nicht, dass sie Gutscheingäste sind. Da mussten wir dann Stornos vornehmen, was sehr ärgerlich ist, da wir ja letztendlich dem Finanzamt klar machen müssen, warum ein Storno erfolgt ist.“ Nichteinhaltung der Regeln beklagt auch die Familie Bosch vom Gasthaus Linde in Heidenheim. „Die zwangsläufige Diskussion der Bedienung mit dem Gast ist keine Werbung für uns.“ Hans-Ludwig A. Straub vom Gasthof Drei Kronen in Memmelsdorf bei Bamberg hat auch negative Erfahrungen gemacht: „Treue Stammgäste kommen sich doch abgezockt vor, wenn ein wildfremder Gast ein Essen geschenkt bekommt. Solche Aktionen sind dem Publikum gegenüber unfair. Wir beobachten eher eine negative Stimmung gegenüber den teilnehmenden Restaurants. Wir fragen uns: Was, der hat es nötig dort mitzumachen?“
unter Wert verkaufen“
Als „schamlose Ausnutzung der Überkapazitäten der Gastronomie am Markt durch die Verlage“ bezeichnet Hanns Konrad Winkler vom Privaten Braugasthof und Flairhotel Winkler Braustüberl im fränkischen Velburg-Lengenfeld die Coupon-Buch-Schwemme. „Diese Verlage liefern den nach Umsatz ringenden Gastwirten auch noch kostenlos den teuren Strick.“ Der Verkauf von rund 5000 Karten oder Heften, so lautet sein Rechenexempel, bringe dem Verlag 50.000 bis 75.000 Euro. Demgegenüber stünden beim bei Einlösung von 5.000 Coupons Einbußen für den Gastronomen in Höhe von 30.000 (6 Euro pro Gericht) bis 50.000 Euro (10 Euro je Gericht). Coupon-Gäste sind also, wie es Dr. Thomas Ehrborn von der Brasserie Bruxelles GmbH in Hannover formuliert, „keine guten Gäste“. Für die Gutscheinbücherverlage dürfte es bei so viel negativen Erfahrungen in Zukunft eng werden. Auf das Argument des „Gemischtwarenladens“, in dem sich der Sterne-Tempel neben der Dönerbude wiederfindet, haben viele schon reagiert. Mercussini gab zum Beispiel jetzt ein Premium-Gutscheinbuch für Stuttgart heraus, in dem nur 30 Restaurants der Spitzengastronomie enthalten sind, die unter Berücksichtigung der etablierten Guides ausgewählt und persönlich aufgesucht wurden. „Genießen und sparen. Aber: Mit Stil, bitte!“ heißt es in der Werbung. Die Auflage wurde mit 3500 niedriger gehalten als bis dato üblich.
Auch in Köln gibt es mit „Bon-Cuisine Menü-Bonbuch“ ein neues Gut- scheinbuch, das auf Qualität und Professionalität setzt, statt auf Masse. Birgit Schwabe und Shahzad Akhter-Khan haben jahrelang in der First-Class-Hotellerie und im Bereich Marketing/Vertrieb gearbeitet, ehe sie in ihren Agenturen MIT und Si! ihr eigenes Gutscheinbuch entwickelten. „Wir haben nur 24 gehobene internationale Restaurants aufgenommen, die sich jeweils für das Couponing mit einem landes- oder betriebstypischen 3- oder 4-Gänge-Menü präsentieren“, so Akhter-Khan.
Wer das Menü nicht mag, kann alternativ ein Überraschungsmenü zu den Konditionen von „2 mal essen – 1 mal zahlen“ wählen. Um „Bon Cuisine“ für den Gastronomen kalkulierbar zu machen und sie vor dem Geiz der Gäste zu schützen, sind auf jedem Gutschein klar die Zeiten für die Menü-Bon-Einlösung angegeben. Außerdem geht es nicht ohne vorherige Reservierung und auf jedem Coupon steht: „Gegenseitiges Einladen oder Barauszahlung sind ausgeschlossen“. Schwabe und Akhter-Khan kümmern sich außerdem um die Präsentation ihres Bonbuchs im Buchhandel. So liefern sie also zum bevorstehenden Valentinstag, der sich gut für ihre Zielgruppe der Gäste, die „nicht nur gerne essen, sondern dieses Ereignis auch zelebrieren möchten“, eignet, Plakate und Lesezeichen in die Buchhandlungen. Neu auf dem Markt und nicht auf Masse, sondern auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet, ist auch das Buch „Family Diner“.
Der Frankfurter Verlag bietet für 12,90 Euro im Buchhandel, in Spielzeuggeschäften und Kinderboutiquen ein Buch an mit 20 familienfreundlichen Gastronomiebetrieben und Tipps für Freizeitstätten, an denen Familien gut aufgehoben sind. Pro Elternteil oder anderem erwachsenen Verwandten isst ein Kind umsonst inklusive Getränk. Viele Hotels und Restaurants bieten allerdings schon seit Pre-Couponing-Zeiten für Kinder Vergünstigungen wie zum Beispiel die Jever-Skihalle in Neuss, wo Kinder bis zu fünf Jahren beim Wochenendbuffet kostenlos essen und bis zu 14 Jahren die Hälfte zahlen.
Den Spieß umgedreht hat die Interessengemeinschaft von einem Dutzend Dortmunder Gastronomen, die zu den Pionieren der sommerlichen Gourmet-Meilen gehören. Seit 20 Jahren sind sie erfolgreich mit „Dortmund à la carte“ und wollten sich auch den Erfolg des Couponings nicht entgehen lassen. „Eigentlich will niemand diese um sich greifende Rabattitis, aber man kommt als Gastronom nicht daran vorbei. Aus den schlechten Erfahrungen der anderen haben wir gelernt“, so Jürgen Wolf, Chef der Hövels Hausbrauerei, „und geben nun ein eigenes Gutscheinbuch mit 13 weiteren Partnern heraus. So bestimmen wir die Qualität der Anbieter und des Buches und die Einnahmen stecken wir gemeinsam in unser Jubiläumsprogramm.“



Alramseder Manfred Birkweiler
07.06.2008 um 13:31
Betreff: Kommentar zum Artikel
Ich habe vor 4 Jahren das erste maml bei solchen Gutscheinen mit gemacht. Dsa war das dümmste was ich je gemacht habe. Man gewinnt kaum zusätzliche Gäste dazu. Nur Biligesser zieht man damit an. Zwei mal das teuerste Gericht und ein Glas Wei zu zweit oder das beste ein Gast wollte sich die Differenz u dem teuren Gerichtes seines Tischpartners auszahlen lassen. Jeder Gastronom sollte sofort mit solchen Dingen aufhöhren ,sie machen die ganze Brache kaputt.
Auch "Kollegen" die ihr Tagesgericht weit unter dem Preis beim einkaufen( zb. Schweineschnitzel mit Beilagen ,Salat und ein alkoholfreies Getränk für 2.90 ) anbieten sollten einmal darüber nachdenken was sie andern zumuten.