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Zeitgemäß und anheimelnd: Restaurant im Vigilius Mountain Resort in Südtirol Foto: Archiv

Branche aktuell

Die neue Gemütlichkeit

In die Gastronomie- und Hotel-Architektur kehrt wieder ein Stück Klassik zurück – inklusive Stuck, Parkett und bequemen Sesseln

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2007/14 vom 7. April 2007

STUTTGART. Im kleinen französischen Ort Laguiole spricht man noch immer bloß vom „Raumschiff“, wenn man das nüchterne Anwesen von Starkoch Michel Bras meint. Obwohl der futuristische, kantige Bau der Architekten Eric Raffy und Philippe Villeroux bereits 1992 in die Hügel der französischen Auvergne platziert wurde, wirkt er noch immer wie ein Fremdkörper. Streng sind die Linien, fast drückend wirken Gänge und Innenhöfe. Für einen längeren Wellnessaufenthalt ist das Haus nicht gemacht, spätestens nach zwei Tagen sucht man das Weite – Bras’ begeisternder Küche zum Trotz.

Cool macht keine Schule mehr

Das französische Raumschiff ist nicht das einzige ambivalent wirkende Beispiel der Restaurant- und Hotelarchitektur. Was vor wenigen Jahren noch als zeitlos und zukunftsträchtig gerühmt wurde, entpuppt sich bei Licht betrachtet oft als hilflos. Noch existieren sie, die nüchternen, coolen, unnahbaren Restaurants und Hotels im Hardcore-Design, werden sogar neu eröffnet – doch Schule machen sie nicht mehr. „Nach meinem Empfinden lässt sich ein lobenswerter Trend erkennen, Optik und Ästhetik mit Funktionalität und Komfort zu verbinden“, sagt Jost Deitmar. Der geschäftsführende Direktor des Hamburger Hotels Louis C. Jacob hatte im behutsam erneuerten Traditionshaus nie unter fehlgeleitetem Design zu leiden. Anderswo freilich galt noch vor kurzem Einzigartigkeit mehr als Zweckmäßigkeit, die Regel „form follows function“ wurde außer Kraft gesetzt. Nicht selten nahmen in den 1980er- und 1990er-Jahren weder Architekten noch Bauherren Rücksicht auf die Bedürfnisse der Gäste. Es wurde auf Teufel komm raus gestylt. Ob die Badezimmerarmaturen leicht zu bedienen waren, juckte viele Designer kein bisschen. Bequemlichkeit war zweitrangig, Gemütlichkeit strengstens verpönt.

Doch inzwischen darf man sich wieder zu Ambiance bekennen, schließlich spricht alle Welt über Wellness und realisiert, dass Wohlbefinden nicht im Pool-Bereich beginnt. Nicht mehr so recht im Trend liege unterkühltes Design, bestätigt Michel Müller. Der junge „Stilbruch“-Architekt schuf das Furore machende Wiesbadener „Tasca“: modern, effektvoll beleuchtet, doch inklusive Stuck, Parkett, Gemälden und bequemen Sesseln. „Eine gewisse Klassik“, sieht Müller in der Gastro-Architektur von heute. „Man arbeitet sehr stark mit organischen Formen, mit Texturen“. Was „Tasca“-Chef Juan Amador und kochenden Kollegen zupass kommen dürfte, schließlich sind Texturen mehr denn je auch ein Thema auf dem Teller. Ein anderes Thema sind Materialien. Das 5-Sterne-Hotel „Central“ im österreichischen Sölden legte bei den neu eingerichteten Suiten Wert auf Besonderes. „Für die Einrichtung wurden Stoffe von Etro, Nobilis, Lizzo und Edelhölzer wie europäische Nuss, handgehobelte Eiche, gewachstes Antikholz oder Bambusholz verwendet“, so „Central“-Marketingchefin Melanie Oberrauch. Die 2006 nach 20 Umbaumonaten neu eröffnete Basler Hotel-Legende „Les Trois Rois“ integrierte zumindest ein antikes Möbelstück in jedem Raum. „Die Gäste sollen unsere Passion für jedes Detail spüren“, so Inhaber Thomas Straumann.

Heißt der Trend also Retro? Nicht unbedingt. „Modern ist keineswegs out“, relativiert Wolfgang Becker energisch. Gerade erst hat der Wohlfahrt-Schüler im behäbigen Trierer Weinvorort Olewig einen imposanten neuen Hotelbau samt Weinbar und Restaurant fertiggestellt. Doch innen ist keine Achtziger-Jahre-Sterilität zu finden, stattdessen harmonieren geschwungene Linien mit natürlichen Materialien. „Modern muss eben nicht kalt bedeuten, sondern kann auch warm heißen“ so Becker, „es wurde viel Holz verarbeitet“.

Edle Stoffe, gewachstes Holz

Apropos Holz. Die Integration natürlicher, möglichst regionaler Rohstoffe ins Design korrespondiert mit Umweltbewusstsein, energiesparendem Bauen und Nachhaltigkeit. Den Weg vor gibt da die zunehmende Leidenschaft der Gäste und Köche für Bio-Produkte, regionale Rezepte sowie Weine autochthoner Rebsorten. „Eine Tendenz zu Cosyness und Authentizität“, erkennt „Jacob“-Chef Jost Deitmar. Und weil das so ist, wird heute nicht mehr der französische Designer Philippe Starck als Trendsetter gefeiert, sondern der Architekt Matteo Thun. In „seinem“ Südtiroler Vigilius Mountain Resort verlieren Begriffe wie „modern“ oder „Retro“ endgültig an Bedeutung. Die Grenzen zwischen Natur und Architektur verschwimmen, der Baustoff Lehm wurde ins Hotel integriert, geheizt wird mit einer Biomasseanlage. Der Blick schweift in die Weite, man fühlt sich wohl. Auch noch am dritten Tag. Wolfgang Faßbender

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