Gemeinsam etwas bewegen: Projekt-Initiator und Privathotelier Hans Jürgen Höllriegel (Zweiter von links) und Bertram Thieme, Dorint Novotel Charlottenhof (Fünfter von links) mit vier glücklichen Auszubildenden
Branche aktuell
Lehrstellen wundersam vermehrt
Ausbildungsverbund gibt der Jugend in Halle eine Chance / Nachahmenswertes Modell für andere Gastronomen
aus:
AHGZ-Druckausgabe Nr. 2006/42 vom 21. Oktober 2006
von Mathias Thurm
HALLE. Sie haben Lehrstellen geschaffen, wo es eigentlich gar keine geben dürfte: das Restaurant Delphi und das Café Emilie in Halle an der Saale. Keiner der Beschäftigten dort besitzt die Lizenz zum Ausbilden.
Neue Möglichkeiten
Und die Betriebe sind so klein und spezialisiert, dass nicht alle prüfungsrelevanten Lernfelder in der Praxis vermittelt werden können. Trotzdem lernen im „Delphi“ und „Emilie“ 14 junge Leute einen gastgewerblichen Beruf. Möglich gemacht hat diese wundersame Entstehung von Lehrstellen ein Ausbildungsverbund, dem neben den genannten Betrieben noch das Dorint Novotel Charlottenhof und das Hotel Am Steintor in Halle angehören. „Wir sind ein Hotel garni und können deshalb angehenden Restaurantfachleuten nicht die ganze Bandbreite des Berufes nahebringen“, sagt Hans Jürgen Höllriegel vom Hotel Am Steintor, gleichzeitig Initiator und überbetrieblicher Ausbildungsleiter des Verbundes. Durch den Zusammenschluss bieten sich für die insgesamt 38 Azubis der vier Häuser ganz neue Möglichkeiten. „Alle Auszubildenden durchlaufen alle angeschlossenen Betriebe“, erläutert Höllriegel im Gespräch mit der AHGZ. So lernt der Kochazubi vom Griechen „Delphi“ im 4-Sterne-superior-Hotel Charlottenhof auch mal die deutsche Küche kennen und die Restaurantfachfrau aus dem Café Emilie erfährt, wie ein Bankett läuft. Doch von dem Zusammenschluss profitieren nicht nur die Kleinen. „Die Azubis, die zu uns kommen, stehen ja nicht nur rum, sondern packen richtig mit an. Außerdem tut es den jungen Leuten gut, mal zu sehen, wie außerhalb des 4-Sterne-superior-Bereichs gearbeitet wird “, sagt der Direktor des Hotels Dorint-Novotel Charlottenhof, Bertram Thieme. Er ist in den vor fünf Jahren gegründeten Verbund eingestiegen, weil er als alter Hallenser, der seit 30 Jahren in der Stadt als Hoteldirektor tätig ist, etwas für die Menschen in seiner Region tun will. „Durch diese Initiative gibt es hier in Halle jährlich zusätzliche 15 Lehrstellen, die es sonst nicht geben würde“, freut sich Thieme. Manchmal arbeiten alle Lehrlinge auch an einem gemeinsamen Projekt. „Bei der 150-Jahr-Feier der Rotkäppchen-Sektkellerei, zu der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel gekommen ist, haben sie das Catering für die 700 Gäste übernommen“, berichtet Thieme stolz. Stolz kann der Verbund auch auf die Qualität seiner Ausbildung sein.
Azubis als Landessieger
„Die beiden landesbesten Azubis gastgewerblicher Berufe aus Sachsen-Anhalt kommen in diesem Jahr aus unserem Ausbildungsverbund“, sagt Höllriegel. Expandieren und neue Betriebe aufnehmen will das Modell dennoch nicht. „Dann können wir uns um den Einzelnen nicht mehr richtig kümmern“, so der Ausbildungsleiter.
Als Vorbild für andere Regionen und Betriebe kann das Modell gleichwohl dienen. Auch der DEHOGA Bundesverband steht der Bildung von Ausbildungsverbünden positiv gegenüber. „Wir informieren unsere Mitglieder über diese Möglichkeit und begrüßen, wenn sich Betriebe zu einem Ausbildungsverbund zusammenschließen“, so Sandra Warden, als DEHOGA-Geschäftsführerin zuständig für die Berufsbildung. Mathias Thurm
www.am-steintor.de
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