Gastkolumne
Mit Lebensart gegen Pfunde
Von Erwin Seitz
Eigentlich wissen wir längst Bescheid. Wenn wir alle ewig leben wollen, ohne gemeinerweise die Krankenkassen zu schädigen, dürfen wir nicht mehr rauchen, kaum noch Alkohol trinken, keine fetten oder zuckrigen Speisen essen, und wir müssen mehr an die frische Luft, uns bewegen und Sport treiben. Was die christliche Lehre schon vor zweitausend Jahren verkündete, soll nun in der säkularen Gesellschaft zur Wirklichkeit werden: Wir sollen endlich ein diätetisches Leben führen.
So will es das Bundeskabinett, in dem selbst einige Mitglieder epikureisch anmuten oder vollschlank sind: die Kanzlerin, ihr Außenminister, ihre Gesundheitsministerin, ihr Ernährungsminister und nicht zuletzt ihr Umweltminister, Gabriel der Starke. Die Herrschaften stellten ihr Thesenpapier „Gesunde Ernährung und Bewegung – Schlüssel für mehr Lebensqualität“ vor, das Grundlage für einen „nationalen Aktionsplan“ werden soll, um Übergewicht vorzubeugen.
Wenn die Kampagne ein wenig Erfolg haben soll – was wir unseren besagten Ministern wünschen – , dann wird man ein neues Verständnis für die Bildung von Kindern, Jungendlichen und Bürgern entwickeln müssen. Man wird nicht länger darum herumkommen, umfassend über das richtige oder gute Leben nachzudenken. Es wird nicht mehr reichen, dafür in Kindertagesstätten und Schulen die autoritären oder metaphysischen Gebote der Religion zu lehren. Auch die endlose Debatte über Gesundheit wird allein nicht fruchten.
Es ist längst an der Zeit, Disziplinen wie philosophische Ethik, Lebenskunst, verfeinerte Lebensart einzuführen. Fächer, die auf natürliche Zusammenhänge eingehen und den Menschen in seiner Natur nicht überfordern. Wer das diätetische Leben nicht mit Abwechslung, Varianz und Genuss zu verbinden weiß, wird an den Urtrieben der Menschen scheitern. Wer den Gourmand überwinden will, muss den Gourmet hervorbringen. Laut Statistik sind die Franzosen und Italiener die schlanksten Leute in Europa.

