Anzeige

AHGZ - Das Fachportal für Hotellerie und Gastronomie

Anzeige

„Der Busgast von heute hat sich verändert. Sein schlechtes Image ist überholt.“ Expertin Margot Frank

Thema der Woche

Mit Senioren in die Zukunft fahren

Wachsendes Geschäftsfeld für das Gastgewerbe: Die Nachfrage nach Busreisen steigt / Kaufkräftige Generation 50 plus verbessert Image der Reisegruppe

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2006/15 vom 15. April 2006

STUTTGART Die alternde Gesellschaft stellt den Urlaubsmarkt vor große Herausforderungen. Einer der Gewinner der demografischen Veränderung könnte der Busreisemarkt sein. Nach der Reiseanalyse 2006 der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (F. U. R.) ist der Marktanteil der Bus-Urlaubsreisen im vergangenen Jahr um 0,5 Prozentpunkte auf 10 Prozent gestiegen und hat sich damit weiter stabilisiert. Er wird bis 2015 auf 12 bis 13 Prozent anwachsen, prognostiziert der Internationale Bustouristik Verband e.V. (RDA). Treibende Marktkraft seien die Senioren, meint Präsident Richard Eberhardt. Große Hotelketten, aber auch Privathotels, haben diesen Trend erkannt und gehen Kooperationen mit Busreiseunternehmen ein, um vor allem auslastungsschwache Zeiten zu überbrücken. (Siehe Seite 8)

Margot Frank vom Touristik Consulting Team (TCT) in Hannover fordert die Hoteliers auf, ihre Scheu vor Bustouristen abzulegen. Der Busgast von heute habe sich verändert, er trete nicht mehr in lärmenden Horden auf. „Sein schlechtes Image ist überholt“, betont die Branchenexpertin. Der „Ballermanntourist“ fliege. Dagegen würden Busreisen bei der kaufkräftigen Generation 50 plus sowie Aktivurlaubern im Alter von 35 bis 60 Jahren immer beliebter. Diese Gäste seien meistens Genussmenschen, die ein Faible für gutes Essen und Kultur hätten. Frank berät mittelständische Hotels in Marketing- und Vertriebsangelegenheiten im Bereich Bus- und Tagungstourismus.

Nach einer Befragung von F. U. R. wollen 23 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren in den nächsten drei Jahren „ziemlich sicher“ eine Reise mit dem Bus machen. Vor vier Jahren hat dieser Wert laut Marktforschungsexperten noch bei 18,5 Prozent gelegen. Wie der RDA betont, sind besonders deutsche Ziele gefragt. „Der Bus ist und bleibt das sicherste Reiseverkehrsmittel“, hebt der Verband hervor.

Zur Aufnahme von Verhandlungen mit den Busreiseunternehmen rät Margot Frank den Hotels, Leistungen wie Verpflegung, Preis, Freiplatzregelung für den Fahrer und Programm genau anzugeben. „Je detailliertere Informationen ein Einkäufer bekommt, umso besser kann das Produkt an den Endkunden weitergegeben werden“, meint die von der Financial Times Deutschland als „Hotelflüsterin“ bezeichnete Fachfrau.

Umgesetzt wurden diese Ideen von den Akzent Hotels mit Sitz in Goslar. Busunternehmen können sich auf der Internetseite www.busreisen.akzent.de Informationen über die 77 Hotels herunterladen. „Wir suchen uns Veranstalter, die zu uns passen und feilschen nicht um den letzten Cent“, sagte Marketingleiter Ralf Hummel der AHGZ. Das Unternehmen bemühe sich um Busreisende, die Qualität schätzten. Das Rahmenprogramm für Gruppengäste hängt nach Hummels Äußerungen vom jeweiligen Standort ab. In Städtehotels wie in Berlin würden beispielsweise Kulturveranstaltungen angeboten, in Stuttgart Musicals und in einem Urlaubshotel in Franken eine Weinprobe.

Das Hotel Dolce Berlin Müggelsee verzeichnet inzwischen einen Anteil der Busreisenden an der Gesamtbelegung von 29 Prozent. „Letztes Jahr ist positiv verlaufen“, sagt Sales Manager Gerhard Wauer. Das Tagungs- und Konferenzhotel mit vier Sternen hat die Busreisen als zweites Standbein entdeckt. Die bringen auch am Wochenende Gäste ins Haus. Die Erfahrungen seien gut. „Die Mehrheit der Gäste ist über 60 Jahre alt und weiblich“, meint Wauer. „Das sind ruhige Touristen, die viel unterwegs sind.“ Um seine verschiedenen Angebote besser vermarkten zu können, hat das Hotel einen Busreisekatalog erstellt.

Einen besonderen Service haben sich die im 3- und 4-Sterne-Segment positionierten Achat-Hotels ausgedacht. Sie vergeben als Treuebonus an Busunternehmen, die im Besitz einer entsprechenden BusTOP-BonusCard sind, geldwerte Bonuspunkte.

Nach Einschätzung des Verbands sind Reisebusunternehmen ideale Partner für Großereignisse wie die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft. Im Auftrag des Verbands hat die F. U. R. im Januar 2006 untersucht, ob und welchen Einfluss die WM auf das Reiseverhalten haben wird. Knapp zwei Drittel der bekennenden und potenziellen Busreisenden gab an, dass sich ihr Reiseverhalten wegen der WM nicht verändern wird. „Das zeigt deutlich, dass Befürchtungen, während der WM würden Kurz- und Städtereisen mit dem Bus massiv rückläufig sein, nicht zutreffen“, betont RDA-Hauptgeschäftsführer Dieter Gauf. Er macht zudem deutlich, dass die Bus-Unternehmen sehr flexibel seien und neue Ziele schnell ins Portfolio aufnehmen könnten.

Das bietet auch kurzfristig noch die Chance zur Zusammenarbeit mit Hotels, um sowohl Fußballfans ohne Tickets als auch Fußballmuffel mit speziellen Programmen ins Haus zu holen. Andere mögliche Gäste haben bei der F. U. R.-Befragung dagegen angegeben, erst nach der Fußball-WM verreisen zu wollen. Das könnte nach RDA-Angaben die Reisesaison deutlich verlängern.

Voraussetzung für die Aufnahme von mehr Busreisetouristen in den Hotels ist nach Meinung von Margot Frank jedoch der richtige Umgang mit ihnen. Sie empfiehlt, die Ankommenden im Foyer durch den Hotelmanager zu empfangen. Weiter seien freundliches Personal wichtig, die kostenlose Bewirtung von Fahrer und Reiseleitung und flexible Frühstückszeiten. „Ein schlimmer Fehler ist, Busgäste als Gäste zweiter Klasse zu behandeln“, warnt Frank. Auch getrennte Speiseräume müssten vermieden werden. Positiv auf die Gästebindung wirkten sich dagegen Zusatzleistungen an, die ohne Berechnung angeboten werden könnten: Ein Begrüßungscocktail, Schnaps nach einem regionalen Essen, oder zum Muttertag ein Geschenk für die Damen.

Welche Bedeutung der Busreisemarkt hat, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Von den 120 Mio. Urlaubseisen im vergangenen Jahr waren laut RDA 6,22 Mio. Busurlaubsreisen. Die Zahl der Kurz-Urlaubsreisen über zwei bis vier Tage liegt nach den Angaben bei 12 bis 15 Mio. Dazu kämen 100 Mio. Gelegenheitsverkehre wie Tagesfahrten und Klassenfahrten. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes gibt es in Deutschland rund 5700 private Omnibusunternehmen mit etwa 71.000 Bussen. Von dieser Branche sind 170.000 Arbeitsplätze abhängig.

„Ich persönlich gehe nicht davon aus, dass sich die Bustouristik in einer Krise befindet“, machte RDA-Präsident Eberhardt kürzlich bei der Mitgliederversammlung des Verbands deutlich. Das zeigten die Zahlen der Reiseanalyse. Sorgen bereiteten jedoch die Dumpingpreise von Billigfliegern, denen viele Busreiseunternehmen nichts entgegensetzen könnten. „Wir stellen auf der einen Seite fest, dass wir Boden im traditionellen Städtetourismus an die Ryanairs & Co. verloren haben, andererseits gibt es gerade in diesem Segment bei vielen Kollegen Steigerungsraten“, sagte Eberhardt. Die hohe und vor allem wachsende Reiseintensität der Senioren sei ebenfalls ein Hoffnungszeichen. Der Präsident warnte aber vor Automatismen. „Wir haben es mit einer Klientel zu tun, die in den letzten Jahrzehnten beträchtliche Reiseerfahrungen gesammelt hat.“ Deshalb könne nicht mit den Erfolgen von gestern auf die Zukunft gesetzt werden.

Busreiseexpertin Margot Frank ist unter www.touristik-consulting-team.de erreichbar. Cornelia Küsel

Kommentieren Drucken
Auch interessant

Es ist noch nicht zu spät

Grölende Kegelbrüder, kreischende Sangesschwestern – noch immer hält sich hartnäckig das Vorurteil, dass Busreiseteilnehmer lärmend und alkoholisiert durch die Hotelanlagen ziehen und anderen Gästen das Leben schwer machen. mehr...

Weitere Artikel aus Archiv vom 15.04.2006 :

Zusatzgeschäfte: Es ist noch nicht zu spät (15.04.2006)
bÄrlauch-Fieber: Des Guten zu viel (15.04.2006)
INTERVIEW DER WOCHE: „Netzwerk pflegen und weiter ausbauen“ (15.04.2006)

Diesen Artikel bei Google+, Xing, Twitter oder Facebook weiterempfehlen:

Bisher keine Leser-Kommentare zum Artikel