Kommentar
Noch braucht’s Geduld
Von Cornelia Küsel, Redakteurin
Der kräftige Aufschwung hat die Experten kalt erwischt. Noch Mitte vergangenen Jahres sahen die meisten Volkswirte angesichts höherer Steuer- und Abgabenlast schwarz für die deutsche Wirtschaft. Zu sehr waren sie in der jahrelangen Lamentiererei über verkrustete Strukturen auf dem deutschen Markt verhaftet. Doch von heute auf morgen schienen die aufgebrochen zu sein, Deutschland gab die rote Laterne als Schlusslicht Europas ab und die Prognosen wurden flugs entsprechend der Entwicklung nach oben angepasst.
Nun haben diese Voraussagen – ähnlich dem Orakel von Delphi – ohnehin mehr Unterhaltungswert als Aussagekraft, wie die zahlreichen Korrekturen nach oben oder unten in der Vergangenheit deutlich machen. Doch diesmal liegen Prophezeihungen, Stimmung und Ist-Zustand ganz dicht beieinander. Und alle Faktoren weisen gemeinsam auf einen nachhaltigen Aufschwung auch auf dem Binnenmarkt hin. Sinkende Arbeitslosenzahlen und daraus resultierende sprudelnde Steuereinnahmen sind deutlich spürbare Zeichen.
Das schürt auch die Euphorie im Gastgewerbe. DEHOGA-Präsident Ernst Fischer stellt sich nominal immerhin trotz Mehrwertsteuererhöhung ein Prozent Umsatzplus für die gesamte Branche vor. Ob es dazu kommt, bleibt anzuzweifeln.
Noch ist die Kaufkraft wegen steigender Steuern und Abgaben zu schwach, die Konjunktur daher noch nicht stabil genug. Denn anders als die exportorientierte Industrie werden die vom Binnenmarkt abhängigen Hoteliers und Gastronomen sehr wohl merken, dass der Verbraucher weniger Geld im Portemonnaie hat. Hinzu kommt ein aus der Fußball-Weltmeisterschaft herrührendes Überangebot an Übernachtungskapazitäten.
Dennoch: Grund zum Optimismus hat die Branche allemal, wenn sich eine Besserung ihrer Geschäftslage möglicherweise auch erst 2008 zeigen wird. Denn erst dann können sich der jetzt einsetzende Beschäftigungszuwachs und etwaige höhere verfügbare Einkommen in der Binnenkonjunktur bemerkbar machen. Also, noch ein wenig Geduld. Vielleicht hilft ein Blick in die Kugel, die Zeit zu überbrücken (Seiten 1,3).

