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Moderne Kultur: Die Architektur vom Weingut am Stein in Würzburg nutzt die Lichteffekte des unterschiedlichen Sonnenstandes. Zum Komplex gehören Gästehaus, Tagungszentrum und Verkostungsraum Foto: U

WENDE IM WEINBERG Junge Winzer etablieren sich als Szene-Gastronomen / Architekten bringen Image

Wein, Design und Hotels

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2006/47 vom 25. November 2006
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Winzergastronomie hat viele Gesichter. Natürlich kann man auch heute noch weinselig hinter bunten Butzenscheiben sein Bembelchen leeren. Muss man aber nicht.

Endlich ist ein Trend nach Deutschland geschwappt, der in den benachbarten Weinländern schon länger Architekten und Weinfreunde gleichermaßen begeistert: Selbstbewusst und überaus mondän erheben sich allenthalben futuristische Bauwerke über den Weinreben, die vom neu erwachten Stolz auf die einheimischen Gewächse künden – und vom festen Willen, diese auch gewinnbringend zu vermarkten.

Trendige Locations

Soeben eröffnet sind die neuen Räume des rheinhessischen Weinguts Kühling-Gillot in Bodenheim, nahe Mainz, unter der Leitung der jungen Winzerin Carolin Spanier-Gillot. Vom Barrique-Raum über die Verkostungslounge mit Bar bis zum Gastrobereich mit Design-Möblierung ist der Komplex ebenso hochwertig wie überzeugend gestaltet. Er „soll erkennbar machen, dass deutscher Wein ein Kulturgut bleibt und kein Industrieerzeugnis wird“, so die Botschaft der Bodenheimer. Den Einstieg in die Hotelleriebranche demonstrieren überzeugend die Winzer Christel und Arno Augustin vom gleichnamigen Weingut in Sulzfeld am Main. Das Vinotel Augustin besticht durch individuell und hochwertig gestaltete Zimmer. Sie tragen Namen wie Loft, Orient, Tropen, Hütte oder PopArt. „Wenn wir unseren Weinkunden Zimmer anbieten wollen, dann muss das absolut hochwertig und extravagant sein“, erläutert Winzerin Christel Augustin.

„Nur das Beste für die Besucher“ hat sich auch das Weingut am Stein in Würzburg auf die Fahnen geschrieben. Der Komplex umfasst ein modern gestaltetes Gästehaus mit hochwertigen Zimmern. Dazu kommt ein avantgardistisch anmutendes Tagungszentrum mit einem Verkostungsraum, der die Lichteffekte des unterschiedlichen Sonnenstandes nutzt. In wunderbarem Kontrast dazu steht das anheimelnd-rustikal eingerichtete Küchenhaus für Kochkurse und Events mit Sternekoch Bernhard Reiser vom trendigen Würzburger Weinrestaurant Weinstein.

Alle schauen gebannt auf ausländische Projekte, allen voran das frisch eröffnete spanische Luxushotel Marqués de Riscal, ein Haus der Starwood-Marke Luxury Collection. Designt von Stararchitekt Frank O. Gehry. Inmitten der Rioja-Region beeindruckt die Avantgarde-Architektur des 43-Suiten-Hauses, das dem gleichnamigen Weingut angeschlossen ist und von der Weinbar bis zur Weintherapie im Spa alles bietet.

Auch die neuen Winzer-Locations Österreichs sind bei Architektur- und Weinfans gleichermaßen im Gespräch. Besonders das Loisium, Gewinner des European Hotel Design Award 2006 in der Kategorie Neubauten und seit rund einem Jahr am Markt – mit beachtlichem Erfolg. Gestaltet hat das der Marketingkooperation Designhotels angeschlossene Haus der namhafte New Yorker Architekt Steven Holl. Über die Architektur wolle man „eine Landmarkfunktion für die inszenierten Kellerwelten schaffen“, beschreibt Susanne Kraus-Winkler, Managing Partner, das Konzept. Ein eigenes Weingut ist mit dem Resort im Kamptal zwar nicht verbunden, dennoch steht der Rebensaft im Mittelpunkt: ob beim Weinmenü, der Wanderung mit „Winestyle Picnic“ oder bei der Weinbehandlung im Spa.

Das zeigt: Man muss kein Winzer sein, um Wein attraktiv in Szene zu setzen. Weinkompetenz gelangt auf vielen Wegen ins Haus, sei es mit einem versierten Sommelier oder über einen angeschlossenen Weinhandel, akzentuiert durch Specials wie Workshops oder Themenwochen. Kommuniziert wird diese Kompetenz gegenüber Gästen in jedem Falle über spezifische Architekturformen. Die Weinlounge ist die wohl momentan trendigste Ausprägung.

Freude am Experiment

Wie innig die Verbindung von gutem Wein und Avantgarde-Architektur mittlerweile geworden ist, zeigen spezialisierte Unternehmen wie die österreichische Friedrich Spitzbart GmbH www.spitzbart.at ), die individuelle Architekturkonzepte rund um den Wein entwickelt und realisiert. So gelang die Verwandlung des klassischen Wiener Heurigenlokals von Winzer Johannes Wiltschko in eine trendige Location, die mit angesagten Designelementen wie einem extrahohen Gemeinschaftstisch auch junge Gäste anspricht.

Ein weiteres Spitzbart-Projekt ist die im Sommer eröffnete Wein Bühne im Weingut Schmelz in der Wachau. Der ungewöhnliche Degustationsraum öffnet sich mit großer geschwungener Fensterfront zu den Weinbergen, angeschlossen ist ein Verkaufsraum mit Lounge. Licht und Naturmaterialien dominieren, raue Sichtmauer kontrastiert mit Lack und geschliffenen Steinböden. „Weniger Zeitgeist, mehr Qualität; weniger Konvention, mehr Freude am Experiment“, lautet das Motto der Winzer.

Neue Wege bei der Gestaltung des Verkostungs- und Verkaufsraums in ihrem Weingut beschritten auch Waltraud und Werner Hauser im österreichischen Poysdorf. Ein Gruppenraum, ein Tisch für Privatpersonen und eine Lounge, alles von Spitzbart gestaltet, sind in dem durchdesignten Raum integriert, das Beleuchtungskonzept erlaubt unterschiedliche Stimmungen. „Für Poysdorf ist es sehr gewagt. Aber die Gäste sind begeistert“, freut sich der zufriedene Winzer.

Und es geht weiter. Das Weinbauministerium Rheinland-Pfalz, der Deutsche Weinbauverband und die Architektenkammer Rheinland-Pfalz haben erstmals einen Architekturwettbewerb „Wein + Architektur“ ausgeschrieben. Projekte ab 1997, vom Gesamtweingut bis zur Vinothek, können noch bis zum 19. Dezember eingereicht werden. Barbara Euler

www.diearchitekten.org

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