Diese Woche
Wellness als Hilfe zur Selbsthilfe
Trendwende beim Deutschen Wellness Gipfel / Spas sollen Gästen einen selbstverantwortlichen Lebensstil vermitteln
DÜSSELDORF. Positive Zauderer, sorglose Sportler, traditionelle Minimalisten und selbstkritische Interessierte: Künftig sind Gäste im Spa nicht mehr nur Erholungssuchende und Kosmetikfans, sondern Menschen, die sich einen selbstverantwortlichen Lebensstil aneignen wollen. Gelegentliches Verwöhntwerden war gestern, Wellness von morgen geht tiefer – das ist Fazit des ersten Deutschen Wellness Gipfels, der vom Deutschen Wellness Verband in Düsseldorf veranstaltet wurde.
Wellness neu definieren
Mehr als 70 Mrd. Euro investieren die Deutschen jährlich in ihr gesundheitliches Wohlbefinden, Tendenz steigend. Für jeden Zweiten ist Wellness laut einer Umfrage des Deutschen Wellness Verbands (DWV) wichtig. Das Thema Prävention wird immer mehr zum großen Treiber im Gesundheitsmarkt. Und langsam erkennt auch die Spa-Industrie: Wellness ist mehr als Massagen, Klangschalen und Kosmetik. Doch was ist Wellness dann und wohin wird die Reise gehen? „In Wirklichkeit handelt es sich um ein Bewusstsein, aus dem sich eine Strategie ableitet, sein Leben nachhaltig zu verbessern“, erläutert Lutz Hertel, Vorstandsvorsitzender des DWV. „Die Zeit ist reif, Wellness neu zu definieren.“
Donald Ardell, einer der wichtigsten Köpfe der amerikanischen Wellnessbewegung und Hauptredner des Wellness Gipfels, zeigt mit seinem Zukunftkonzept Real Wellness, wie das geht. „Real Wellness basiert auf drei Dingen: Verstand, Freude und Wahlfreiheit.“ Verstand sei nötig, um im Dschungel der Wellness-Verheißungen nur das zu glauben, was man überprüfen kann. Freude sei der Garant für Nachhaltigkeit, denn nur was Spaß macht, wird wiederholt. Die Wahlfreiheit ermöglicht es, Selbstverantwortung für sein Leben zu übernehmen. Doch wichtig sei vor allem eines: „Glück – denn es ist gesundheitsstiftend. Der Mensch ist dann glücklich, wenn er was von seiner Welt versteht“, ist der Wellnessprofessor überzeugt. Für sein Lebenswerk wurde er in Düsseldorf mit dem Lifetime Achievement Award geehrt.
Doch wie können sich Hotels auf diese neue Wellness-Ära vorbereiten? Lutz Hertel: „Hotels haben die Aufgabe, Gäste mit Gesundheitskompetenz für den Alltag auszustatten. Der Gast will wissen, was er selbst tun kann.“ Hotels stehen daher künftig in der Pflicht, Gäste über ihren Körper aufzuklären und ihnen einen gesunden Lebensstil zu vermitteln. „Der Gast soll lernen, selbstständig zu denken. Das ist der eigentliche Wellnessgedanke“, so Hertel. „Allerdings nicht erzieherisch, sondern auf einer Ebene, die die Gäste dort abholt, wo sie sind.“
So wie im Landhotel Jammertal im Münsterland: Dort gibt es sogenannte Social Support Groups, eine Form von Selbsthilfegruppen, in denen Gäste über Gesundheitsthemen diskutieren. Personal mit fachlichem Hintergrund nimmt an den Gruppen teil, jedoch nicht als Therapeut, sondern vielmehr als Unterstützer. Angesicht der steigenden Leiden der deutschen Bevölkerung – jeder dritte Erwachsene wird wegen psychischer Leiden behandelt – eine logische Konsequenz: „Die Menschen sehnen sich nach Kompensation ihres Alltagsfrustes. Diese verschaffen sie sich in Wellnesshotels“, so Lutz Hertel.
Da sich die Wellnessbranche bereits in der Sättigungsphase befindet, sind Innovationen überlebenswichtig. „Bald können sich nur noch Hotels mit einem scharfen Profil durchsetzen“, ist Manfred Kohl von Kohl & Partner überzeugt. „Sie müssen innerhalb von sieben Sekunden erklären können, warum Gäste bei Ihnen buchen.“
Mittelklasse ist gefragt
Profilierten Mittelklasse-Hotels prophezeit der Experte rosige Zeiten: „Die Wellness-Mittelklasse wird kommen. Der Run auf Behandlungen zwischen 80 und 100 Euro wird stark zunehmen.“ Und wie sieht das Spa der Zukunft aus? Donald Ardell hat so eine Vision: „Ein Ort für Veranstaltungen, eine Kraftquelle im Alltag, ein Forum für Lebensthemen und ein Rahmen für die Begegnung mit großen Ideen.“ Der Branche steht also noch ein langer Weg bevor: „Die eigentliche Wellness-Revolution liegt noch vor uns. Es gibt noch viel zu tun“, weiß Lutz Hertel. Spirituell bringt es Wellness-Guru Donald Ardell auf den Punkt: „Life is a mountain, not a beach.“ Natascha Ziltz

