der hotelier
Bühne frei für den Direktor
Der Direktor liebt das Theater. In jungen Jahren wäre er gern Schauspieler geworden. Ein sechswöchiges Praktikum an den Städtischen Bühnen Münster belehrte ihn jedoch eines Besseren: Nicht jeder Mime wird ein Star, die Verdienstmöglichkeiten sind gering, die Ängste groß. Dann doch lieber Hotelchef.
Und so wurde aus dem Sohn eines Emsdettener Textilfabrikanten ein Hotelier. Seine Bühne ist das Louis C. Jacob, das Jost Deitmar seit gut zehn Jahren leitet. Wenn der Chef erzählt, wie er an den Job in Nienstedten, eine der feinsten Wohngegenden Hamburgs, gekommen ist, entbehrt das nicht einer gewissen Dramatik. Denn eigentlich liebäugelte er mit einem der für ihn schönsten Grand Hotels Deutschland. Doch da erreichte ihn ein Anruf. Am Apparat: Horst Rahe, Reeder, Unternehmer, Eigentümer großer (Hotel-)Immobilien. Der hatte 1993 das marode Hamburger Hotel gekauft, saniert und seiner Tochter geschenkt. Dann, ein Jahr später, brauchte er noch einen tüchtigen Direktor, der wieder an die einst große Zeit anknüpfen konnte. Seine Wahl fiel auf den damals 35 Jahre alten Westfalen, zuletzt Hotelconsultant in Dresden. Der wusste als gelernter Hotelier mit Auslandserfahrung (England, Schweiz, Amerika) und ehemaliger Direktor des Fürstenhof in Celle und der dortigen Residenz-Hotels, wie man ein Haus führt.
Deitmar hatte ja eigentlich eine andere, eine etablierte erste Adresse im Blick. Warum griff er dann nicht zu? Das Louis C. Jacob stand doch vor einem Neuanfang, argwöhnisch beäugt von der Hamburger Gesellschaft und vor den Toren einer Stadt gelegen, die nicht arm an erstklassigen Hotels ist. Aber gerade das reizte Deitmar: Hier war noch keine Handschrift vorgegeben, hier lag großes Potenzial brach. Kurzum, das traditionsreiche Haus musste aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküsst werden. Wenn das keine schöne Aufgabe ist – einfach märchenhaft, bühnentauglich.
Und hat er es geschafft? Die Hamburger Gesellschaft hat das Haus wiederentdeckt. Zum Beispiel als Schauplatz großer Hochzeiten. Die werden im und um das Jacob herum prächtig inszeniert. Trauen lassen sich die Paare in der gegenüberliegenden Nienstedtener Dorfkirche, gefeiert wird im Hotel(-restaurant). Der Weg dorthin führt bei gutem Wetter über einen roten Teppich, den die Hotelmannschaft quer über die Elbchaussee rollt. Sie steht dann auch Spalier. Mit dabei: der Direktor, übrigens selber verheiratet und Vater eines 12-jährigen Sohnes. Den persönlichen Kontakt zum (ausgewählten) Gast zählt Deitmar zu seinen vornehmsten Aufgaben. Und als kleine Morgengabe verehrt er dem Hochzeitspaar einen Ableger der ältesten Linde, die auf der berühmten Lindenterrasse steht.
Auch dies ein Erbe, das wunderbar in die In-szenierung des Hotels passt. Der Impressionist Max Liebermann hat die Terrasse – von ihr aus hat man einen famosen Blick auf die Elbe und die vorüberziehenden Schiffe – in Öl verewigt. Während eines mehrmonatigen Aufenthalts im Jacob malte er verschiedene Ansichten; eine Version hängt in der Wohnhalle des Hotels, eine andere, berühmte in der Hamburger Kunsthalle. Auch eine Vorzeichnung gehört zur Kunstsammlung des Eigentümers Horst Rahe, der das Haus zu einem kleinen, feinen Kunstmuseum gemacht hat: 500 Gemälde, Grafiken und Aquarelle hängen in Zimmern und Gesellschaftsräumen, kreiert von Malern, die in Hamburg gelebt oder zeitweise gearbeitet haben. Es ist schon ein anregendes Vergnügen, auf dem Zimmer die Originale eines Horst Janssen oder A. R. Penck in Ruhe studieren zu können. Das hat Stil.
Alles in diesem Haus ist durchkomponiert. Jost Deitmar spricht von einem Gesamtkunstwerk – und nach näherer Betrachtung lässt sich das nicht als PR-Spruch abtun. Der Hausherr ist den Künsten zugetan, nicht nur der Schauspielerei, sondern auch der Musik. Er selbst würde zu gern Klavier spielen können, und musikalische Soireen mit den Philharmonikern Hamburg gehören zum Programm. Ja, das Hotel ist Ort der Inspiration und des künstlerischen Schaffens, überlässt jungen Komponisten für drei Wochen die Ballsaalsuite zum Komponieren.
Die Suite ist mit den alten gusseisernen Säulen aus dem Ballsaal des ehemaligen Landhauses Holthusen bestückt. Womit wir bei der Architektur angelangt sind. Das Jacob ist auch architektonisch gesehen ein Gesamtkunstwerk: ein Ensemble aus mehreren Gebäuden und Baustilen. Die Bauten auf der Wasserseite werden durch einen Tunnel und glasumbaute Verbindungsflure mit dem gründerzeitlichen Holthusen auf der Landseite verbunden, auf der auch das Landhaus Dill steht (das heutige Weinlokal, das Kleine Jacob) Die Zimmer sind von hanseatischer Eleganz und Weltläufigkeit. Das unterscheidet sie von denen anderer Nobelherbergen, die sich mehr einem internationalen Stil, einem modernen Design angepasst haben. Das Jacob ist unverwechselbar.
Begehbare, luxuriöse Kleiderschränke, Vorhänge aus Wildseide, restaurierte Empiremöbel und eigens angefertigte Stücke aus Schweizer Birne und anderen Hölzern lassen den Gast ins Schwärmen geraten. Hier zeigt sich Sinn fürs Ästhetische. Das eint den Eigentümer und den Direktor, der das eine oder andere Stück gern selber aussucht. Etwa das Silberbesteck der Edelmarke Robbe & Berking oder den Dessertwagen, den er in Paris entdeckt hat. Entschieden über den Kauf wird dann gemeinsam mit der Familie Rahe, wie in allen strategischen Fragen der Unternehmensführung auch.
Sinn fürs Ästhetische
Jost Deitmar, selbst eine elegante, dabei jedoch lässige Erscheinung, schlank und hoch gewachsen, das graumelierte Haar nach hinten gekämmt, kann in ästhetischen Fragen durchaus pingelig werden. Vor allem in sprachlichen Angelegenheiten. Seine Briefe, gern handgeschrieben, verraten Sprachgefühl. Die Pressemappe und auch die Info-Broschüren heben sich wohltuend ab vom üblichen Werbeeinheitsbrei. Die Worte sprudeln aus ihm hervor. Er ist eloquent, redet in Bildern und mit den Händen, die Augen leuchten, wenn er berichtet, was erreicht wurde und was noch zu tun ist.
Gastronomisch steht das Jacob gut da mit seinem Sternekoch Thomas Martin – der zweite Stern allerdings lässt noch auf sich warten – und Sommelier Hendrik Thoma, einer der beiden Deutschen, die sich mit dem selten vergebenen Titel „Master Sommelier“ schmücken können. Das Jacob war immer schon eine erste gastronomische Adresse, ja Mitte der sechziger Jahre zählte es zu den besten Restaurants der Welt, lockte Literaten wie Henry Miller, Carl Zuckmayer, Film- und Theaterstars wie Hans Albers, O. E. Hasse, Gustaf Gründgens, Will Quadflieg und Maria Callas, Showgrößen, Wissenschaftler und Politiker.
Der F&B-Anteil am Umsatz beträgt 60 Prozent, das läuft gut. Der Logis-Bereich allerdings ist noch ausbaufähig, sagt Deitmar, der sich unverbraucht gibt und noch einiges vorhat. Das Haus, mehrfach ausgezeichnet, soll international bekannter werden, daher auch seit 2002 die Mitgliedschaft im Hotelverbund „Leading Small Hotels of the World“. Mit 66 Zimmern und 19 Suiten passt es gut in diesen Zusammenschluss.
Ein Drittel des (geschätzten) Umsatzes von knapp 11 Mio. Euro macht das Hotel mit Geschäftsreisenden, ein zweites mit Tagungen und Gesellschaften, das letzte Drittel mit Leisure-Gästen. Ein Teil der internationalen Klientel kommt von Airbus, dessen Deutschland-Werk vis à vis am anderen Elbufer liegt. Und auch die Juristen vom internationalen Seegerichtshof, der an der Elbchaussee residiert, sind häufig zu Gast.
Die Lage, etwa 15 Autominuten von der Innenstadt entfernt, ist Vor- und Nachteil zugleich. Der Nachteil: In der City hat das Jacob mit dem Vier Jahreszeiten, dem Gastwerk, dem Elysée und anderen Spitzenhotels starke Konkurrenten, die mehr oder weniger zentral liegen und für kurze Wege stehen. Warum also in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah, mag sich da mancher Gast fragen.
Das Jacob macht aus der Ferne eine Tugend. Wobei die Ferne relativ ist und der Weg hinaus an die Elbchaussee, vorbei an Villen und Kapitänshäuschen, ein entspanntes Vergnügen sein kann. Und wird der Gast mit dem hauseigenen Limousinendienst zum Ziel seiner Wünsche kutschiert, stellt sich ein Gefühl des Privaten und Bevorzugten ein. Genau das ist es, womit das Louis C. Jacob, womit Jost Deitmar punktet: Das Hotel (fast) als Privathaus, das sich seinen Gästen öffnet. Da nimmt man gern einen längeren Weg in Kauf. Denn hier wartet eine im Vergleich zum hektischen Großstadtgetriebe ruhige Gegenwelt. Jemand, der sich um einen kümmert, vorneweg der Direktor. Das ist eine andere Art von Nähe, eine unaufdringlich-hanseatische. Je öfter und durchgängiger sie gelingt, desto wohler fühlt sich der Gast. Bei 143 Mitarbeitern auf 85 Zimmer stehen – rein quantitativ betrachtet – die Chancen dafür nicht schlecht.
Die verschachtelte Architektur, die verschiedenen kleinen bis mittelgroßen Gesellschaftsräume, von der Wohnhalle über die offene Bar, die Bibliothek bis hin zum Eiskeller begünstigen diese Atmosphäre. Der Hotelchef verstärkt dieses Gefühl noch, indem er seine Gäste hinter die Kulissen blicken lässt, durch die Küche führt, oder aber kleine Empfänge im Eiskeller gibt.
So bespielt er das Haus auf mehreren Bühnen, etwa im Restaurant mit den Holzdielen aus dem alten Jacob, mit Stuckdecke und restaurierten Wandmalereien aus der Zeit der Jahrhundertwende. Ein Saal wie in einem Herrenhaus, wie in einem Stück von Tschechow.
Diese Bühne kann sich aber auch in einen Zuschauerraum verwandeln, wenn sich der Blick aus den bis zum Boden herunterreichenden Fenstern auf die umliegende Flusslandschaft, auf die gemächlich über die Elbe gleitenden Kähne richtet. In den Zimmern mit Elbblick lässt sich das Schauspiel noch genauer beobachten – mit Hilfe von bereit liegenden Feldstechern. Man sieht: Im Louis C. Jacob werden keine Mühen gescheut. „Wir kämpfen um jeden Gast“, umreißt Deitmar die Lage, verweist auf schwarze Zahlen – offizielle werden nicht genannt – und eine gute Auslastung (das „Hamburger Abendblatt“ vermeldet 61 Prozent, Durchschnittsrate 183 Euro). Doch all dies ist noch steigerungsfähig. Muss es auch sein, sollen sich die Investitionen des Eigentümers eines Tages amortisieren. Und investiert wurde viel: in die denkmalgeschützte Restaurierung und die milieugerechte Erweiterung des Hauses. Vielleicht zu wenig in den Wellness-Bereich, der klein ausfällt. Da wurde (vorerst) der Anschluss verpasst.
Bis der Gebäudekomplex saniert werden konnte, musste der Investor gewaltige Widerstände in der Bürgerschaft überwinden, die sich lange gegen bauliche und architektonische Veränderungen sperrte. Ein bühnenreifes Stück Hotelgeschichte.
So wie die Anfänge des Louis C. Jacob. Da lebte Ende des 18. Jahrhunderts im Ostteil des heutigen Gebäude-Ensembles ein Zuckerbäcker namens Nicolaus Paridom Burmester. Dem, so erzählt die Chronik, bereitete es ein diebisches Vergnügen, die Schiffe auf der Elbe mit einem Böllerschuss aus seiner Kanone zu begrüßen oder zu verabschieden. Bis, ja bis eines Tages einer dieser Schüsse nach hinten losging und den guten Zuckerbäcker in Stücke riss. Zurück blieb eine schöne Witwe, die sich einen französischen Hugenotten, einen Landschaftsgärtner angelte. Oder war es umgekehrt? Egal, auf jeden Fall heirateten die beiden, und Monsieur Jacques, der sich fortan Jacob nannte, machte aus der Bäckerei ein Restaurant, das noch heute mit eigener, köstlicher Patisserie aufwartet. Einer der Nachfahren des Jacques, Louis Carl Jacob, gab dann dem Hotel seinen endgültigen Namen.
Das Haus hat sich den Charakter eines Landsitzes bewahrt. Es will ein Hotel für Gäste sein, die, so sieht es Jost Deitmar, „eigentlich kein Hotel mögen“. Ein schönes Paradoxon. Da ist ein Chef gefragt, der – eigenem Bekunden nach – die Rolle seines Lebens spielt: Der Hotel- als Theaterdirektor. Vorhang auf.
