Sie lebt im Hier und Jetzt
Eigentlich wollte Sabine Waske immer Astrophysikerin werden. Doch das Leben hatte andere Pläne. Seit drei Jahren leitet die 40-Jährige als Hoteldirektorin die Geschicke des Naturresorts Schindelbruch. Natur ist hier Programm.
Tief im Harz, unweit der romantischen Fachwerkstadt Stolberg, liegt das 4-Sterne-superior-Hotel. Es ist das erste klimaneutrale Hotel Mitteldeutschlands. Seit aus dem ehemaligen kleinen Landhotel ein Wellness-Resort mit 78 Zimmern, vier Suiten, Ferienhaus und Green Spa entstanden ist, hat Sabine Waske alle Hände voll zu tun. Ihr Ziel: Schindelbruch soll eines der führenden Häuser in Deutschland werden und über die Region hinaus Strahlkraft entfalten.
Vor gut drei Jahren ging das Naturresort an den Start. Eigentümer ist die Jagd- und Forstgesellschaft Stolberg. Ihr gehört auch der umliegende Wald. Geschäftsführer Baron Clemens Ritter von Kempski erwarb 2003 das ehemalige Landhotel, das zu DDR-Zeiten ein Ferienheim war. Per Chiffre-Anzeige suchte er nach einem Direktor für sein Projekt. Und fand ihn in Sabine Waske, die zu diesem Zeitpunkt zusammen mit Lebensgefährte Olaf Hirsch das Hotel & Spa Dünenmeer im Ostseebad Dierhagen eröffnete.
„Die Chemie mit Baron von Kempski hat sofort gestimmt.
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Er ist ein Querdenker, der Innovation fordert und neue Wege ermöglicht“, sagt Waske. Den Start hatte sich die Hoteldirektorin einfacher vorgestellt. „Durch die Wirtschaftskrise haben wir ein Jahr verloren.“ Davon lässt sich die zielstrebige Direktorin aber nicht beirren. „Wir wollen qualitativ wachsen. Und das lässt sich nicht in kurzer Zeit machen.“ Alles andere würde auch gegen die Philosophie des Hauses sprechen, die sich an der Forstwirtschaft orientiert: Weil Bäume langsam wachsen, werden Vorhaben in einem Wald langfristig ausgelegt und beständig fortgeführt. „Also denken wir auch im Hotel langfristig und nachhaltig“, sagt Waske.
Ihren Angaben zufolge stieg der Umsatz im vergangenen Jahr um 20 Prozent auf 2,58 Mio. Euro, die Auslastung lag bei 50 Prozent und der RevPar (Erlös pro verfügbarem Zimmer) bei 86,20 Euro. „Damit schreiben wir zwei Jahre nach der Eröffnung schwarze Zahlen.“ Ingesamt 6 Mio. Euro investierte die Jagd- und Forstgesellschaft in das neue Gebäude und in die komplette Sanierung des Altbaus und erarbeitete zusammen mit Sabine Waske ein nachhaltiges Hotelkonzept, bei dem die Klimaneutralität an erster Stelle steht.
„Für mich waren die Themen Nachhaltigkeit und Klimaneutralität weitgehend Neuland“, erzählt Sabine Waske. Hilfe bekam sie von der Fachhochschule Eberswalde, die den Masterstudiengang Nachhaltiges Tourismusmanagement anbietet. Zwei Dozenten und ein Absolvent erstellten eine Studie: Was muss getan werden, damit das Hotel nachhaltig wird? Dabei ging es um Energieeffizienz, Klimaschutz und Klimaneutralität, um Mobilität, Marketing und Zertifizierungen. Die Mühen haben sich gelohnt: Ein Jahr nach der Eröffnung ist die Klima-Bilanz des Hotels ausgeglichen. Dafür bekam das Naturresort Schindelbruch den Tourismuspreis „Vorreiter“ des Landes Sachsen-Anhalts, ist Emas- und Viabono-zertifiziert, Gründungsmitglied der Klimahotels und darf sich als erstes klimaneutrales Hotel in Mitteldeutschland bezeichnen.
Sabine Waske weiß, dass das allein nicht ausreicht, damit die Gäste ins Resort kommen: „Sie buchen bei uns wegen der hohen Qualität unserer Leistungen, der Angebote und dem Standort. Aber nicht allein wegen der Nachhaltigkeit.“
Das Umweltengagement hat mittlerweile auch in ihr Privatleben Einzug gehalten – doch als Umweltaktivistin würde sie sich nicht bezeichnen. „Ich bin vom Typ sehr naturverbunden und mag es gern beständig.“ Sabine Waske ist wichtig, dass der Komfort für die Gäste stimmt. Und wenn sich diese dann nach ihrem Urlaub im Schindelbruch mit Umweltfragen beschäftigten, ist das Konzept aufgegangen. „Wenn Menschen in der Natur schöne Dinge erleben, wollen sie ihr auch etwas zurückgeben. Das wollen wir fördern.“
Zum Beispiel mit speziellen Packages, die verschiedene Harz-Entdeckertouren oder geführte Wanderungen mit dem Förster beinhalten. In der Küche lautet das Motto: Regional vor Bio. „Wir nehmen lieber einen Apfel aus der Region, als einen biozertifizierten“, so Waske. Langfristig will sie versuchen, komplett auf internationale Produkte zu verzichten, was allerdings ein langwieriger Prozess sei. „Regionale Produkte sind von der Logistik her eine Herausforderung. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass der Produzent zuverlässig liefern kann.“
Manchmal stößt sie auf Widerstand
Schwerpunkte auf der Speisekarte sind Wild aus eigener Jagd, Harzer Forelle und Gemüse. Außer den regionalen Menüs gibt es immer auch ein internationales, das von den Gästen allerdings nicht so häufig nachgefragt werde.
Manchmal stößt Waske mit ihren Ideen auf Widerstand. Beispiel: Veggie-Day. Jeden zweiten Donnerstag im Monat stehen ausschließlich fleischlose Gerichte auf der Speisekarte. Manche Gäste fühlen sich dadurch eingeschränkt – sie wollen nicht gezwungen werden, vegetarisch zu essen. „Wir überlegen, ob wir den Tag wieder abschaffen oder das Angebot modifizieren.“
Gäste im Schindelbruch sind vor allem gesundheitsbewusste und naturverbundene Städter zwischen 35 und 65, die hier nach Erholung und Ruhe suchen. Familien kommen eher selten in das Resort, das Mitglied bei der Hotelkooperation Wellness Hotels Deutschland ist. Unter der Woche machen Geschäftsreisende 20 Prozent der Gäste aus, in der Region sind viele Vertreter unterwegs.
In der idyllischen Abgeschiedenheit des Standortes sieht die Hoteldirektorin keinen Nachteil, im Gegenteil. Viele Gäste kommen aus einem Umkreis von 150 Kilometern, Haupteinzugsgebiet sind die Städte Kassel, Magdeburg, Leipzig, Berlin und Hamburg. Außerdem: „Der Harz ist ein positiver Entwicklungsstandort. Er will sich verjüngen und macht seit zwei Jahren ein innovatives Tourismusmarketing“, meint Waske. Auch das Naturresort will sich weiterentwickeln. Um die Kapazitäten im Hotel zu erweitern und die Aufenthaltsqualität zu erhöhen, wird noch in diesem Jahr investiert. Ein Neubau soll her, mit zusätzlichen öffentlichen Räumen wie einer Lobby und einer Bibliothek. Das sei wichtig, weil sich die Gäste nicht nur, aber doch hauptsächlich drinnen aufhalten. Mehrere Millionen Euro sollen dafür investiert werden. „Da kommt uns die Mehrwertsteuersenkung natürlich sehr gelegen.“
Sabine Waske ist ein Mensch, der zwar langfristig plant, aber sehr in der Gegenwart verankert ist. „Ich lebe stark im Hier und Jetzt, das macht vieles einfacher.“ Bei Rückschlägen findet Waske bei einem Waldspaziergang die nötige Ruhe, Entscheidungen zu reflektieren. „Manchmal muss man einfach den Blickwinkel wechseln und sich von festgefahrenen Wegen oder bestimmten Personen trennen.“
Was treibt sie an? „Wenn Ideen Früchte tragen.“ Allerdings sei ihr Freund derjenige, der immer mit neuen Ideen komme. Sie hat den Part der Realistin übernommen und sorgt dafür, dass die Vorschläge umgesetzt werden. Die Arbeitsteilung der beiden Hoteldirektoren ist klar geregelt: Sabine Waske kümmert sich um alle administrativen Belange – Zahlen sind ihr Ding. Olaf Hirsch, gelernter Restaurantmeister, ist als F&B-Manager für das operative Geschäft zuständig. „Die Gäste schätzen es, dass wir als Gastgeberpaar auftreten. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre bei uns.“ Den Weg in die Hotellerie hat die gebürtige Berlinerin eigentlich ihrer Schwester zu verdanken. Als sie damals keinen Studienplatz als Astrophysikerin bekam, sagte die Schwester: „Geh doch ins Hotel.“ Also machte sie eine Ausbildung zur Empfangssekretärin bei den damaligen Interhotels und arbeitete im Maritim Grand Hotel Unter den Linden als Hotelfachfrau.
Danach suchte sie eine neue Herausforderung, studierte an der Schweizer Hotelfachschule Luzern und machte Praktika. Unter anderem im Opernpalais Unter den Linden, Berlin, im Grand Hotel Esplanade und im Surya Samudra Beach Garden in Kerala, Südindien. Als frischgebackener Diplomierter Hotelier verschlug es sie schließlich ins renommierte Hotel Döllnsee-Schorfheide in Templin, wo sie zwei Jahre als Veranstaltungsleiterin arbeitete.
Neues zu entwicklen, reizt sie
Dann kam der Wendepunkt: Sabine Waske organisierte für eine Berliner Unternehmensberatung Trainings für Firmen. „Ich wollte endlich mal ein geregeltes Umfeld haben, mit richtigen Wochenenden,“ erklärt sie heute die Entscheidung. Doch nach einem Jahr fehlte ihr die Hotellerie. Es war purer Zufall, dass das Hotel Döllnsee-Schorfheide gerade einen neuen Hoteldirektor suchte. Sie überlegte nicht lange, griff zu. Sechs Jahre leitete sie die Geschicke des 4-Sterne-Hauses. Dort lernte sie ihren Lebenspartner Olaf Hirsch kennen, der den F&B-Bereich leitete. Als das Angebot kam, die Eröffnung des Hotels Dünenmeer zu übernehmen, gingen sie gemeinsam nach Dierhagen und etablierten das Haus am Markt. Bis Baron von Kempski die beiden schließlich in den Harz holte.
„Hotels zu eröffnen, ist eine spannende Aufgabe. Für jedes Produkt etwas Neues, Eigenes zu entwickeln, ein ganzheitliches Konzept zu finden, das reizt mich sehr“, sagt die Direktorin, die sich selbst als kommunikationsstark und aufmerksam beschreibt. Was ihr manchmal schwer falle, sei das Arbeiten im Team. „Ich habe meinen eigenen Kopf und arbeite gern eigenständig.“ Obwohl sie weiß, wie wichtig es ist, „Teamwissen abzufragen“. Auch ihr Zeitmanagement könnte sie noch etwas verbessern, gibt sie offen zu: „Manchmal verzettle ich mich. Der Tag ist immer so schnell rum“, gesteht sie lachend. Eine Seite der 40-Jährigen, die man auf den ersten Blick nicht vermutet.
Von ihren Mitarbeitern verlangt sie viel. Waskes Credo: „Wer heute in der Hotellerie arbeitet, braucht eine hohe persönliche Motivation. Die Mitarbeiter haben den weitaus größten Anteil am Erfolg eines Hotels. Wir brauchen deshalb Menschen, die bereit sind ihre ganze Persönlichkeit in die Waagschale zu werfen, um einen Gast glücklich zu machen. Damit das gelingt, helfe ich meinen Mitarbeitern und fordere sie zu gleichen Teilen.“
Mitzuerleben, wie sich der Einzelne entwickelt, macht sie stolz. Der Hoteldirektorin ist es wichtig, dass die Beschäftigten dem Gast als gleichberechtigte Partner gegenübertreten.
Was die Direktorin ärgert: Dass manche Gäste eine „Discount-Kultur“ leben. „Sie haben höchste Serviceansprüche und individuelle Dienstleistungserwartungen, wollen aber im Gegenzug nicht entsprechend dafür bezahlen.“ Mitarbeiter müssen qualifiziert sein, und das sei mit wenig Geld eben nur schwer zu schaffen. Deshalb macht Sabine Waske auch keine Zugeständnisse beim Preis. „ Wir haben viele Pauschalen, aber Rabatte gibt es bei uns nicht.“
Sabine Waske liebt ihren Job im waldreichen Südharz. Ihre Motivation: Gastgeberin durch und durch zu sein.


