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„Wir lassen uns nicht unterkriegen“: Gisela und Rolf Rostock mit Tochter Anja in ihrer Mitte

© Marlies Heinz

Landgasthöfe – Was uns bewegt (48)

So schmeckt das Vogtland

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2010/6 vom 6. Februar 2010
von

KLINGENTHAL. Das Herz von Gisela Rostock hängt an der vogtländischen Küche. Gänsebrust mit grünen Klößen ist eine ihrer Spezialitäten. Zum regionalen Angebot des Hotel-Restaurants Zum Postillion steuert ihr Mann Rolf selbstgebrannte Kräuterschnäpse bei. Bärwurz, Hopfen und Vogelbeeren sind für ihn dabei die wichtigsten Zutaten.

Den Landgasthof im sächsischen Klingenthal haben die gelernte Köchin und der gelernte Kellner 1985 übernommen – noch zu DDR-Zeiten. Damals hieß die GaststätteBezeichnung für Räumlichkeiten, in denen Gäste Getränke und Speisen serviert bekommen.
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noch „Postwartehalle“. Schon im 18. Jahrhundert fanden Postkutscher und Reisende hier eine Unterkunft. Aber jahrhundertealte Gemäuer haben neben aller Romantik ihre Tücken. Trotzdem wagten sich Rostocks an das gemeinsame Projekt und übernahmen die Gaststätte in den Achtzigerjahren, als sie noch zur damaligen staatlichen Handelsorganisation gehörte. 1990 konnten sie ihren lang gehegten Traum verwirklichen – die Immobilie zu kaufen. „Es war ein verrücktes Jahr“, erinnert sich Rolf Rostock. „Nie werde ich die ersten Tage nach der Währungsumstellung vergessen. Wir machten kaum UmsatzWertmäßige Erfassung des Absatzes einer Unternehmung.
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– wer trug schon Westgeld in die Gaststätte?“

Trotzdem mussten sie das Haus dringend renovieren. „Die Größenordnung, in der wir investieren mussten – eine Million Mark – die ging erst langsam in den Kopf rein“, bekennt Rolf Rostock. „Aber 1992, als wir uns dann vom DEHOGA
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beraten lassen haben, da gab es kein Halten mehr.“ Zuerst war die Küche dran. „Bis dahin hatte ich ja noch auf zwei einfachen Haushaltsherden gekocht“, erinnert sich Gisela Rostock. Dann wurde der Gastraum ausgebaut, die Toiletten saniert, der Tresen erneuert, die Hotelzimmer eingerichtet. Meist haben die Rostocks selbst mit angepackt. 1998 kam dann auch der neue Name an die Fassade: Hotel & Restaurant Zum Postillion. Die alte Bezeichnung „Postwartehalle“ fanden die Rostocks schon seit Längerem wenig einladend.

Inzwischen hat der Betrieb neun Zimmer mit 18 Betten. Für eine Nacht im Doppelzimmer zahlen die Gäste zwischen 60 bis 80 Euro. Die Zimmerauslastung liegt bei 40 Prozent. Aber rund zwei Drittel des Umsatzes macht der Postillion über die Gastronomie. Auf mehrere Gaststuben verteilt gibt es 160 Plätze. Dazu kommen rustikale Events in der alten Turnhalle, die ebenfalls zum Grundstück gehört. Der Veranstaltungskalender reicht vom irischen Abend über vogtländische Heimatmusikabende bis zum traditionellen Erntedankfest.

Trotzdem macht sich das Paar Sorgen um die Zukunft des Betriebs. Ihre Tochter Anja hat zwar Hotelfachfrau gelernt. Sie hat sogar in renommierten Häusern gearbeitet und ist jetzt wieder heimgekehrt. Aber Gisela Rostock nimmt an, dass Anja das Haus nicht weiterführen können wird, zumal Anjas Mann in einer anderen Branche erfolgreich tätig ist. „Wir haben bald das Alter, um unseren Betrieb zu übergeben. Da stehen noch viele Fragezeichen“, stellt die Wirtin fest.

Und auch das PersonalIn der Hotellerie und Gastronomie haben diese durch den Kontakt zu den Gästen einen wesentlichen Einfluss auf die vom Gast wahrgenommene Dienstleistungsqualität.
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mache ihr Kummer. „Wir haben schon viele junge Leute ausgebildet, aber kaum sind sie fertig, zieht es sie weg.“ Zwei Gründe sieht Gisela Rostock für das Personalproblem. „Wer hier kocht, darf nicht in Posten denken, wie er es in einer großen Küche gelernt hat. Hier muss man alles gleichzeitig machen.“ So hat sie nicht nur die Küche im Blick, sondern legt nebenbei auch mal Holzscheite im Kachelofen nach oder schippt den Schnee vor dem Eingang weg. „An solcher Flexibilität mangelt es vielen.“ Zum anderen sei Klingenthal, der Ort an der Grenze zu Tschechien, nicht gerade ein spannender Ort für junge Fachkräfte. Die Einwohnerzahl hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten fast halbiert.

„Aber wir lassen uns nicht unterkriegen“, meinen die beiden Profis. Gerade erst haben sie mit drei weiteren Gastronomiebetrieben aus der Region die Aktion „So schmeckt das Vogtland“ neu aufgelegt. Dazu gehören sowohl kulturelle als auch kulinarische Veranstaltungen. So verwöhnen sie ihre Gäste jetzt einmal im Monat mit vogtländischem Kartoffelbuffet. Marlis Heinz


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