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Ausbildung

Gemeinsam an einem Strang ziehen

Bei Outdoor-Seminaren fallen Hierarchien / Mitarbeiter entwickeln Gespür für die eigene Position im Team / Selbstsichere Rückkehr an den Arbeitsplatz

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2006/42 vom 21. Oktober 2006
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STUTTGART. Das Drahtseil unter den Füßen ist dünn. Unsicher hangelt sich die Rezeptionistin vorwärts. Plötzlich verliert sie das Gleichgewicht und fällt. Doch schon nach einem Sekundenbruchteil hängt sie im Sicherungsgurt, mit dem das Zimmermädchen sie zuvor gesichert hatte.

Diese Szene stammt aus einem Outdoor-Seminar für mehr Teamfähigkeit. Klettern im Hochseilgarten und gegeseitiges Absichern sind dabei keine ungewöhnlichen Anforderungen. Der Job bringt schließlich ebenfalls jeden Tag neue Herausforderungen mit sich. Wahlweise begibt sich das Personal auch ins Gelände zum Campen oder zum Wildwater-Rafting.

Gestiegene Anforderungen

Da sitzt dann der Hoteldirektor mit der Auszubildenden in einem Schlauchboot, oder das Zimmermädchen hakt den Karabiner der Kollegin von der Rezeption ein. Die Beschäftigten sollen zusammenwachsen, indem sie füreinander Verantwortung übernehmen – unabhängig von Hierarchien. Das schafft Vertrauen. „Die Qualität eines Unternehmens hängt stark davon ab, wie das Personal zusammenarbeitet“, bestätigt Christiane Lösch, Inhaberin des 4-Sterne-Hotels Kloster Hornbach. Seit 2001 lässt sie ihre Mitarbeiter regelmäßig schulen.

Teamfähigkeit steht weit oben auf der Wunschliste der Arbeitgeber. Die wachsenden Ansprüche der Gäste setzen Hoteliers, Gastronomen und deren Personal unter Druck, effizienter zusammenzuarbeiten. „Nach innen dynamisch, nach außen geschlossen“, unterstreicht Lösch. „Jeder Mitarbeiter muss seinen Platz im Team kennen.“ Lösch braucht alte Hasen, die offen sind für Neuerungen, und Servicepersonal, das Hand in Hand arbeitet. Ihr Albtraum sind Blockierer und Einzelgänger.

Gefragt ist soziale Kompetenz, die sich zeigt in so genannten Soft Skills wie Freundlichkeit, Verständnis und gegenseitiges Zuarbeiten. Wirklichen Teamgeist entwickeln Mitarbeiter, wenn sie sich die Strukturen am Arbeitsplatz bewusst machen. Dafür ist ein Beobachter nötig, der analysiert und erklärt. Am leichtesten funktioniere solch eine Schulung an einem neutralen Ort, erklärt Jo Nolte, die seit 2004 als Coach arbeitet und Team-Trainings leitet. „Menschen sind im Gelände lockerer und damit offener.“ Die Hindernisse, die sie überwinden, stehen für die Schwierigkeiten im Alltag. Nach Erfolgen im Gelände seien Gruppengespräche und Analysen sehr effizient. Schlagartig kennen sich die Mitarbeiter besser und kommunizieren unbefangener.

Außer selbstständigen Coaches konzentrieren sich auch Unternehmen auf Team-Trainings. Die IFH AG in Frankfurt hat sich auf die Anforderungen der Hotelbranche spezialisiert. Sie führt Einstellungsgespräche, organisiert Assessment-Centers und schult Personal. Geht es um Teamarbeit, macht Trainer und Geschäftsführer Bernhard Patter zuerst eine Bestandsanalyse: „Ich beobachte und ordne die Mitarbeiter ein.“ Dabei hilft ihm das Analysemodell DISG. Er unterscheidet nach dominanten, initiativen, stetigen und gewissenhaften Typen. Initiative und stetige Menschen bringen sich ins Team ein, weiß Patter. Weil sie sich stark am Mitmenschen orientieren. Dominante und gewissenhafte Typen hingegen fokussieren sich auf ihre Aufgaben.

„Teamfähigkeit ist schon eine Art Talent“, bestätigt Patter. Über Gespräche könnten Einzelgänger integriert werden. Oft bemerkten diese nicht einmal, dass sie außerhalb des Team stehen. Es liege dann am Coach, dem Engstirnigen oder dem Blockierer Offenheit im Umgang mit Unbekanntem beizubringen. Das „Arbeitstier“ soll hingegen Kollegen besser wahrnehmen. Eine große Hürde ist die Kritikfähigkeit. „Nur wer ehrlich zu sich selbst ist, kann über seine Schwächen hinauswachsen“, betont Patter. Dafür braucht es Selbstvertrauen, das nicht jeder Mitarbeiter besitzt. Mit einigen spricht er unter vier Augen, denn „bloßstellen bringt nichts“.

Nicht jeder Mitarbeiter hat Lust, an Team-Trainings teilzunehmen. Die meisten arbeiten am Anschlag und scheuen weitere Anforderungen. Ein Beschäftigter von Christiane Lösch fürchtete sich vor „Seelenstriptease“. Auch die Mitarbeiter des DEHOGA Hamburg waren skeptisch. Hauptgeschäftsführer Gregor Maihöfers Team ist schon auf Helgoland und in Husum gewesen. Maihöfer steht mit Jo Nolte im Ideenaustausch. Dabei wird vorab geklärt, worauf sich die Mitarbeiter einlassen möchten. Niemand müsse über seine Grenzen hinausgehen, versichert Nolte.

Stärken und Schwächen

Erfolg haben Trainings dann, wenn der Coach eine positive Atmosphäre schafft. Der Tenor muss lauten: Jeder Mitarbeiter ist gleich viel wert. Nolte orientiert sich ebenfalls am DISG-Modell. „Oft arbeite ich aber aus dem Bauch heraus“, gibt sie zu. Die Gruppe soll ein Wir-Gefühl entwickeln und an den Arbeitsplatz mitnehmen.

Der Idealfall: Das Zimmermädchen lächelt der über dem Abgrund baumelnden Rezeptionistin zu und zieht sie hoch. Ins Hotel zurückgekehrt, soll das Kletter-Duo dieses Gefühl von gegenseitiger Verantwortung und Vertrauen auf den Alltag übertragen.

Alexandra Lindinger

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