Persönliches
Von der Kellnerin zur Hoteldirektorin
Stufe für Stufe nach oben: Birgit Tanner teilt sich heute die Führungsaufgaben im Hotel Schloss Lübbenau mit Eigentümer Rochus Graf zu Lynar
Sie wollte alles gut und richtig machen – und dann das: Mitten im heißen Sommer 1992 bleibt ihr beim Servieren ein großes Glas Spezi am Tablettrand hängen und ergießt sich im hohen Bogen über einen Gast. Dieser trug die klebrige Dusche zwar noch mit Humor, aber seine Gattin war höchst empört über die tollpatschige Kellnerin. Damals wäre Birgit Tanner, die im Schloss Lübbenau als Hilfskraft tätig war, vor lauter Scham am liebsten im Boden versunken.
15 Jahre später kann sie über das Missgeschick nur noch lachen. Es sei noch kein Meister vom Himmel gefallen, und Fehler seien dazu da, dass man aus ihnen lerne, lautet ihr Credo. Hätte Birgit Tanner damals alles hingeschmissen, wäre das Schloss heute viel ärmer. Denn die einstige Hilfskellnerin wurde jüngst ganz offiziell in ihr Amt als Hotelleiterin eingeführt. Die Laudatio hielt Rochus Graf zu Lynar, dessen Familie das Schloss Lübbenau seit über 300 Jahren gehört. Er und die 37-jährige Birgit Tanner teilen sich die Kompetenzen des klassischen Hoteldirektors: Er ist für die betriebswirtschaftlichen Aufgaben und die langfristige Unternehmensentwicklung zuständig, sie für Mitarbeiter, Gästebetreuung, Öffentlichkeitsarbeit, Events, die Zusammenarbeit mit der Stadt.
Manchmal kommt ihr das Ganze wie ein Traum vor. Vor 15 Jahren hätte sie eigentlich ein glücklicher Mensch sein sollen, denn immerhin hatte sie eine solide Ausbildung hinter sich. Gelernt hatte sie in einer Molkerei Laborantin und ein Studium an der Ingenieurschule für Milchwirtschaft in Halberstadt als „Ingenieur für Prüf- und Kontrollwesen“ abgeschlossen. Doch in Lübbenau, ihrer Heimatstadt, konnte sie damit nichts anfangen, weil die Molkereien mit der Wende verschwunden waren. Sie stand vor der Wahl: Entweder wegziehen oder einen Neuanfang wagen. Birgit Tanner entschied sich für letzteren Weg. Eine Freundin, die im gerade eröffneten Schloss Lübbenau kellnerte, fragte sie eines Tages, ob sie nicht ein bisschen helfen könne. Zwar hatte Birgit Tanner einige Befürchtungen, doch es ging alles gut – bis auf den missratenen Serviceauftritt. Da war jedoch längst der Ehrgeiz in der damals 22-Jährigen geweckt. Sie hatte gemerkt, dass die Arbeit mit dem Gast eigentlich ihr Ding ist.
Birgit Tanner entschied sich zu bleiben, arbeitete im Service, an der Rezeption, im Verkauf im Bankettbereich und im Marketing. Ganz nebenbei absolvierte sie noch ein Fernstudium zur Hotelfachfrau und bekam zwei Töchter. Längst hatte die Familie der Grafen zu Lynar bemerkt, dass Birgit Tanner sich nicht nur mit Herz und Seele dem Schloss und seinen Gästen verschrieben hatte, sondern besondere Talente entwickelte. Was die junge Frau auch anpackte, es klappte.
Nachdem die Familie zu Lynar das Schloss Anfang der 90er Jahre zurück bekommen und zum Hotel umgebaut hatte, entwickelte es sich ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit. Dabei, so fand Birgit Tanner, gab es gar keinen Grund, so mit den Informationen hinterm Berg zu halten. Fortan gab sie Neuigkeiten des Hotels als Presseinfos heraus. Sie machte das so professionell, dass etliche Journalisten fest davon überzeugt waren, Birgit Tanner sei die „Pressetante“ des Unternehmens. Diese Arbeit trug dazu bei, Schloss Lübbenau über die Ländergrenzen hinaus bekannt zu machen.
2003 fragte Rochus Graf zu Lynar Birgit Tanner erstmals, ob sie sich vorstellen könne, die Leitung des Hotels zu übernehmen. „Im ersten Moment dachte ich, mich verhört zu haben. Ich konnte das einfach nicht glauben“, erzählt sie heute. Zweifel, ob sie so etwas überhaupt schaffen könne, hätten sie geplagt, was die Familie dazu sagen würde. Lange dachte sie darüber nach, sprach mit ihrem Mann Thomas und den heute 9- und 6-jährigen Töchtern Charlotte und Frederike. Die Entscheidung, diese einmalige Chance zu nutzen, fiel gemeinsam.
Auch wenn Birgit Tanner weiß, dass sie noch vieles lernen muss und will, fühlt sie sich wohl in der neuen Funktion. Auch, weil ihr bewusst ist, dass sie eine starke Mannschaft hinter sich hat. Angefangen bei der gräflichen Familie über die insgesamt 53 Mitarbeiter bis hin zu den vielen Gästen, die ihr immer wieder bestätigen, wie gut sie sich in diesem schönen Schloss betreut fühlen.
Im kommenden Jahr wird das Schloss Lübbenau sein 15-jähriges Bestehen als Hotel feiern. Birgit Tanner ist eine von zwei Mitarbeiterinnen, die von Anfang an dabei sind. Spezi wird sie zur Jubiläumsfeier sicher nicht servieren.



