Märkte & Unternehmen

„Wachstum schwächt sich ab“

Fremdenverkehrswirtschaft legt 2007 weltweit noch um 4 Prozent zu / China wird zum zweitwichtigsten Land nach den USA

PARIS. „Wenn früher Amerika gehustet hat, bekam Europa die Grippe und dem Rest der Welt drohte eine tödliche Lungenentzündung. Heute kann Amerika husten und die Welt fährt trotzdem zum Shopping. Der internationale Tourismus hängt nicht mehr so stark von diesem Markt ab, weil es aufstrebende Länder und Regionen wie China, den Mittleren Osten, Indien und Russland gibt.“ Diese Einschätzung des internationalen Tourismusmarktes traf der Präsident des World Travel & Tourism Council (WTTC), Jean-Claude Baumgarten, beim Global Lodging Forum im Pariser Hotel Four Seasons George V.

Allerdings schränke er ein, dass sich das Wachstum in diesem Jahr abflachen werde. „Aber es sind keine Einbrüche zu erwarten“. Vom Tourismus hängen nach Einschätzung Baumgartens direkt oder indirekt rund 10 Prozent des Bruttosozialprodukts der Weltwirtschaft ab. Besonderes Gewicht habe die Branche in Nordamerika, Westeuropa und Fernostasien. „Der internationale Tourismus brauchte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nur dreieinhalb Jahre, um sich zu erholen“, so der WTTC-Präsident. „Heute wäre die Erholungsphase sicher noch kürzer.“ Das habe sich nach dem Tsunami vom Dezember 2004 gezeigt. Es gebe inzwischen eine große Nachfrage und ein entsprechendes Angebot.

Zahlreiche Projekte geplant

Und: „Wenn ein lokaler Markt ausfällt, suchen sich die Touristenströme eben andere Ziele“, meinte Baumgarten. Die Kaufkraft sei vorhanden. „Die Wirtschaft boomt je nach Region mehr oder weniger.“

Im vergangenen Jahr legte die Fremdenverkehrswirtschaft im weltweiten Schnitt um 4 Prozent zu. Man habe für 2008 mit einem Wachstum von 4,2 Prozent gerechnet. Davon müssten heute leichte Abstriche gemacht werden, ebenso wie von den für Nordamerika erwarteten 3,3 Prozent und den 3,1 Prozent für Europa. Dagegen dürften sich die prognostizierten 5 Prozent für Afrika und den Mittleren Osten und 4,3 Prozent Plus für Lateinamerika als zu niedrig erweisen, während es wohl bei 5,6 Prozent für Asien und den Pazifikraum bleiben werde. Für Frankreich sei mit plus 1,8 bis 2 Prozent zu rechnen.

Ungeachtet Markterwartungen sind laut Baumgarten in den USA 718.000 neue Hotelzimmer in der Planung, im restlichen Amerika 144.000, in Europa und im Mittleren Osten jeweils 145.000, in Afrika 28.000 und im asiatisch-pazifischen Raum 426.000. Von den weltweit geplanten Hotelzimmern würden 45 Prozent in den USA entstehen, 26 Prozent im asiatisch-pazifischen Raum und nur 9 Prozent in Europa. Für die nächsten zehn Jahre sieht Baumgarten voraus, dass China nach den USA zum zweitwichtigsten Touristenland wird. Dort sei für 2020 mit 100 Mio. Auslandstouristen zu rechnen, die 80 Mrd. US-Dollar für ihre Reise aufwenden würden.

Deutschland fällt zurück

Die USA würden schwächer, aber trotzdem noch die Touristennation Nummer Eins bleiben. Japan falle vom zweiten auf den dritten Platz zurück und Deutschland vom dritten auf den vierten. Großbritannien halte dagegen seinen fünften Platz, gefolgt von Brasilien, das heute noch auf dem zehnten Rang laufe. Den dürfte nach Einschätzung Baumgartens in zehn Jahren Indien einnehmen, das heute noch nicht zum Spitzenfeld gehört und 2020 schon 15 Mio. Touristen zählen soll. Frankreich, heute unter den Touristennationen die Nummer sechs, dürfte auf Platz sieben zurückfallen, gefolgt von Italien und Spanien.

Ralf Klingsieck

Erschienen in der Allgemeinen Hotel- und Gastronomie-Zeitung, Ausgabe 2008/14, Seite 10
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