Michael Issenberg: Ende 2008 werden wir in der Region Asia/Pacific zirka 350 Accor-Hotels habenFoto: Müller
Gastgewerbe International
„In China geht die Post ab“
Michael Issenberg, Geschäftsführer von Accor Asia Pacific, über die Entwicklung der Hotellerie in asiatischen Ländern sowie die dortige Konzern-Strategie
Vor welchen großen Problemen und Herausforderungen stehen Sie als Hotelmanager in Asien?
Issenberg: In unserem Metier ist vieles nicht kalkulierbar. Heute jagt eine Krise in Wirtschaft und Politik die andere. Verschärft wird alles durch Epidemien, Naturkatastrophen und globalen Terrorismus. Allgemein sind die Reisenden in den letzten Jahren wohl krisenresistenter geworden, doch im Luxussegment ist das Business noch immer sehr fragil. Vor allem Japaner und Nordamerikaner bleiben Krisenregionen länger fern als die Touristen und Geschäftsleute anderer Länder. Durch die Krisenhäufung schätzen Hotelbesitzer ihre Erträge heute jedoch weitaus realistischer als früher ein. Ebenso wuchs ihr Verständnis für das zyklische Hotelgeschäft.
Welche Auswirkungen hatten die Vogelgrippe und das jüngste Erdbeben bei Yogyakarta für Indonesiens Hotellerie?
Issenberg: Nach dem Erdbeben Ende Mai brach der Markt um Yogyakarta völlig ein. Doch seither erholt er sich wieder. Allgemein dämpften weder das Erdbeben noch die Vogelgrippe die landesweite Hotelauslastung, da die Tourismusdestination Bali verschont blieb. Meine Erfahrung: Epidemien und Naturkatastrophen schrecken die Reisenden heute bedeutend weniger ab als Terroranschläge.
Was unterscheidet Accor von anderen Playern in Asien?
Issenberg: Unsere größten Pluspunkte sind der europäische Background sowie ein alle Marktsegmente umfassendes Portfolio. So zählen die Accor-Marken heute in Thailand, Indonesien, Australien und Neuseeland zu den populärsten Hotels. Überdies haben wir eine langfristige Wachstumsstrategie mit flexiblem, je nach Region und Destination unterschiedlichem Approach. Viele Mitbewerber dagegen zentralisieren ihre Entscheidungsprozesse und beschränken sich eher auf First-Class- und Luxushotels mit überwiegend ausländischen Gästen. Dagegen sind Accor-Gäste vielfach Einheimische, vor allem im Budgetbereich.
Wer sind die bedeutendsten Mitbewerber von Accor in Asien?
Issenberg: Vor allem im Sofitel Segment gibt es auf der Länderebene starke Mitbewerber, vielfach asiatische Hotelgruppen. Deren Heimvorteil kontert Accor durch die Positionierung von Hotels auf dem lokalen Markt. Regional können Accor nur globale Player Paroli bieten.
Wie groß ist in Asien die Markenloyalität?
Issenberg: Asiaten sind sehr marken- bewusst, so dass Newcomer sich erst beweisen müssen. Da Accor-Marken regional verhältnismäßig neu sind, wird unser Stammgästeanteil noch kräftig wachsen.
Ist die Expansion in touristisch etablierten Märkten schwierig?
Issenberg: Nicht unbedingt. Unser erstes Ibis Hotel in Seoul ist mit konstant mehr als 90 Prozent Belegung ein voller Erfolg, so dass wir Mitte 2007 unser drittes Budgethotel in Südkorea eröffnen werden. In Japan verlangsamte sich hingegen unsere Expansion, da städtische Immobilien sündhaft teuer sind und die Hotellerie sehr breit aufgestellt ist.
Im Vergleich mit China kommt Accor in Indien kaum vom Fleck!
Issenberg: Indien ist total anders als China. Es ist ein sehr komplexer, aber auch sehr viel versprechender Megamarkt. Indiens Budgethotel-Potenzial ist immens, weshalb wir dort bis 2016 mindestens 25 Ibis Hotels führen wollen und uns auch am Aufbau der Kette finanziell beteiligen. Mit unserem indischen Joint-Venture-Partner InterGlobe Enterprise treiben wir seit März 2005 unsere Expansion stetig voran. Ein Highlight war jüngst die Eröffnung des ersten Accor Hotels – ein Novotel – in der südindischen Stadt Hyderabad.
Welchen Hauptmarkt hat Accor in Asien im Visier?
Issenberg: China – da geht die Post ab. Das Land besitzt ein gigantisches Potenzial an Inlands- und Auslandsreisenden. Chinesen bilden heute ein immer wichtigeres Gästesegment in allen Accor Hotels weltweit. Neben den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking treibt auch der langsam anziehende Wohlstand der Chinesen den Bedarf an internationalen Hotelzimmern nach oben. In zwei Jahren werden wir daher landesweit über 50 Hotels führen, wovon knapp die Hälfte Ibis-Hotels sein sollen.
Welche Wachstumstrends sehen Sie in der Region?
Issenberg: Erschwingliche internationale Budget- und Mittelklassehotels sind der Megarenner der wachsenden Mittelklasse Asiens. Die Hotellerie wird in der Asien-Pazifik-Region in ein paar Jahren Kopf stehen, da Billigfluggesellschaften und der boomende inländische und panasiatische Reiseverkehr den Siegeszug der internationalen Budgethotellerie ankurbeln werden. Daher haben wir unser Ibis-Erfolgskonzept auf den asiatischen Markt übertragen. Es soll nach Europa nun Asien revolutionieren. In Indonesien ist Ibis bereits erste Wahl bei einheimischen Geschäftsleuten, China wird wohl bald folgen.
Wie ist Ibis in Asien positioniert?
Issenberg: Um erfolgreich zu sein, muss ein Ibis auf den lokalen Markt fokussiert sein. Allerdings gibt es Ausnahmen wie in Thailand, wo Ibis Hotels in Badedestinationen auf asiatische Reisegruppen ausgerichtet sind.
Wie hoch ist der Anteil asiatischer Gäste bei Accor?
Issenberg: Über 70 Prozent des Geschäfts von Accor Asia Pacific ist heute schon innerasiatisch. Daher wachsen Marken wie Ibis, Mercure und Novotel wesentlich rascher als Sofitel. Der panasiatische Reiseboom sorgt auch dafür, dass immer mehr sekundäre Flughäfen und Lifestyle-Destinationen entstehen. Ein Beispiel hierfür: die Nachfrage nach Golfplätzen. Durch die kontinuierliche Diversifikation der Angebotspalette wird das Hotelgeschäft heute immer vielseitiger und anspruchsvoller.
Wie wird die regionale Markenexpansion vorangetrieben?
Issenberg: Unser Ziel ist ein ausgeglichenes Portfolio vom Budget- bis zum First-Class-Hotel mit Fokus auf die rasch wachsenden Bedürfnisse der inländischen und panasiatischen Märkte. Nach dieser Devise werden wir bis Ende 2008 unsere Präsenz in Asiens Pazifikraum um knapp 70 Häuser auf 350 Accor Hotels ausdehnen, wovon ein Fünftel Sofitels sein werden. Fazit: Das Potenzial des asiatischen Pazifikraums wächst immer rascher. Die Fragen stellte Urs Müller