Touristik
Deutsche Urlauber zieht es in die Nähe
Deutschland kann seinen Marktanteil bei Urlaubern ausbauen / Regionen entwickeln sich unterschiedlich: Der Norden schlägt sich besser als der Süden
HAMBURG. Die Aussicht auf Sonne oder Regen, Strand oder Berge – diese klassischen Alternativen zählen bei Reiseentscheidungen immer weniger: Trotz des durchwachsenen Sommers konnten die deutschen Ferienregionen an Nord- und Ostsee im vorigen Jahr ihre Spitzenpositionen behaupten. Auf der anderen Seite büßten Ferienregionen in Bayern, Schwarzwald und am Bodensee erhebliche Marktanteile ein. „Ein wachsendes Nord-Süd-Gefälle ist feststellbar“, so Horst Opaschowski bei der Vorstellung der 24. Deutschen Tourismusanalyse der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen.
Während im Norden die niedersächsischen Ferienregionen an der Nordsee und entlang der Ostseeküsten in Mecklenburg-Vorpommern leichte Zuwächse verzeichnen konnten, haben einige Feriengebiete in Süddeutschland bis zu einem Viertel ihres Marktanteils eingebüßt. Nach Ansicht von Opaschowski verliert der Berg- und Alpentourismus an Attraktivität und hat Mühe, mit den Aktivurlaubsangeboten im Norden mithalten zu können. Es gebe aber nicht nur zwischen dem Norden und Süden einen Wettstreit um Marktanteile, sondern zunehmend auch zwischen Ost und West. „Schleswig-Holstein bekommt immer mehr die Konkurrenz der Ferienanbieter in Mecklenburg-Vorpommern zu spüren“, fügte der Freizeitforscher hinzu.
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Inland erobert Anteile zurück
Nach Angaben von Opaschowski bleibt Deutschland das beliebteste Reiseziel der Deutschen. Jeder dritte Bundesbürger hat im vergangenen Jahr Urlaub im eigenen Land gemacht, und für 2008 hat bereits jeder vierte Deutsche Inlandsreisen geplant. Der Inlandstourismus erobere sich Marktanteile um 35 Prozent zurück, die er vor der Jahrtausendwende schon einmal besessen habe. Diese Entwicklung werde durch den demografischen Wandel noch verstärkt.
Senioren und Alleinreisende sind nach Angaben von Opaschowski bei Inlandsreisen überrepräsentiert. Aber auch Selbstständige und Freiberufler wüssten den Wert von Deutschlandreisen wegen der möglichen Flexibilität zu schätzen: „Statt Wärme, Ferne und Weite wird jetzt wieder mehr die Nähe gesucht.“ Auch der Trend zu immer kürzeren Reisen ist nach Angaben des Wissenschaftlers gestoppt. Sank die durchschnittliche Reisedauer von 18,2 Tagen im Jahr 1980 auf 12,8 Tage im Jahr 2004, waren die Urlauber im vorigen Jahr durchschnittlich immerhin wieder 13,2 Tage unterwegs. „Die Urlauber wollen wieder länger bleiben“, fügte Opaschowski hinzu.
Dabei können offenbar weder Finanzkrise, Vogelgrippe oder Terrorgefahren die Reiselust der Bundesbürger stoppen. Unternahmen nach Angaben von Opaschowski im vorigen Jahr zwei Drittel der Bundesbürger eine Urlaubsreise von mindestens fünf Tagen Dauer, so wollen in diesem Jahr fast drei Viertel der Bevölkerung verreisen. Opaschowski: „Zumindest im Urlaubsetat ist der Wirtschaftsaufschwung bei den meisten Deutschen angekommen.“
Dass Sonne satt als Urlaubsgrund nicht mehr ausreicht, mussten im vorigen Jahr die spanischen Ferienregionen erleben. Verbrachte nach Angaben von Opaschowski 1999 noch jeder sechste Deutsche (17 Prozent) seinen Urlaub in Spanien, stürzten die Urlaubszahlen 2007 auf 9,2 Prozent ab. Dagegen stieg Italien mit 10,1 Prozent in der Gunst der Deutschen wieder zum Spitzenreiter auf.
„Die touristische Trendwende deutet auf eine Renaissance des Italien-Tourismus hin“, sagte Opaschowski. Dies gelte sowohl für die klassische Bildungsreise nach Florenz, Rom oder Venedig als auch für den ehemaligen „Teutonengrill“ an Adria und Riviera. Auch dabei mache sich der demografische Wandel bemerkbar. Während junge Leute vor allem Sonne im Urlaub suchten, bevorzugten Ältere kulturelle Reiseziele.
Der drohende Klimawandel beeinflusst nach Angaben des Wissenschaftlers bisher kaum die Reise-Entscheidungen der Deutschen. Viele Bundesbürger sähen dem Klimawandel noch ohnmächtig zu. „Der Gedanke an eine heile Umwelt bewegt viel in den Köpfen, aber wenig in den Beinen“, beschreibt Opaschowski. Während der Klimawandel für die Urlauber kaum eine Rolle spiele, sei der dagegen für einige Anbieter vor allem in Wintersportgebieten von existenzieller Bedeutung. (Seite 2)Helmut Heigert


