Branchenbarometer
Deutschland für Polen wichtiges Reiseziel
Im vergangenen Jahr kamen 400.000 Gäste aus dem Nachbarstaat im Osten / Tourismusbarometer untersuchte die Besucherströme in den beiden Ländern
NEUHARDENBERG. Deutsche Touristen entdecken Polen: Das Land entwickelt sich sehr dynamisch zur Reisedestination. Zu diesem Ergebnis kommt das erste Deutsch-Polnische Tourismusbarometer des Ostdeutschen Sparkassenverbands (OSV). Tourismusexperten beider Länder hatten Reiseströme, Entwicklungsdaten, Freizeittrends und insbesondere das Reiseverhalten im grenznahen Raum untersucht.
Deutschland und Polen sind durch eine 456 Kilometer lange gemeinsame Grenze verbunden. Viele Jahre wurde sie von Deutschen vor allem aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen überschritten, die im Nachbarland auf den so genannten Polenmärkten preiswert einkaufen oder günstig tanken wollten. Diese Schnäppchensuche soll als Motiv für eine Polen-Reise mehr und mehr in den Hintergrund rücken.
Wie Krzysztof Lopacinski, Leiter des Instituts für Tourismus in Warschau, sagte, strebe Polen einen Imagewechsel weg von der Billigdestination an. Zwar werde es noch einige Jahre dauern, ehe ausländische Touristen in Polen so viel ausgeben müssen wie in anderen europäischen Ländern. Aber ein absoluter Billigurlaub sei in Polen nicht mehr zu haben. Die Angebotspalette habe sich erweitert, reiche von „Polen exklusiv“ über Pauschalurlaub, Kulturreisen bis hin zu Wellness- und Beautyangeboten. Zunehmend profiliere sich Polen auch als Messeland. Allein 2005 gab es nach Angaben Lopacinskis 220 Messen, 10 Prozent mehr als im Vorjahr.
Die Zahl der ausländischen Touristen stieg seit 2002 kontinuierlich an, so das Barometer. Rund 15,2 Mio. Gäste besuchten das Land im vergangenen Jahr, für 2006 erwarte man 16 Mio. Deutschland bleibe mit 5,6 Mio. Gästen (2005) der wichtigste ausländische Markt. Durchschnittlich bleiben die Gäste 4,8 Nächte und besuchen vor allem Wielkopolskie (Großpolen), Masowieckie (Masowien) und Dolnoslaskie (Niederschlesien).
Aber auch umgekehrt funktioniert der Reisestrom. Als Auslandsziel für Polen liegt Deutschland mit 37 Prozent weit vor Italien und Frankreich. Zwar ist die Zahl der Polen, die 2005 Deutschland besuchten, mit rund 400.000 weit geringer als die der Polenbesucher aus Deutschland, doch auch sie stieg in den vergangenen Jahren an. Dabei sind Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg die meistbesuchten Regionen. In den neuen Bundesländern sind Brandenburg- und Sachsen beliebte Reiseziele. Polnische Urlauber blieben im Schnitt neun Tage. Die Hälfte aller polnischen Besucher ist laut Tourismus-Barometer jünger als 34 Jahre.
Das touristische Unterkunftsangebot in Polen ist mit 6723 Beherbergungsbetrieben und 569.000 Betten deutlich geringer als in Deutschland, wo es 53.802 Betriebe und rund 2,6 Mio. Betten im gewerblichen Bereich gibt. Insbesondere bei den 4-und 5-Sterne-Angeboten sei der Nachholbedarf enorm. Hier sei Polen, so das Barometer, etwa auf dem Stand, auf dem die neuen Bundesländer 1990 waren. Doch zahlreiche Investitionen sorgten für positive Veränderungen.
Besonders schnell entwickele sich in Polen der Gesundheitstourismus. Wie Axel Walter, Geschäftsführer der Bad Saarower Kur GmbH sagte, liege dies nicht nur an den niedrigen Preisen für Kuren. Ein Grund dafür, dass immer mehr Deutsche zur Kur ins Ausland fahren, sei die Gesundheitspolitik in Deutschland. Von 210.033 ausländischen Kurgästen in Polen im Jahr 2004 seien 85,2 Prozent aus Deutschland gewesen. Zwar sei die medizinische Qualität in Polen und Deutschland vergleichbar, der Zustand der Kurkliniken und Einrichtungen lasse in Polen jedoch noch häufig zu wünschen übrig. Was viele Gäste jedoch auf Grund ihrer eigenen finanziellen Situation nicht monierten.
Um dem Trend zur Auslandskur entgegenzuwirken, hat der Deutsche Heilbäderverband seit 2003 Qualitätssiegel für die deutschen Kurorte geschaffen. Die Leistungen, die dahinter stehen, werden nicht vom Gesetzgeber bezahlt und unterscheiden sich grundsätzlich von dem, was im Ausland geboten wird.
Untersucht wurde im Tourismusbarometer auch der Tourismus im deutsch-polnischen Grenzraum. Dort sehen 34 Prozent der deutschen Tourismusunternehmen Potenzial, 14 Prozent hingegen Konkurrenz und sogar 52 Prozent erhoffen sich Synergien durch Kooperationen. Aus deutscher Sicht bestehen dabei die größten Chancen im Aufbau einer gemeinsamen Dachmarke und der touristischen Produktentwicklung. Konkurrenzbeziehungen werden vor allem im Preis-Leistungsverhältnis und in der Preispolitik gesehen. Heidi Diehl

