Touristik
Emotionen für die Gesundheit wecken
Selbstzahler werden immer wichtiger für Heilbäder / Kurorte wollen ihre Wirtschaftskraft herausstellen / 26,5 Milliarden Euro Umsatz im Jahr
DAMP Die deutschen Kurorte und Heilbäder werben verstärkt mit ihrem qualitativen und wirtschaftlichen Potenzial um Gäste, wobei eindeutig verstärkt die Selbstzahler im Vordergrund stehen. Die rund 300 Gesundheitszentren von den Alpen bis zu Nord- und Ostsee erzielten mit ihren 350.000 Arbeitsplätzen jährlich einen Gesamtumsatz von 26,5 Mrd. Euro (2004), hieß es auf dem 102. Deutschen Bädertag im schleswig-holsteinischen Ostseebad Damp. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Heilbäderverbandes (DHV) in Bonn, Bodo K. Scholz, verglich die in dieser Größenordnung bisher unbekannte Wirtschaftskraft der Kurorte und Bäder mit der Bedeutung der Autoindustrie. Es sei zudem ermittelt worden, dass die Kurorte jährlich insgesamt rund 500 Mio. Mal von Tagesgästen besucht würden.
Wie jeder Autokauf auch eine emotionale Entscheidung sei, ließen sich sicherlich auch „Emotionen für die Gesundheit in allen gesellschaftlichen Schichten wecken“, sagte Scholz. 2005 seien in den 300 Gesundheitsorten rund 17,6 Mio. Gäste und nahezu 100 Mio. Übernachtungen gezählt worden. Dies sei ein Drittel aller Gästeübernachtungen in Deutschland.
für Selbstzahler aus
Nach Verbandsangaben wurden 2005 von der Gesetzlichen Krankenversicherung rund 88 Mio. Euro für Heilmittel-Verordnungen bei ambulanten Kuren ausgegeben. Das sei nur ein geringer Anteil an den gesamten Heilmittelausgaben in Höhe von 3,7 Mrd. Euro. Das Heilmittel-Budget betrage für 2006 insgesamt rund 3,25 Mrd. Euro.
Die Gesetzliche Krankenversicherung gibt Ärzten seit Mitte 2004 vor, nur noch maximal zwei äußerlich anzuwendende Heilmittel zu verordnen. Bis dahin seien in Heilbädern und Kurorten 80 Prozent der Verschreibungen auf Kurmittel entfallen, heute betrage der Anteil nur noch 20 Prozent, sagte der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Badeärzte, Arno Wenemoser (Bad Füssing). Die Eigenbeteiligung der Patienten sei erheblich gestiegen. Die selbstzahlenden Kurgäste suchten sich heute für ihren individuellen Gesundheitsbedarf mit ärztlicher Beratung etwas aus dem therapeutischen Angebot heraus und nähmen eine selbst gestaltete „verdünnte“ Kur, sagte der Präsident des Heilbäderverbandes, Professor Manfred Steinbach.
„Wir sind in einer extrem schwierigen Lage“, sagte der Geschäftsführer des Verbandes deutscher Kneipp-Heilbäder, Achim Bädorf (Bad Münstereifel). Das Marketing für Privatzahler werde in der Verbindung von Medizin und Wellness „trotz aller Unschärfe des Begriffs“ ausgebaut. Ähnlich äußerte sich der Sprecher der heilklimatischen Kurorte, Rainer Kowald (Bad Homburg): „Wir wenden uns verstärkt an den Selbstzahler.“
Gleichzeitig wurde von den rund 150 Teilnehmern der Fachtagung kritisiert, dass etliche Krankenkassen Prävention und Heilangebote bei Auslandsreisen bezahlen. „Leider bezuschusst manche Krankenkasse lieber Heilmittelabgaben bei Dampferfahrten auf der Donau und in vielen Orten Osteuropas, anstatt sich für die Abgabe der Kurort-spezifischen Heilmittel auf Rezept einzusetzen“, sagte DHV-Vizevorsitzender Rudolf Forcher (Bad Waldsee). „Wenn sich die Kassen dazu durchringen könnten, gesundheitsorientierten Urlaub in Deutschland zu unterstützen, würden hier Arbeitsplätze gesichert.“
Im Umkehrschluss setzt nun der Heilbäderverband verstärkt auf das Marketing im Ausland. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Tourismuszentrale werden im Internet international 50 ausgewählte Kurorte präsentiert. Die deutschen Heilbäder hoffen, damit ihren Ausländeranteil von zurzeit rund 1,5 Mio. Gästen pro Jahr und vor allem deren Verweildauer von durchschnittlich 2,9 Tagen steigern zu können.
Mit dem Ausspruch „Wellness ist in – aber bitte in Perfektion und nicht in verwässerter Form“, kündigte der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Ernst Hinsken (CSU), eine neue Qualitätsinitiative an. Deren Träger sind der DHV und die Kurgastgeber (Verband der Kurbeherbergungsbetriebe Deutschlands e.V.). Das Ziel sei, Service und Angebote der Kur-Regionen zur „Premiummarke“ für das Gesundheitsland Deutschland zu machen. Es gehe dabei um „Förderung deutscher Qualitätskultur“, mehr Auslandsmarketing für deutsche Medizin- und Gesundheitsleistungen sowie den weiteren Ausbau des Gesundheitstourismus. Außerdem müsse auf einheitliche Qualität und Standards in Europa hingearbeitet werden. „Dazu brauchen wir auch die deutschen Krankenkassen.“
in Europa als Ziel
Auf dem Bädertag wurde die Thalasso-Therapie als ortsgebundene Heilmethode herausgestellt. Anwendungen mit Meerwasser direkt an Nord- und Ostsee – wie Algen- und Schlickpackungen, Bäder und das Einatmen von Aerosolen – dienten der Heilung und Prävention gleichermaßen. Es wurde die bundesweite Berücksichtigung durch die Kassen empfohlen. Vorbild sei der Bäderverband Mecklenburg-Vorpommern. Dieser habe einen Vertrag mit regionalen Krankenkassen zur Erstattung als ortsspezifisches Heilmittel geschlossen.
Der 103. Deutsche Bädertag findet vom 20. bis 23. April 2007 in Bad Langensalza statt.