Aktuell
Fernost-Reiseboom überrollt Europa
Das Deutschland-Incoming aus China legt kontinuierlich zu und sportliche Großereignisse wie die Fußball-WM werden den Reisestrom weiter ankurbeln
BANGKOK/PEKING Seit jeher gilt das Kulturland Europa als Asiens Traumziel, doch erst Pekings letztjährige Erweiterung der volkschinesischen Reisedestinationen löst nun in Paris, aber auch London und Berlin einen phänomenalen Reiseboom aus dem Reich der Mitte aus.
„Elf europäische Länder in fünfzehn Tagen war stressig aber schön“, strahlend deutet Wang Zhao auf dem Pult auf sein Foto vor der Notre Dame, „über das diesjährige chinesische Jahr besuchte ich mit einer Reisegruppe Paris, Berlin und anderen Metropolen in Europa.“ An alle Stationen der Rundreise kann er sich nicht mehr genau erinnern, aber von Croissant und Weissbier schwärmt er noch immer. Der 37-jährige Beamte aus der 35 Millionenstadt Chongqing in Südwestchina ist einer der Hunderttausenden Volkschinesen, die dieses Jahr Europa sahen und sehen wollen. In den 70er Jahren zählten Europareisen in Japan zum guten Ton, dann kamen die Südostasiaten angeführt von Hongkong und Singapur, denen seit der Jahrtausendwende die Inder und jetzt die Volkschinesen folgen. Der rasch anschwellende Strom der Reisegruppen aus dem Reich der Mitte ist vor allem an Europas Kultur und lokalen Spezialitäten interessiert, aber leisten sich heute vermehrt auch teure Shopping-Touren wie einst die Japaner.
der Renner schlechthin
zum geschätzten Gast
Schon heute ist Accor in China der größte ausländische Hotelbetreiber, doch die Franzosen wollen ihr Präsenz bis 2007 auf 50 Hotels verdoppeln. Geschickt nutzt Accor seine Dominanz im Reich der Mitte nun im Europageschäft aus. So bieten seine Sofitel Hotels in Frankreich seit über einem Jahr Dienstleistungen wie chinesisch sprechende Rezeptionisten, traditionelles Congee (Reissbrei) Frühstück und Hongkongs Phoenix Fernsehprogramme in den Gästezimmern an, was Sprach- und Kulturbarrieren bricht. Zudem rundete Accor seine Internetpräsenz mit einem chinesischen Webauftritt ab. Schließlich steigen Chinesen, die im Inland Accor Marken wählen, auch im Ausland vorzugsweise in diesen Häusern ab. „In Chinas Boommarkt statusbewusster Geschäftsleute und Einzelreisenden sind unsere Ibis, Mercure und Novotel Marken ein Renner“, erklärt Michael Issenberg, Geschäftsführer von Accor Asia Pacific, „während sich die Sofitels noch überwiegend an Geschäftsleute aus Hongkong und Übersee richten.“
Nach Japan ist China heute bereits Asiens größter Outbound Markt: Nach der jüngsten Hochrechnung von PATA (Pacific Asia Travel Association) werden 2008 mindestens 50 Mio. Volkschinesen im Ausland Urlaub machen, was eine Verdoppelung in nur vier Jahren ist. Neben Thailand, Japan und Südkorea sind vor allem Deutschland, Frankreich und Großbritannien ihre Renner, wo Accor eine starke Präsenz hat. „Heute ist China schon einer unserer global wichtigsten gegenwärtigen wie zukünftigen Hauptmärkte“, gesteht Issenberg. Das Potential des Drachens ist immens, da seine rund 25 Mio. Urlauber letztes Jahr im Ausland über 33 Mrd. Euro ausgaben oder 35 Prozent mehr als im Vorjahr. Volkschinesen sind daher für Frankreichs legendäre Kaufhauskette Galeries Lafayette schon heute ihre größte ausländische Kundengruppe. Ähnlich wichtig sind die Reisenden aus dem Reich der Mitte ebenfalls beim weltbekannten Schweizer Uhrenfachhändler Bucherer, wo sie nach Japanern und Koreanern dieses Jahr schon unaufhaltsam auf den dritten Platz vorstießen.
deftigen bayerischen Küche
liegt Berlin an der Spitze
Bei den populären Städtereisen ist ihr Favorit Berlin gefolgt von Hamburg und München. „Allein in Berlin zogen die Übernachtungen chinesischer Besucher 2004 im Vorjahresvergleich um 16,6 Prozent auf 46.571 Übernachtungen an“, strahlt Hedorfer. Offenbar trägt das Tourismusabkommen der chinesischen Regierung mit Deutschland Früchte, das volkschinesische Gruppenreisen nach Deutschland ermöglicht. Für Deutschlands Hotellerie geht die Rechnung heute allerdings noch kaum auf, da der chinesische Gruppenreisende für eine Übernachtung bloß 25 bis 35 Euro hinblättern will.
Chinesen lieben Geschichte, Musik und Kunst über alles, sind aber auch an kulinarischen Spezialitäten wie Eisbein mit Sauerkraut sehr interessiert. Ebenso sind bei ihnen Deutschlands reizvolle Landschaften in Verbindung mit dem Megatrend Gesundheit und Wellness im Aufwind.
Daher zog letztes Jahr das Deutschland-Incoming aus dem Reich der Mitte um phänomenale 50 Prozent auf rund 400.000 Ankünfte an, was dieses Jahr wohl noch rascher wachsen wird. Hedorfer schmunzelt: „Sportliche Großereignisse wie die FIFA Fussball-WM 2006 werden den Reisestrom aus Asien und insbesondere China nach Deutschland sicherlich substantiell ankurbeln.“
