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Praxisschock ist oft zu groß

Das Gastgewerbe zählt zu den großen Ausbildern in Deutschland / Nicht alle Azubis halten durch

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2006/35 vom 2. September 2006

AACHEN/BERLIN Mehr als 43.000 junge Menschen beginnen zurzeit in Deutschland ihre Ausbildung im Gastgewerbe. Rund 100.000 Auszubildende werden auch im Jahr 2007 wieder einen gastgewerblichen Beruf erlernen. Somit ist jeder neunte Lehrling in Deutschland in Hotellerie und Gastronomie beschäftigt. Das zeigt, wie ernst die Branche den Nachwuchs nimmt. Gastgewerbe-Profis haben beste Chancen – sogar in anderen Branchen. Dort schätzt man die Vielseitigkeit und den Einsatzwillen dieser Fachkräfte.

Allerdings werden etwa 25 Prozent der Azubis ihr Ziel nicht erreichen, sondern ihre Ausbildung in der Probezeit oder im ersten Lehrjahr abbrechen. Köche springen am häufigsten ab, Hotelfachleute dagegen kaum. In den Abbrecherstatistiken werden jedoch auch die Wechsler zwischen den gastgewerblichen Berufsgruppen erfasst. „Die Gastronomie ist in Bezug auf Ausbildungsabbrecher die Branche mit den meisten Problemen“, lauten die auf Aachen bezogenen Erfahrungen von Stefan Plum. Er ist mit der gesetzlich verankerten Ausbildungsberatung der IHK Aachen betraut. Im Bereich der IHK Aachen sind im vergangenen Jahr von 732 Auszubildenden in den gastgewerblichen Berufen 143 im ersten Lehrjahr und 42 in der Probezeit ausgestiegen, berichtet Plum. Die von ihm genannten Zahlen decken sich, laut Plum im Großen und Ganzen mit denen aus anderen Kammerbezirken. Als Ursache wird von den Auszubildenden an erster Stelle der „Praxisschock“ genannt.

Das gilt besonders für die Köche und Restaurantfachleute. Deren Abbrecherquote ist höher als die der Systemgastronomen oder Hotelfachleute. „Die körperliche Belastung ist für viele größer als erwartet“, weiß Sandra Warden, beim DEHOGA in Berlin für den Bereich Ausbildung zuständig. „Die Hotelfachleute sind geschockt, wenn sie auf die Etage müssen.“

An zweiter Stelle rangieren laut Warden Konflikte und Stress in der persönlichen Beziehung zwischen Ausbilder und Lehrling sowie die Arbeitszeit. „Viele realisieren erst nach einigen Wochen, was es bedeutet, die Freizeit mit Freunden planen zu müssen und Kontakte wegen der Arbeitszeit zu verlieren“, so Warden.

Die Ausbildungsbetriebe sehen Gründe für den Ausstieg auch in der fehlenden Motivation der Azubis. Die Unternehmer vermissen oft den Leistungswillen, und sie beklagen die geringe Ausbildungsreife vieler Schulabgänger. Diese Einschätzung unterstreicht Eva Rühle, Vorsitzende des Bundesausschusses für Berufsbildung im DEHOGA. Und sie weist darauf hin, dass für einen Beruf im Gastgewerbe unerlässliche Eigenschaften wie Teamfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Ordnungssinn, Kommunikationsfähigkeit und Pünktlichkeit bei einem großen Teil der Jugendlichen heute nicht mehr vorhanden seien.

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Für Stefan Plum von der IHK stehen Arbeitszeitprobleme an erster Stelle: „Wenn man von 169 Stunden als normaler Arbeitszeit ausgeht, dann sind es in der Gastronomie oft 200 und mehr. Das ist für Anfänger ein Grund, das Handtuch zu schmeißen.“

Zeitliche Flexibilität forderten die Arbeitgeber in der Gastronomie eben auch von den Auszubildenden, räumt Sandra Warden ein. Deshalb informiert der DEHOGA schon in den Schulen über die Ansprüche und Besonderheiten der gastgewerblichen Berufe.

Sylvia Hüls von der Landes-Gewerbeförderungsstelle des Handwerks in NRW (LGH) nennt als weitere Abbruchgründe ausbildungsfremde Tätigkeiten und Probleme mit der Ausbildungsvergütung. Hüls leitet das von der EU und dem Land NRW geförderte Projekt „Ziellauf“. Die Einrichtung beschäftigt sich mit Konflikten in der Ausbildung. Das Projekt wird aktuell von der LGH durchgeführt. Es soll aber zukünftig alle übrigen Wirtschaftsbereiche mit einbeziehen. „Ein Abbruch der Lehrzeit ist nie eine spontane Entscheidung und die Ursachen liegen immer auf beiden Seiten“, berichtet Projektleiterin Sylvia Hüls. Der Prozess sei schwelend, werde verstärkt durch persönliche Probleme und schlechte Stimmung. Beide Seiten machten eine stille Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Der Azubi frage sich: Lerne ich hier genügend? Welche Perspektiven habe ich? In den Ausbildungsbetrieben wird laut Hüls gefragt: Was habe ich vom Azubi? Schafft der Azubi die Prüfung? Wie kann er eingesetzt werden? „Rund zwei Drittel aller Betriebe und Auszubildenden sagen, dass man den Abbruch mit einem rechtzeitigen Gespräch hätte verhindern können,“ erläutert Sylvia Hüls. „Die jungen Leute haben großen Gesprächsbedarf. Man sollte über den Betrieb und dessen interne Regeln genau informieren“, rät sie.

„Schnupperpraktikum, Einführungstage und ein konkreter Ansprechpartner im Betrieb auch für persönliche Probleme oder Schulsorgen“, nennt Sandra Warden als Präventiv-Maßnahmen für die Betriebe. Der DEHOGA versucht deshalb schon in den Schulen möglichst realistisch durch Betriebsbesichtigungen über die gastgewerblichen Berufe zu informieren, um den Praxisschock zu verhindern. Der Azubi sollte sich an Ausbilder, Inhaber oder Personalabteilung wenden, eventuell auch die Hilfe von außen suchen. „Das können ältere Kollegen oder sogar die Eltern sein. Auch die Ausbildungsberatung bei der IHK sollte bei Problemen in Anspruch genommen werden“, so Warden.

Information: www.dehoga.de ;

Projekt „Ziellauf“, huels@lgh.de

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