Anzeige

AHGZ - Das Fachportal für Hotellerie und Gastronomie

Anzeige

Aktuell

Raucher müssen nicht draußen bleiben

Das Gastgewerbe hat auf die steigende Nachfrage nach Nichtraucherplätzen reagiert / DEHOGA setzt weiterhin auf die freiwillige Zielvereinbarung

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2006/26 vom 1. Juli 2006

HAMBURG/BERLIN Torsten Petersen legt die Stirn in Falten. Auf 19 Prozent seiner Gäste wolle er wirklich nicht verzichten. So viele hatten mit einem Restaurant-Boykott gedroht, sollte man das Rauchen in den Enchilada-Outlets generell verbieten. Vor einem Jahr hatten die über 30 Betriebe ihre Gäste befragt, wie man es mit dem Rauchen halten solle. Mehr als 15.000 Gäste nahmen daran teil. Das erstaunliche Ergebnis: 36 Prozent waren für ein generelles Rauchverbot, 34 Prozent für einen Nichtraucherbereich. Sechs Prozent fanden es okay, wenn nur an der Bar geraucht werden dürfe. Als Kompromiss etablierte man in den folgenden Monaten in jedem Betrieb eine Nichtraucherzone.

Bätzing will erst 2007

über Rauchverbot diskutieren

Was Torsten Petersen schon hinter sich hat, haben viele Hoteliers und Gastronomen noch vor sich. Denn bis 2008 soll in 90 Prozent der Speisebetriebe mit mehr als 40 Plätzen die Hälfte der Sitzplätze Nichtrauchern zur Verfügung stehen. Das sieht die stufenweise Zielvereinbarung zwischen dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) und dem Bundesgesundheitsministerium vor. Die erste Stufe habe man erreicht, betont DEHOGA-Pressesprecherin Stefanie Heckel: Zurzeit werden in 31,5 Prozent der Gaststätten mindestens 30 Prozent der Plätze für Nichtraucher angeboten.

Das ist Rauchergegnern zu wenig. Der SPD-Politiker Lothar Binding hat im Bundestag die Initiative für einen fraktionsübergreifenden Antrag auf ein generelles Rauchverbot in öffentlichen Räumen und der Gastronomie gestartet. Bündnis 90/Grüne und mehrere Abgeordnete von Union und SPD haben ihre Sympathie für diese Idee bekundet – aktuell wird der Antrag in den Fraktionen beraten. Nach dem Willen von Unionspolitikern soll er der Bundesregierung noch vor der Sommerpause vorgelegt werden. Um das Verfahren zu beschleunigen, arbeiten die Grünen derzeit an einem eigenen Gesetzentwurf für ein Rauchverbot. Auch für den NGG-Vorsitzenden Franz-Josef Möllenberg „führt kein Weg an einem Rauchverbot vorbei“, wie er der Welt am Sonntag sagte.

Sabine Bätzing, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, möchte hingegen an der Selbstverpflichtung festhalten. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau sagte sie: „Ich halte mich an die Vereinbarung mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband.“ Im März 2007 will sie eine „eigenständige Zwischenprüfung vornehmen“. Sollte die Zielvorgabe nicht erreicht werden, werde sie auch über ein gesetzliches Rauchverbot diskutieren.

Gegen ein solches Verbot wendet sich Detlef Parr, drogenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag. „Die Arbeitsstättenverordnung regelt bereits den wirksamen Schutz von Nichtrauchern“, sagte der Politiker dem Wiesbadener Kurier. Er setzt auf den Markt, in dem der Faktor Rauchfreiheit als Wettbewerbsvorteil genutzt werden könne.

„Wenn Nichtrauchern ihre Gesundheit so wichtig ist, warum treiben sich dann so viele von ihnen in verrauchten Bars herum“, fragt Patrick Welter in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Der Autor hält ein Rauchverbot schlicht für eine Bevormundung der Bürger. Mit dieser Meinung steht er nicht allein da. Schließlich wird niemand gezwungen, sich in bestimmten Lokalen aufzuhalten. Im Hamburger Restaurant Fischmarkt hat man keine Probleme mit rauchenden Gästen. Inhaberin Kathrin Schnurpfeil hat im Januar den Zigarettenautomaten abmontieren lassen. Vor einem Jahr hat sie in ihrem 120 Plätze großen Lokal eine Nichtraucherzone mit 40 Plätzen verordnet. Das wurde so gut angenommen, dass sie diesen Bereich zum 1. März dieses Jahres auf 60 Plätze aufgestockt hat. „Wir weisen die Gäste bei der Reservierung und beim Eintreten auf den Nichtraucherbereich hin“, berichtet Schnurpfeil, „und sie zeigen sich immer wieder erfreut.“

Positive Erfahrungen

mit Nichtraucherzonen

Dass die Raucherzone irgendwann nur noch ein Drittel oder gar ein Viertel der Plätze ausmacht, kann sich Schnurpfeil gut vorstellen. Wenn doch einmal ein Gast nach Zigaretten verlange, gehe man eben über die Straße zum Kiosk und besorge die gewünschte Schachtel dort. „So viel Service muss sein.“

Woher die plötzliche Regelungswut kommt, ist vielen Gastronomen und Hoteliers schleierhaft. Sollten sich die Befürworter durchsetzen, sieht Peter Reichert, stellvertretender Vorsitzender des sächsischen Hotel- und Gaststättenverbandes, eine Katastrophe auf die Branche zukommen. Wie in Irland prophezeit er ein Kneipensterben. „Diese schönen alten Pubs haben jetzt das Flair einer Krankenstation.“

Eine repräsentative Umfrage der AHGZ unter mehr als 10.000 Gastronomen und Hoteliers von Mitte April ergab überwiegend positive Erfahrungen mit rauchfreien Zonen. Bei etwa sechs Prozent der befragten Betriebe habe die Ausweisung einer Nichtraucherzone Gäste vertrieben. In 42 Prozent der Häuser hielten sich Gäste-Abwanderung und Gäste-Zugewinn die Waage. Mehr als die Hälfte der Betriebe gab an, durch die Nichtraucherzone neue Zielgruppen gewonnen zu haben. Fünf Prozent der Betriebe mit rauchfreien Zonen gaben an, dass sich ihre Gäste mit den Nichtraucherzonen schwer täten.

Diese Erfahrung hat man auch bei Gastro & Soul GmbH in Hildesheim gemacht. Die Firma betreibt 13 „Cafe del Sol“-Restaurants in Deutschland. Als sie vor einem Jahr mit den Nichtraucherzonen startete, gab es in den Filialen kleinere Umstellungsschwierigkeiten, erzählt Pressesprecherin Jimena Struve. Mancher Gast wusste nicht auf Anhieb, wo er nun rauchen durfte. Doch das legte sich schnell. „Seit diesem Jahr planen wir die Nichtraucherzonen bereits in der Entwicklungsphase fest in unsere Outlets ein“, sagt sie. Seit dem 1. März 2006 kommt das Unternehmen auf 50 Prozent Nichtraucher-Sitzplätze – zählt man die Freiluftplätze nicht mit. Das sind mindestens 100 Nichtraucherplätze pro Lokal.

Ein kleines Nichtraucherstübchen betreibt die Düsseldorfer Brauerei im Füchschen – und ist damit eine der ersten Brauereikneipen der Landeshauptstadt mit einem Nichtraucherbereich. Die 45 Sitzplätze (von 300 Innen-Plätzen) seien meist recht ordentlich frequentiert, berichtet Rolf Köster, Bereichsleiter Gastronomie. Vor allem die älteren Gäste sitzen lieber rauchfrei. Nur an allgemein schwachen Abenden, wenn das ganze Lokal nur zur Hälfte gefüllt ist, bleibt die rauchfreie Stube unterdurchschnittlich ausgelastet. Da mischen sich die Nichtraucher unters rauchende Volk – besser als separat zu sitzen.

Angesichts vieler positiver Erfahrungen mit dem Nichtraucherschutz hat der DEHOGA Bundesverband kein Verständnis für eine undifferenzierte Debatte. Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges: „Ich erwarte, dass sich die Bundesregierung vertragstreu verhält.“ Ein vorzeitiges Abweichen von der Zielvereinbarung sei nicht nachvollziehbar. Die Branche brauche Planungssicherheit. Übersehen wird, dass – wie DEHOGA-Pressesprecherin Heckel sagt – die aktuelle Diskussion zu viel über einen Kamm schert. Es werde nicht nach Betriebstypen unterschieden. „Größere Betriebe können viel leichter Nichtraucherbereiche ausweisen als die kleine Kneipe von 40 Quadratmetern“, meint auch Enchilada-Geschäftsführer Petersen.

Bei der Lösung des Problems kommt es offenbar auf Flexibilität an: So sind die Nichtraucherbereiche in den Enchilada-Outlets in der Regel als erstes reserviert und als erstes besetzt. Sie sind allerdings auch zu späterer Stunde als erstes weniger frequentiert – vor allem an den Wochenenden. Dann zieht es offenbar die Nichtraucher zu den Rauchern. Kleinere Enchilada-Betriebe haben ihre Nichtraucherbereiche nur bis 22 Uhr ausgewiesen. Probleme gibt es dann aber kaum: Denn mit vorgerückter Zeit scheint auch die Toleranz der Nichtraucher zu steigen. Vor allem, wenn die Stimmung ebenfalls steigt.Olaf Deininger

Kommentieren Drucken
Auch interessant

Für Pokaljäger

Wettbewerbe für die gastliche Branche gibt es zuhauf. mehr...

Weitere Artikel aus Märkte und Unternehmen vom 01.07.2006 :

Aus der Branche: Für Pokaljäger (01.07.2006)
Aus der Branche: Wettbewerbe fördern die Kreativität (01.07.2006)
Havelland Express: Trommelfisch-Premiere im Kempinski München (01.07.2006)
Gourmondo: Spezialitäten online bestellen (01.07.2006)
Frowein Group: Umfassendes Sortiment „made in Thüringen“ (01.07.2006)
MANK: Servietten für den kommenden Herbst (01.07.2006)
Marie Brizard: Curaçao Orange für tropische Drinks (01.07.2006)
Industrie: „Gastronomen sollten WLAN anbieten“ (01.07.2006)
Industrie: Vectron Systems wieder eigenständig (01.07.2006)
Aktuell: ZAHL DER WOCHE (01.07.2006)

Diesen Artikel bei Google+, Xing, Twitter oder Facebook weiterempfehlen:

Bisher keine Leser-Kommentare zum Artikel