Interview
Schörghuber-Vorstand Klaus Naeve: „Den besten Weg gehen“
Sie führen als Grund für die neue Strategie die internationalen Bilanzregeln IFRS an. Ist das der Hauptgrund?
Im Prinzip ja, allerdings greift die Reduzierung auf IFRS 17 etwas kurz. Der voraussichtlich zum 1. Januar 2013 in Kraft tretende neue IFRS 17 unterscheidet nicht mehr zwischen »finance lease« und »operating lease«. Leasingnehmer/Mieter sind dann verpflichtet, sämtliche aus dem Leasingverhältnis/ Mietverhältnis resultierenden Vermögenswerte und Verbindlichkeiten getrennt in der Bilanz auszuweisen. Dies erhöht die Bilanzsumme und schwächt damit die Eigenkapitalquote des Leasingnehmers/Mieters.
Ein Beispiel?
Bei einer Jahresmiete für ein größeres Hotel von 5 Mio. Euro und einer Laufzeit von 20 Jahren sind im ersten Jahr auf der Aktiv- und Passivseite der Bilanz des Mieters jeweils 60 Mio. Euro Nutzungsrechte beziehungsweise Verbindlichkeiten aus zukünftigen Mietzahlungen auszuweisen. Gleichzeitig werden in den ersten Jahren der Miete Verluste ausgewiesen, da die Nutzungsrechte linear abgeschrieben werden müssen, die Verbindlichkeiten aus den zukünftigen Mietzahlungen jedoch abzuzinsen sind.
Welches Risiko geht der Mieter ein,wenn er sich auf einen langfristigen Mietvertrag einlässt?
Der Mieter zahlt letztlich Zins und Tilgung für den Eigentümer und trägt das Risiko, dass die Miete mit der Inflation ansteigt. Beim Eigentümer verbleibt dagegen der Wertzuwachs. Ausschlaggebend für unsere Entscheidung war daher ganz wesentlich auch dieser Gesichtspunkt. Die Position des Eigentümers ist erheblich risikoärmer als die des Mieters. Ein Gesichtspunkt, der für ein Familienunternehmen von ausschlaggebender Entscheidung ist.
Davon müssten andere Hotelgruppen ja auch betroffen sein und ähnlich wie Sie reagieren?
Mit dem IFRS 17 wird eine Bilanzierungssystematik auf Europa übertragen, die in den USA bereits üblich ist. Dort hat sie dazu geführt, dass große Hotelketten wie Starwood ihre Geschäftsmodelle entsprechend angepasst haben. Wir haben uns sehr intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt, in Gesprächen mit Marktteilnehmern und den Medien in den vergangenen Monaten allerdings festgestellt, dass dieses Thema in Deutschland noch nicht sehr präsent ist. Wir gehen jedoch davon aus, dass IFRS 17 gerade in einem stark von Pachtverträgen geprägten Hotelmarkt wie dem deutschen noch sehr deutliche Auswirkungen haben wird, und dass sich noch viele andere Hotelgruppen damit beschäftigen werden oder dies bereits tun.
Welche Rolle spielt die rückläufige Umsatz- und Ertragsentwicklung bei Ihrer Entscheidung für einen Strategiewechsel?
Ausschlaggebend für den Strategiewechsel sind die internationalen Bilanzierungsrichtlinien (IFRS) und das sich darin zeigende Risiko. Unabhängig davon steht natürlich außer Frage, dass die Umsatz- und Ertragsentwicklungen 2009 und 2008 schmerzhaft waren. Die Tatsache, dass Wolfgang M. Neumann und sein Team nach diesen beiden schwierigen Jahren erst vor Kurzem vielversprechende Zahlen für das erste Halbjahr 2010 vorgelegt haben, spricht sicherlich für das Management und ihre Mitarbeiter. An der notwendig gewordenen Entscheidung zum Strategiewechsel ändert dies jedoch nichts.
Rechnet es sich nicht, Hotels in Eigenbesitz auch selbst zu betreiben?
Wir haben bislang unser Hotelengagement gleichermaßen vom Besitz und vom Betrieb aus gesehen. Fortan fokussieren wir den strategischen Blickwinkel auf den Besitz. Nach umfangreichen Berechnungen und dem Durchspielen möglicher Szenarien gehen wir davon aus, dass wir mit der angedachten Lösung, nämlich der Übertragung wesentlicher Managementaufgaben auf Starwood - auch für unsere eigenen Hotels - den für beide Partner unter Ertragsgesichtspunkten besten Weg gehen. Im Übrigen betreiben wir die Hotels nach wie vor selber. Sämtliche Mitarbeiter verbleiben bei uns ebenso wie die Umsätze und Ergebnisse aus den Hotels.
Inwieweit und seit wann vertrugen sich die Vorstellungen des bisherigen CEO Wolfgang Neumann nicht mit ihren Absichten?
Dass die ursprüngliche Wachstumsstrategie vor dem Hintergrund des IFRS 17 und dem damit abgebildeten Risiko so nicht mehr umgesetzt werden könne, entsprach der gemeinsamen Auffassung des gesamten Holdingvorstandes. Die nunmehr getroffene Fokussierung des Wachstums ausschließlich auf eigene Hotelimmobilien hingegen wurde nicht von Herrn Neumann mitgetragen. Dieser Entschluss war nach sorgfältigen und umfassenden Analysen und Abwägungen in der vergangenen Woche erfolgt.
Die Managementaufgaben werden fast komplett Starwood übertragen. Wie hoch ist das Einsparpotenzial dadurch?
Das Einsparpotenzial wird durchaus beachtenswert sein, das jedoch - noch einmal - in keiner Weise ursächlich für den vorgenommenen Strategiewechsel war.
Wie viele Stellen werden Sie im Gefolge dieser Umstrukturierung abbauen?
Wir gehen von einem Verlust von Arbeitsplätzen im niedrigen, zweistelligen Bereich aus. Dies betrifft ganz überwiegend die Mitarbeiter der ArabellaStarwood Hotels & Resorts GmbH, deren Aufgaben künftig direkt durch Starwood wahrgenommen werden, und die nicht in die Arabella Hospitality Group GmbH & Co. KG übernommen werden können. Wir werden uns aber gemeinsam mit Starwood darum bemühen, den betroffenen Mitarbeitern Folgepositionen in unseren Hotels oder bei Starwood direkt zu eröffnen. Die Mitarbeiter in den Hotels selbst sind von der Neuorganisation nicht betroffen.
Welchen Zeitplan haben Sie für die Auflösung des Joint Venture?
Beide Partner haben den Wunsch und Vorsatz, die Neuordnung unserer Zusammenarbeit bis Jahresende 2010 abzuschließen.
Plant die Schörghuber Unternehmensgruppe, in den nächsten Jahren neue Häuser hinzuzukaufen?
Als Beispiel für die Umsetzung der zukünftigen Strategie im Bereich der Hotelimmobilien möchte ich die geplante Projektentwicklung „Quartier am Mailänder Platz" in Stuttgart anführen. Hier planen wir gemeinsam mit ECE und Strabag einen Komplex, der neben Einzelhandel, Gastronomie, Wohnen und Büro auch ein Hotel umfassen soll. Dieses Hotel steht stellvertretend für zukünftige Entwicklungen und Wachstum im Bereich Hotelimmobilien.
Ist dann auch ein anderer Betreiber als Starwood denkbar?
Starwood bietet als eine der weltweit größten Hotelketten eine Vielzahl von Markennamen für die unterschiedlichsten Destinationen, die wir heute schon sehr umfangreich und differenziert nutzen und auch künftig nutzen werden.
Falls Häuser hinzugekauft werden, wie viele und in welchen Destinationen?
Mit der Entscheidung, unsere beiden Häuser in Südafrika zu veräußern, haben wir uns zugleich darauf verständigt, künftig ausschließlich in unseren europäischen Kernmärkten Deutschland, Österreich, der Schweiz und Mallorca wachsen zu wollen. Wo und wann wir neue Hotelimmobilien entwickeln oder erwerben, werden wir zum gegebenen Zeitpunkt bekannt geben.
Die Fragen stellte Hendrik Markgraf

