Industrie
Spirituosenindustrie will vorbeugen
Große Firmen wie Maxxium, Bacardi und Diageo schreiben sich Selbstverpflichtung und Selbstbeschränkung auf die Fahnen / EU-Maßnahmen verhindern
STUTTGART Der Schock sitzt tief. Als die Bundesregierung im Frühjahr 2004 verkündete, ab August des Jahres eine Sondersteuer von 90 Cent auf Alcopops aufzuschlagen, sahen viele Produzenten schon das Ende der Spirituosenmixgetränke kommen. Zu recht. Denn die Longdrinks aus der Flasche haben seither einen herben Absatzeinbruch erlebt. Insbesondere Jugendliche verzichteten nun auf die süße Dröhnung, vermutet die Drogenbeauftragte der SPD, Marion Caspers-Merk.
Kein Wunder, dass die Spirituosenindustrie mit Selbstverpflichtungen zu mehr Verantwortung und Marketingkodexes reagiert. Zu plastisch wurde ihnen vor Augen geführt, welch verheerende Auswirkungen Steuererhöhungen oder Werbe- und Verkaufsbeschränkungen auf das eigene Geschäft haben können.
Ihre Antwort: Selbstbeschränkung. „Die Selbstregulierungsmaßnahmen der Spirituosenindustrie sind sehr wichtig, da sie einen verantwortungsbewussten Umgang mit den Produkten unterstützen und somit verhindern sollen, dass hier in Zukunft ähnliche Beschränkungen wie in der Tabak-Industrie zum Tragen kommen“, sagt Jana Budnikova von Maxxium. Das Unternehmen vertreibt in Deutschland Marken wie Jim Beam, Absolut Vodka, Rémy Martin oder Cointreau. Die Maxxium-Produkte seien Lifestyleprodukte, die für Emotionen und ein bestimmtes Lebensgefühl stünden. Um das zu kommunizieren, benötige Maxxium auch in Zukunft die Möglichkeit von Werbung und verkaufsfördernden Maßnahmen. Die kommunikativen Maßnahmen wendeten sich, so Budnikova, aber stets an Erwachsene und würden vor dem Hintergrund des moderaten Alkoholkonsums entwickelt.
Das war nicht immer so. So warb Bacardi vor der Alcopop-Verordnung noch mit dem Slogan „Jugendlich, offen, sinnlich, leidenschaftlich – das Getränk für den etwas anderen Nightlife-Kick“. Heute setzt der Spirituosen-Hersteller lieber auf reifere Werbeträger, wie etwa George Clooney für die Marke Martini. Bereits 2005 hat sich Bacardi den „Bacardi Kodex“ auferlegt. Erste Aktivitäten zur Selbstbeschränkung in Form eines Marketingkodex gab es aber schon im Alcopop-Besteuerungsjahr 2004. Sechs markige Aussagen hat Bacardi in einem Booklet zusammengefasst: „Jugendliche sind keine Kunden“ heißt es da etwa, aber auch „Alkoholmissbrauch lehnen wir ab“.
Normen und Konventionen sollen respektiert und die Einhaltung des Kodex regelmäßig überprüft werden. „Unsere Mitarbeiter sind zur Umsetzung des Kodex verpflichtet und eigens geschult worden“, berichtet Christian Cordes, Sprecher von Bacardi Deutschland. Partner in Handel und Gastronomie seien aufgerufen, sich den Kodex zu eigen zu machen. Wichtigste Mitteilung: kein Ausschank von Spirituosen an Jugendliche unter 18 Jahren.
Für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol wirbt Bacardi bei den eigenen deutschlandweiten B-Live-Events auch aktiv. So hat das Unternehmen im vergangenen Jahr die „Driver's Lounge“ eingeführt. Das bedeutet, wer am Abend mit dem Auto gekommen ist, bekommt Softdrinks umsonst. „Die Driver's Corner ist eine tolle Einrichtung von Bacardi“, findet Madjid Djamegari, Betreibers des In-Clubs King Kamehameha in Frankfurt. Dort fand im vergangenen Jahr eine Bacardi Ritmo Party (Vorläufer der B-Live-Events) statt. Der verantwortungsvolle Umgang mit den Gästen sei lobens- und nachahmenswert, so Djamegari.
Auch Katja Arnhold von Diageo appelliert an die Verantwortung der Gastronomen. „Wenn ein alkoholisierter Gast noch ins Auto steigen will, sollte ihm der Wirt den Schlüssel abnehmen“, sagt sie. Auch Diageo (Smirnoff, Gordon's, Baileys) hat sich seit 2004 der Selbstverpflichtung verschrieben. Mittlerweile druckt das Unternehmen Altersbeschränkungen auf seine Flaschen. Zudem gibt es seit 2004 Aufsteller und Aufkleber an den Handel heraus, die auf die jeweilige Altersbeschränkung beim Verkauf von Alkohol – 16 Jahre für Wein und Bier, 18 Jahre für Spirituosen und Mixgetränke – hinweisen. Andere fordern auch zur Vorlage des Ausweises auf. „Insgesamt 40.000 Stück haben wir davon an unsere Partner verteilt“, sagt Arnhold. Die Materialien seien Diageo förmlich aus den Händen gerissen worden. „Im Vorfeld hat sicherlich die Diskussion um Alcopops sensibilisiert“, so Arnhold.
Auch für die Sommersaison hat Diageo Pläne. Bei Festveranstaltungen will das Unternehmen auf Vorlage des Personalausweises Farbbändchen ausgeben, die Aufschluss über das Alter der Person geben. Daran könnten sich dann die Wirte orientieren. „Das sind keinesfalls Alibi-Maßnahmen“, betont Arnhold. Diageo wolle damit zum Ausdruck bringen, dass es Verantwortung für die eigenen Produkte übernehme. Das ist löblich. Denn das Rumoren um die Brüsseler Alkohol-Richtlinien kommt nicht von ungefähr. Zwar hantiert EU-Verbraucherkommissar Markos Kyprianou auch lieber mit freiwilligen Vereinbarungen. Dennoch können solche Maßnahmen helfen, um die Spirituosenindustrie vor einer härteren EU-Gangart zu bewahren. Und die würde vermutlich allen schaden, der Industrie wie den Gastronomen.
