Der AHGZ-Speisekartentest
Gasthaus Lamm im Kau
Das Lamm im Kau ist ein Gasthaus im oberschwäbischen Tettnang, eine Stadt, die unter anderem bekannt ist für ihren Hopfen. Hält man die Speisekarte des Hauses in der Hand, spricht das orangefarbene Design zwar an, wirkt allerdings unter dem Strich zu neutral oder austauschbar. Nicht austauschbar wirkt hingegen das Speisenangebot, das wir heute besonders in den Mittelpunkt stellen.
Die Speisekartenmacher gehen in der Konzeption clever vor und bedenken in der Angebotsentwicklung das, was oft in der Tageshektik untergeht. Zum einen präsentieren sie ein sehr schönes, authentisches Angebot mit regionalem Bezug (Saure Semmelknödel, Schübling und Romadur, Haxensalat vom Kalb), das sympathisch wirkt und den Begriff Gasthaus intelligent und positiv auflädt. Zum anderen befolgen sie bei der Konzeption die goldene Regel „Weniger ist mehr“. Die Karte weist ganze zwei Seiten auf und wird durch eine separate Tageskarte (eine Seite) ergänzt. So wird der Gast nicht bei der Suche überfordert, der Service nicht beim Warten auf die Bestellung und die Küche nicht bei der Zubereitung.
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Schön die Idee der Speisekartenmacher, auf die Karte das zu setzen, was gastronomische Leistungsfähigkeit demonstriert und von den Wettbewerbern abgrenzt. Die Gastgeber schaffen ein ausgefallenes und außerordentliches Angebot, das man sich zu Hause nicht selbst zubereitet und gerade deswegen animiert ist, ein Gasthaus aufzusuchen (frisch geschnittener Bierrettich mit Schnittlauchbrot und Würfelspeck, knuspriger Schweinskrustenbraten, saure Kalbsnierle, Gaisburger Marsch, ganzer Saibling mit Kräutern in Olivenöl gebraten, gezuckerte bayerische Waldheidelbeeren).
Die Sprache macht Appetit und zeichnet schnell ein Bild in der Vorstellungskraft des Gastes (gekochtes Kalbszüngle in Dijon-Senf-Sauce, Kalbsleber in Salbeibutter gebraten, Tiroler Berglamm-Stelze mit frischen Kräutern in Rotwein geschmort, frisches Bio-Bauern-Hühnchen ausgelöst und mit Petersilie in Butter gebraten). Deutlich überstrapaziert wird die schwäbische Endung „le“. Was anfänglich noch gefällt (Pfifferlingssülzle, Dinkelflädle, Nüdele), wirkt über die Karte hinweg durch die übermäßige Nutzung übertrieben und aufgesetzt (Kräuterflädle, Bratkartöffele, Böhnle, Brotwürfele, Zwiebele, Schnitzele, Perlhuhnbrüstle, Krebsle, …).
Lobenswert auf der Tageskarte ist das Angebot von Sommerweinen im offenen Ausschank. Das Preisniveau der Gerichte ist gehoben, rechtfertigt sich aber durch hochwertigen Wareneinsatz.
Wo Licht ist, ist auch Schatten. Dieser zeigt sich insbesondere im formalen Bereich. Fett- und Normaldruck werden nicht logisch eingesetzt, Rechtschreibfehler unterminieren die Professionalität (Artischoke, hausgemaches Vanille-Eis, Russisch Ei mit Lachstreifen, Entrecote, Cafe de Paris Butter). Mathematische Zeichen (Schübling & Romadur) und Abkürzungen (Sc. Aioli, Müller Thurgau x Sylv.) sollten den Menükunderegeln zufolge vermieden werden.
Der Aufbau der Speisenfolge ist nicht immer ganz korrekt (kalte Vorspeisen gehören vor warme Vorspeisen), Salate werden ohne Dressing aufgeführt, vegetarische Gerichte und Desserts sind unterrepräsentiert. Die Formulierung „frisch“ (ganzer Saibling frisch aus’m See, frisch gehobelte Dinkel-Käs’spätzle, frische Sommer-G’müsle) sollte nicht inflationär verwendet werden.
Unser Resümee: eine kleine, feine Karte, die formal holpert, im Kern aber trotzdem gut gefällt.
Wolfgang Fuchs, Simone Besemer



