Management
Medical Wellness auf dem Prüfstand
Definitionen und Gütesiegel sollen dem Gast fachgerechte auf gesundheitliche Prävention ausgerichtete Angebote garantieren
STUTTGART. Das Interesse der Bundesbürger an einem Gesundheitsurlaub ist ungebrochen: Besonders gefragt ist laut einer Studie des Münchner Instituts für Freizeitwirtschaft Medical Wellness mit 79 Prozent Interessenten. 2002 waren es erst 60 Prozent. Doch viele Gesundheitsreisende suchen nach seriöser Orientierungshilfe, denn die Bandbreite medizinischer Angebote in den Hotels wird immer größer.
Für Klarheit sollte eine verbandsübergreifende Definition von Professor Horst Klinkmann sorgen: „Medical Wellness beinhaltet gesundheitswissenschaftlich begleitete Maßnahmen zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität und des subjektiven Gesundheitsempfindens durch eigenverantwortliche Prävention und Gesundheitsförderung sowie der Motivation zum gesundheitsbewussten Lebensstil.“
Definition ist umstritten
Doch steht die vermeintlich einheitliche Definition im Kreuzfeuer der Kritik. Brancheninsider wie IHA-Hauptgeschäftsführer Markus Luthe kritisieren die Einführung des neu konstruierten Oberbegriffs „Gesundheitswissenschaft“. Herkömmliche Wellness drohe so im Umkehrschluss als „nicht gesundheitswissenschaftlich fundiert“ abgewertet zu werden (AHGZ vom 24. Februar). Wellness- und Spa-Expertin Dagmar Rizzato ist zudem erstaunt, wie wenig über die Grenzen hinaus geschaut wird (Interview Seite 8).
Der Deutsche Wellness Verband (DMV) unter Vorsitz von Lutz Hertel will aufgrund der Diskussion den Begriff „Medical Wellness” nicht mehr benutzen. Hertel präzisierte den Begriff gegenüber der AHGZ aber so: „Medical Wellness bezeichnet die synergetische Kooperation von Medizin und Wellness, die in ihrer Kombination mehr gesundheitliche Wirkung erzielt als jedes der beiden Kompetenzfelder für sich allein. Entsprechende Angebote müssen auf Grundlage medizinischer Fachkompetenz die Lebensqualität verbessern und zur Stärkung der eigenen Gesundheit durch einen genussvoll gesunden Lebensstil befähigen. Zumindest im Falle bekannter Vorbelastungen oder Vorschäden ist ärztliche Mitwirkung unerlässlich.“
Der Verband testet seit 2004 anhand von Qualitätsstandards und Mindestanforderungen Hotels, Kliniken und Arztpraxen. Voraussetzung für das Basis-Zertifikat als Medical- Wellness-Hotel ist beispielsweise die Anwesenheit eines Arztes. Therapeuten, Trainer und Berater müssen qualifizierte Fachkräfte sein. Die Prüfer seien vom DWV geschulte, unabhängige Sachverständige und fachlich spezialisiert auf den jeweiligen Betriebstyp: Ärzte, Praxismanager und professionelle Auditoren. Die Auszeichnung ist zwei Jahre gültig. Zurzeit arbeitet Lutz Hertel mit einem Spezialistenteam an einer Premium-Zertifizierung des DWV, bei der auch der Umgang mit dem Gast, geprüft werden soll.
Die aktuellen DWV-Anforderungen erfüllt beispielsweise Menschels Vitalresort in Bad Sobernheim. Kernkompetenz des Hauses: ärztlich geleitete Gesundheitsreisen in Wohlfühlumgebung. „Mit diesem Konzept konnten wir die durchschnittliche Auslastung auf 75 Prozent steigern, gegenüber 68 Prozent in den vorherigen Jahren. Die Basis-Zertifizierung ist wichtig, denn sie gibt dem Gast, der noch nicht im Haus war, zumindest eine gewisse qualitative Sicherheit“, heißt es dort.
Der 2006 gegründete Deutsche Medical Wellness Verband (DMWV) sieht die neue Definition als kleinsten gemeinsamen Nenner. Lutz Lungwitz, Erster Vorsitzender des Verbandes: „Ein qualifizierter Arzt muss seinen beruflichen Mittelpunkt im Hotel haben und in die Abläufe eingebunden sein. In seiner Abwesenheit ist ein ärztlicher Bereitschaftsdienst erforderlich. Damit grenzen wir uns von anderen Verbänden ab.“
Der DMWV lässt die Betriebe vom TÜV Rheinland Group zertifizieren und prüft in Kategorien wie Klinik, Hotel, Day Spa und Destination. Außerdem in Diagnostik, medizinischer Umsetzung, Einrichtung der Medical-Wellness-Bereiche sowie Hotel- und Klinik-Bereich. Das Gütesiegel ist drei Jahre gültig und wird jährlich überprüft. Voraussetzungen: eine Mitgliedschaft im Verband, mindestens 4-Sterne-Komfort, sowie Anforderung an das Qualitätsmanagement gemäß DIN EN ISO 9001:2000. Weitere Kriterien entsprechen inhaltlich denen des DWV.
Verschiedene Schwerpunkte
„Unsere Auditoren erfüllen die Kriterien des Akkreditierungsrats, unter anderem eine medizinische oder hotelspezifische Berufsausbildung und -erfahrung sowie Wissen im Bereich Qualitätsmanagement“, so Pressesprecher Hartmut Müller-Gerbes. Auf der ITB in Berlin präsentierte der Verband das erste zertifizierte Hotel: das Wellnesshotel Eggensberger mit angeschlossener Kurklinik. „Wir bieten seit rund 30 Jahren in Zusammenarbeit mit einem Kurarzt und den Krankenkassen medizinische Behandlungen an“, so Andreas Eggensberger. „Wir wollten aber nie eine richtige Klinik im Sinne von Äthergeruch sein“, erläutert der Physiotherapeut, Sozialwirt und Masseur. Elke Birke
www.wellnessverband.de
www.menschel.com
www.dmwv.de
www.eggensberger.de