Regionale Produkte drängeln sich vor
Intergastra präsentiert Initiativen wie „Schmeck den Süden“ oder „Regionale Speisekarte“ / Premiere: Gemeinschaftsstand mit Spezialitäten aus Bayern
Stuttgart. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Regionale Produkte sind bei den Gästen gefragter denn je. Diesem Trend wird auch die Intergastra gerecht und widmet dem Thema eine eigene Halle. Dass sich gutes Gewissen und Geschmack nicht ausschließen, demonstriert ein Gemeinschaftsstand der Aktionen „Schmeck den Süden“ und „Regionale Speisekarte“. Hoteliers und Gastronomen können fundierte Informationen über die Vorteile der Programme einholen. Sie sind außerdem eingeladen, sich über die Produkte heimischer Betriebe kundig zu machen.
Die Umwelt schonen
Warum sind regionale Produkte die neuen Stars der Speisekarte? Was schätzen die Gäste daran, wenn der Gastronom sich auf seine geografischen Wurzeln besinnt? Es ist die heimische Qualität. Und: Mit jedem Bissen stärken sie die örtlichen Landwirte. Kurze Wege zwischen Produzenten und Verarbeitern schonen die Umwelt. Die Nachfrage in Deutschland an ökologisch erzeugten Lebensmitteln ist vor allem im Naturkostfachhandel so groß, dass die nationale Bio-Produktion nicht ausreicht.
WEITERE BILDER ZUM ARTIKEL
Jede zweite Bio-Möhre wird importiert, hat der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) ermittelt.
Auf die Stärkung regionaler Produkte zielt auch eine Premiere bei der Intergastra: Bayern organisiert einen Gemeinschaftsstand. Unter dem Motto „Spezialitätenland Bayern – Heimat der Genüsse“ präsentieren neun Unternehmen aus dem Freistaat ihre Neuheiten.
Das Programm „Schmeck den Süden“ wertet regionale Produkte gezielt auf. „Es gibt Bundesländer, die beneiden uns um das Schmeck-den-Süden-Programm“, sagt Bettina Rau von der Marketing- und Absatzförderungsgesellschaft für Agrar- und Forstprodukte aus Baden-Württemberg (MBW). „An der Aktion Regionale Speisekarte nehmen inzwischen 239 Wirte teil.“
Unter den Ausstellern sind Außer-Haus-Spezialisten wie Seubert Feinkost und Bürger. Auch der Landesverband der Klein- und Obstbrenner in Nord-Württemberg präsentiert Feines. Insgesamt reicht das Spektrum von Metzgereien über Fruchtsaftanbieter vom Bodensee bis zum Bierbrauer aus Schwäbisch Hall.
Geschützte Herkunft
Sich auf die Wurzeln zu besinnen, damit kennt sich auch Intergastra-Aussteller Schamel Meerrettich aus. „Wir bekennen uns aus Tradition seit jeher zum bayerischen Anbaugebiet und Produktionsstandort. Als Initiator der Schutzgemeinschaft Bayerischer Meerrettich sehen wir es als unsere Aufgabe, den bayerischen Meerrettich als Qualitätsprodukt erster Güte im Markt zu etablieren“, betont Geschäftsführer Hanns-Thomas Schamel. Hierzu hat Schamel unter anderem bei der Europäischen Kommission die geschützte geografische Herkunftsangabe als „Weltgenusserbe“ für bayerischen Meerrettich, auch Kren genannt, erkämpft. Seit mehr als 150 Jahren verarbeitet die Familie Krenstangen aus regionalem Anbau.
Eine Auffassung von Regionalität, die Siegfried Schedel, Hersteller von Bio-Backwaren aus Franken, teilt: „Wir verwenden nur Rohstoffe aus ökologischem Anbau. Davon sind rund 80 Prozent aus Bayern, 15 Prozent stammen aus dem Bundesgebiet und nur 5 Prozent aus anderen Ländern.“ Die Nachfrage im Gastgewerbe wachse, auch weil der Preisunterschied zu konventionellen Produkten immer geringer werde. „Man will nicht mehr das billigste Einheitsbrötchen, sondern legt mehr Wert auf Geschmack und schätzt die handwerkliche Prägung unserer Produkte“, sagt der Spezialist für ökologische Backwaren. Auf der Intergastra wird Schedel Biobrot zwei bis drei herzhafte Neuheiten vorstellen.
Die Region Hohenlohe fördert seit Jahren ländliche Kultur und Traditionen. Das gilt vor allem für die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall mit Vordenker Rudolf Bühler. Die Retter des Schwäbisch-Hällischen Landschweins, die mit einem eigenen Stand auf der Intergastra vertreten sind, geben mittlerweile den „Agrarkulturpreis Hohenlohe“ aus. „Damit wollen wir die Kulturleistungen der ländlichen und bäuerlichen Bevölkerung für unsere Gesellschaft würdigen“, sagt Bühler. Ein weiterer erfolgreicher Verfechter heimischer Produkte ist Jörg Geiger mit seiner gleichnamigen Obst-Manufaktur, die alte Apfel- und Birnensorten von Streuobstwiesen aus dem Albvorland verarbeitet. „Wir beleben regionale Wirtschaftskreisläufe und nehmen auf die saubere Erzeugung von guten Lebensmitteln sehr bewusst Einfluss“, sagt der Manufaktur-Chef. „Wir tauschen uns mit den Bauern über geschmackliche Qualität und innere Werte aus, können ihnen einen fairen Preis bezahlen, und sie haben die Gewissheit, dass ihre Arbeit auch in einer globalisierten Welt noch sinnvoll ist.“
Bio kommt langsam
Regionalität ist auch für Bioland der richtige Weg. Am Bioland-Gemeinschaftsstand stellen Erzeuger und Verarbeiter des Verbandes ihre Produkte vor. Wer konsequent sein will, sollte aus Sicht des Anbauverbandes zusätzlich auf ökologische Aspekte achten. Damit kommt dann wieder die regionale Herkunft ins Spiel.
Im Außer-Haus-Markt hat Bio zwar Fuß gefasst, ist aber immer noch ein zartes Pflänzchen. Wer mit Bio auf der Speisekarte werben will, muss sich zertifizieren lassen und bestimmte Auflagen erfüllen. Der Aufwand scheint vielen zu groß. Im Außer-Haus-Markt, der mit mehr als 70 Mrd. Euro ein Drittel des gesamten deutschen Lebensmittelumsatzes ausmacht, liegt der Bio-Umsatz nach Angaben des BÖLW-Jahresberichts 2011 bei etwa 300 Mio. Euro, das entspricht 1 Prozent.
Die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg plant, die Vermarktung von regional und biologisch erzeugten Agrarprodukten auszubauen. Die von der vorherigen Landesregierung gestoppten Fördermittel für die Umstellung der Betriebe auf Öko-Landbau werden 2012 und 2013 wieder bereitgestellt. „Damit die Verbraucher leichter erkennen können, wo die Agrarprodukte erzeugt und verarbeitet werden, wollen wir unser erfolgreiches Qualitätszeichen Baden-Württemberg weiterentwickeln“, sagt Alexander Bonde, Landesminister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Mit Blick auf die Gastronomie sei im November mit der Ernährungswirtschaft ein Workshop geplant, um weitere Maßnahmen umzusetzen. mel/eck

