Küche & Keller
Scheinheiliger Weinkrieg
Weine aus den USA dürfen mit umstrittenen modernen Methoden hergestellt werden – aber auch in Europa ist der Wein meist kein reines Naturprodukt mehr
Um rund 30 Prozent ist in den letzten Wochen der Absatz kalifornischer Weine in Deutschland zurückgegangen. Auch manche Gastronomen bekamen Probleme mit dem Verkauf ihrer Cabernets, Zinfandel und Chardonnays aus dem Napa Valley oder Sonoma County. Denn viele Konsumenten zeigten sich verunsichert. Ursache dafür waren Ausführungen der deutschen Weinbranche, die unfiltriert mit reißerischen Schlagzeilen in den Medien wiedergegeben wurden und letztlich nur scheinheilig waren. Pauschal bezeichneten die Sensationsjournalisten Gewächse aus den USA als „Industrieweine“, „Frankenstein-Weine“ und „Coca-Cola-Tropfen“, während gleichzeitig die Weinerzeugung in Europa und vor allem in Deutschland als traditionell verkauft wurde. Man konnte den Eindruck haben, jedes kleine und große Weingut sowie jede Kellerei sei noch eine Manufaktur, in der die Beeren einzeln per Hand verarbeitet werden, während die Amerikaner überwiegend „Kunstwein“ erzeugen.
Auslöser des „transatlantischen Weinkrieges“ war ein umstrittenes Handelsabkommen, das der Rat der Europäischen Union Ende Dezember mit den Vereinigten Staaten besiegelte. Es ging dabei um Fragen der geschützten Herkunftsbezeichnungen, gegenseitige Exporterleichterungen und die Anerkennung der jeweiligen Herstellungsmethoden von Wein. Weil in Amerika Wasserzusatz (zur Alkoholabsenkung), der Einsatz von Eichenchips und die Fraktionierung von Wein ohne Deklaration auf der Flasche erlaubt ist, malten vor allem die Deutschen den Teufel an die Wand. Amerika werde künftig die „alte Welt“ mit dieser Art Wein überschwemmen und die europäischen Winzer, für die solche Methoden nicht zulässig sind, an die Wand drücken, lautete die dramatische Botschaft.
Keiner dachte darüber nach, dass heute schon in deutschen Regalen jede Menge Billigwein für weniger als zwei Euro pro Flasche steht – von europäischen Kellereien inklusive Deutschland. Nun kann man sicherlich den Zusatz von Wasser in den Wein als bedenklich bezeichnen. Aber nicht alles, was erlaubt ist, wird generell praktiziert. Eichenchips werden in Deutschland und Österreich seit einigen Jahren im Versuch erprobt. Und die Technik der Fraktionierung (Schleuderkegelverfahren), bei der Wein in seine verschiedenen Bestandteile zerlegt und neu zusammen gesetzt werden kann, ist letztlich nur eine neue Methode, die sich nicht unbedingt extrem zum Beispiel von der schon seit Jahren in Europa praktizierten technischen Konzentration durch Vakuumverdampfung oder Umkehrosmose unterscheidet.
„Wir brauchen ein Reinheitsgebot“, forderten gleich mehrere Minister im Namen des Verbrauchers. Sie kapierten dabei nicht, dass sie sich vor den Karren der Weinlobby spannen ließen und dass sie, wenn so etwas umgesetzt werden würde, wohl bald mit Protesten aus der Branche konfrontiert würden.
„Kokolores ist das“, meint Fachfrau Dr. Monika Christmann, Leiterin der Abteilung Kellerwirtschaft auf der Weinuni Geisenheim und Delegierte des OIV (Internationale Organisation für Rebe und Wein). „Dann müssten die Anreicherung mit Rübenzucker, die Säuerung und Entsäuerung, diverse Schönungsmaßnahmen sowie die Schwefelung auf den Prüfstand.“
Nicht zu vergessen der Zusatz von Reinzuchthefen, von Enzymen und noch einigen anderen Dingen. Selbst der Barrique-Ausbau müsste kritisch ins Visier genommen werden. Schließlich bekommt der Wein durch den innigen Kontakt mit neuem Holz rund 150 zusätzliche Aroma- und Geschmacksstoffe. Damit entfernt er sich erheblich von dem, was aus der Traube ursprünglich abfloss. Der Zusatz von Eichenchips wäre ebenfalls ein Thema. Denn das, was die Deutschen den Amerikanern noch vor wenigen Wochen vorwarfen, praktizieren sie inzwischen selbst mit neuer Leidenschaft. Fast zeitgleich mit der Verabschiedung des Handelsabkommens mit den USA strich die EU einen Absatz aus der Weinverordnung, der bislang die Nutzung dieses Zusatzes weitgehend eingeschränkt hatte. Und schon beginnt das Geschäft zu laufen. Kürzlich diskutierten Kellermeister aus Baden-Württemberg über die Möglichkeiten mit Chips und schritten am Ende zur Abstimmung über drei Fragen: Generell zulassen? Teilweise zulassen? Ablehnen? Ohne Ausnahme waren alle für die generelle Zulassung! In der Pfalz gab es Informationsabende für Winzer über so genannte „Alternativprodukte“ zum Barrique, eben Späne, Stäbchen oder Pulver aus Holz. Die große Mehrheit war begeistert und wartet jetzt nur mehr auf genaue Ausführungsbestimmungen, damit schon der Jahrgang 2006 behandelt werden kann.
Die Gastronomen, die in den letzten Wochen Schwierigkeiten hatten, ihre Kundschaft von der Qualität kalifornischer Weine zu überzeugen, könnten bald Rache üben und Erzeuger, die mit Chips arbeiten, aus ihrer Lieferantenliste streichen oder einen deutlichen Preisnachlass fordern, weil die Eichenspäne im Vergleich mit Barriques einen klaren Kostenvorteil haben
