Management & Praxis
Thomas Wein-Tipp
Der Zinfandel ist genau genommen die einzige eigenständige Rebsorte der USA. Lange wurde über ihre Herkunft gerätselt, bis vor einigen Jahren mithilfe des genetischen Fingerabdrucks Licht in das Dunkel ihrer Herkunft gebracht wurde. Es gab viele Hinweise, dass sie mit dem Primitivo aus Apulien verwandt war, doch da dieser erst viel später in Italien angebaut wurde, ließ sich diese Theorie wieder ausschließen.
Heute sind sich die Rebsortenkundler ziemlich sicher, dass es ich um die kroatische Crljenak, eine fast vergessene Rotweinsorte, handelt. Mike Grgich, der alte Hase des Weinbaus im Napa Valley hatte das immer vermutet, doch so richtig beweisen konnte er es nie. Nun ist es amtlich. Zinfandel nimmt heute fast ein Viertel der gesamten amerikanischen Weinberge in Beschlag. Allerdings muss die Sorte für den alkoholarmen restsüßen Zinfandelblush – einen hellen pinkfarbenen Rosé namens White Zinfandel – herhalten. Eisgekühlt getrunken, wird der White Zinfandel von vielen amerikanischen Verbrauchern als alkoholhaltiger Limonadenersatz angesehen.
Doch diese Rebsorte kann viel mehr, als nur ein zartgefärbtes Wässerchen entstehen zu lassen. Die ältesten Rebstöcke des Landes wachsen in einigen Weinbergen Kaliforniens. Dieser Umstand rührt daher, dass der Zinfandel bereits zu Zeiten des Goldrausches überall angebaut wurde. Besonders in den Sierra Foothills stehen echte Methusalems mit einem Alter von fast 130 Jahren.
Bei einer Reise in die USA war ich geschockt über die hohen Weinpreise für kalifornische Spitzenweine in vielen Restaurants. Da der amerikanische Verbraucher gewöhnt ist, weitaus höhere Preise für Pinot Noir, Syrah und vor allem den heiß geliebten „Cab“– sprich Cabernet Sauvignon – zu bezahlen, fiel meine Wahl gezwungenermaßen häufig auf einen Zinfandel. Unverständlicherweise genießt er anscheinend das geringste Ansehen, oder hat das schlechteste Marketing.
Zwei Zins – so der Kosename eingefleischter Fans dieser Sorte – sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Früher waren die Weine von Quivera aus dem Sonoma Valley raue, holprige Burschen. Seit der Jahrtausendwende herrscht hier ein anderer, neuer Wind. Interessanterweise werden die Weinberge biodynamisch bewirtschaftet. Eine Denkweise, die in den USA eher noch Untergrundcharakter hat. Die Trauben für diesen köstlichen Stoff stammen aus teilweise 80 Jahre alten Weinbergen der Unterregion Dry Creek Valley. Einem warmen Seitental, das bei Kennern als hervorragende Quelle für Zinfandels gilt.
Dieser Zin duftet nach einer Bloody- Mary-Melange mit mediterranen Kräutern. Das Tomaten-Sellerie-Aroma findet sich häufig und ganz offiziell im Aromaprofil dieser Rebsorte. Der Wein ist so wunderschön geschmeidig, hat Substanz auf der Zunge und wird niemals langweilig. Ein Klassiker mit für Zinfandel geradezu bescheidenen 13,5 Volumenprozent Alkohol. Er schmeckt klasse zu einer geschmorten Roulade oder auch zu einem Thunfischsteak. Ein echter Hamburger ist für mich aber nach wie vor die beste Lösung, weil kultig.
Dass ein Zinfandel wunderbar reifen kann, zeigt der 1996er Geyserville von Ridge Vineyards. Dieses Weingut bringt mit die eigenständigsten Weine Kaliforniens auf den Markt. Die Weinberge befinden sich im Alexander Valley (auch ein Teil von Sonoma Valley) und stehen im sogenannten gemischten Satz mit uralten Carignan und Petit Syrah.
Ein rauchiger, eleganter Wein mit einer dichten Textur, die so manchen großen Wein dieser Welt in einer Blindprobe das Fürchten lehren würde. Hier lässt sich deutlich das erkennen, was viele Weine für sich beanspruchen, es aber nicht haben: Terroir. Würzige, wilde Frucht mit Kräutern und Graphitnoten. Legendär. Wer von diesem Virus einmal befallen wurde, der wird verstehen, warum eingefleischte „Zin-Fans“ folgenden Wahlspruch haben: „Life is hell without Zinfandel!“