Kulinarium
Thomas Wein-Tipp
Was lässt sich bitteschön unter dem Begriff „Trinkfreude“ verstehen? Ein ausschweifendes Gelage im römisch-griechischen Stil? Die Sprache der Weinkenner ist für so manchen Laien nichts anderes als aufgemotztes Fachchinesisch, das reichlich satirisches Potenzial beinhaltet. Speziell, wenn vom „durchgerittenen Sattel“, dem „langen Abgang“ oder einem „kurzen Säureschwanz“ die Rede ist. Das treibt dem Zuhörer oder Leser oft ein Schmunzeln ins Gesicht.
Dann gibt es noch die Schöngeister unter den Weinverkostern. Da werden, begleitet von einer ellenlangen Litanei, leere Phrasen gedroschen, und sprachliche Monstergebilde konstruiert.
Es ist nicht einfach, über Wein zu reden und zu schreiben. Denn kaum ein Produkt auf dieser Welt unterliegt so subjektiven und vielschichtigen Bewertungskriterien wie dieses Getränk. Daher ist die Sprache des Herzens und der Emotion häufig die beste, um seinen Eindruck verständlich wiederzugeben.
„Schmeckt mir oder schmeckt mir nicht“, ist dabei die archaischste Charakterisierung, aber auch die alles entscheidende. Kommen wir nun zur Trinkfreude, denn sie ist gerade für die Gastronomie ein wichtiges Kriterium. Eine Flasche, die sich wie von selbst leert, ist die, mit der sich Umsatz machen lässt. Es ist hier nicht von belanglosem Zechwein die Rede, sondern von Ausgewogenheit und Niveau. Weine, die bezahlbar sind und gleichzeitig von hoher Qualität, bieten echte Trinkfreude.
Ein köstlicher 2006er Riesling aus der Villa Huesgen von der Mosel mit einer ansprechenden Melange im Aroma aus exotischer Frucht und mineralischer Schieferwürze ist solch ein Wein. Er hat eine ausgewogene Säure, die die pikante Rieslingfrucht bestens trägt und mit einem erfrischenden, animierenden Geschmack zum Weitermachen einlädt. Seine transparente Leichtigkeit hinterlässt ein positives Gefühl auf der Zunge.
Pure Trinkfreude empfinde ich auch bei dem herben und würzigen 2004er Château Bel-Air la Royère von den Côtes de Blaye. Ein herrlicher Bordeaux, der ein tiefgründiges, sich stetig veränderndes Bukett offeriert, das von Fruchtaromen wie Cassis bis hin zu pfeffrigen Zedernholznoten geprägt ist. Mit jedem Schluck unverkennbar Bordeaux. Dabei mit einer eigenwilligen, etwas moderneren (weil fruchtbetonteren) Interpretation seiner Herkunft, die auch einem fortgeschrittenen Weintrinker viel Freude bereitet.


