Management & Praxis
Wer arbeitet, soll auch leben
Stuttgart. In unserer von Veränderung geprägten Zeit werden wir mit zahlreichen neuen Anforderungen konfrontiert. Auch die Arbeitsdichte steigt. Das Wort „Stress“ ist ein fester Bestandteil unserer Alltagssprache geworden. Und immer weniger Zeit bleibt dem Einzelnen, sich zurückzulehnen und sich zu fragen: Was will ich wirklich? Was ist mir wirklich wichtig? Und: Welche Trümpfe und Joker habe ich noch nicht ausgespielt?
Getrieben von dem Lebensempfinden, dass sich die Welt immer schneller dreht, gibt sich mancher dem Irrglauben hin: Ich muss nur einen Zahn zulegen, dann werde ich allen Anforderungen gerecht. Doch Vorsicht: Hier tickt eine Zeitbombe. Die langfristige Folge ist meist der physische oder psychische Kollaps. Und spätestens dann stellt sich uns die Sinnfrage. Und erschreckt stellen wir fest: Mein Leben ist nicht mehr im Lot. Ich habe die Balance verloren.
Eine solche Schieflage ist kein Einzelschicksal. Nicht umsonst befassen sich die Wirtschaftsmagazine mittlerweile regelmäßig mit Themen wie Burn-out und Depression. Und immer mehr „Leistungsträger“ hegen den Traum: Mit 50 steige ich aus. Doch welches Verhältnis hat jemand zu seiner Arbeit, der mit 50 Jahren aussteigen möchte – oder muss? Entweder ein desillusioniertes: Dann lautet seine
Lebensmaxime „Schaffe, schaffe, Häusle baue“, damit er mit 50 endlich „leben“ kann. Oder er ist ein Workaholic: Dann lautet die Lebensmaxime „Arbeit über alles“, bis ein Burn-out oder Herzinfarkt zum Aufhören zwingen.
Gesund und ausgewogen ist die Beziehung zur Arbeit in beiden Fällen nicht. Trotzdem ist sie bei vielen Managern normal. Immer wieder registriert man: Sie können zwar Unternehmen führen, doch ein erfülltes Leben führen sie nicht. Sie räumen der Arbeit absolute Priorität bei ihrer Lebensgestaltung. Die Folge: Andere Lebensbereiche verkümmern. Und dies wirkt sich wiederum negativ auf unsere Leistungskraft aus. Den Betroffenen gelingt es meist nicht, ihre beruflichen und privaten Anforderungen und Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Hier mag mancher einwerfen: Soll ich mich beruflich denn nicht stark engagieren? Doch! In bestimmten Lebensphasen, wie zum Beispiel beim Berufseinstieg oder „Wenn's brennt“ ist eine Verlagerung des Gleichgewichts in Richtung „Arbeit/Leistung“ sogar nötig. Probleme entstehen aber, wenn das Ungleichgewicht andauert. Das ist bei vielen Managern der Fall. „Halt“ wird hier mancher rufen: „Ich praktiziere seit Jahren ein Zeit- und Selbstmanagement. Auf meinem Schreibtisch liegt ein Zeitplanbuch, mit dem ich all meine Arbeits- und Freizeitaktivitäten plane. Auch meine Prioritäten definiere ich regelmäßig, zudem meine kurz-, mittel- und langfristigen Ziele. So schaffe ich die nötigen Zeitfenster, damit auch für Privates Luft bleibt.“ Doch mal ehrlich: Wie oft halten Sie diese Zeitpläne ein? Und welche Termine werden gestrichen, wenn's geschäftlich brennt? Das Meeting mit den Kollegen? Nein, meist fällt dann das Spielen mit den Kindern oder der Theaterbesuch mit dem Lebenspartner unter den Tisch.
Der Grund: Für ihre Arbeit und Karriere setzen sich die meisten Berufstätigen Ziele. Hier haben sie auch eine klare Vision, wo ihr Lebensweg einmal enden soll. Anders ist dies im privaten Bereich. Hier fehlt den meisten der nötige Sinnhorizont. Das lässt sich nur ändern, wenn man sich regelmäßig zurücklehnt und sich fragt: Was ist mir wirklich wichtig? Nur dann können wir eine Lebensvision entwickeln, die alle Lebensbereiche umfasst.
Fazit: Erst wenn Sie über Ihre persönlichen Werte Klarheit haben, können Sie Ihr Leben sinnvoll, das heißt ausgewogen planen. So, wie Sie es bisher mit Ihrer Arbeitszeit taten. Mit einem Unterschied: Jetzt planen Sie Ihr Leben. Kai Hoffmann
Der Autor ist promovierter Philosoph, Psychoanalytiker und Buchautor