Geschichtenerzähler im Netz fangen Gäste
STUTTGART. Das Internet bietet heute jedem, der über einen Zugang zu den technischen Möglichkeiten verfügt, viele Kanäle, sich öffentlich darzustellen. Im sogenannten Web 2.0 ist es leicht, Inhalte mittels neuer Medien zu produzieren und diese in Weblogs (kurz: Blogs), Foren, sozialen Netzwerken oder Videoportalen zu verbreiten.
Auch Hoteliers bloggen, podcasten, twittern – privat wie im Namen ihres Unternehmens. Sie gestalten ihren Firmen-Auftritt im Netz nicht nur benutzerfreundlicher, sondern auch multimedial und interaktiv. Während die statische Webseite, bei der der Besucher die einseitig verbreitete Unternehmensbotschaft lediglich abrufen konnte, langsam aber sicher zum Auslaufmodell wird, mehren sich die Beispiele für eine erfolgreiche Verknüpfung neuer Medien mit dem Unternehmensauftritt im Netz.
Wie eine gute Zeitung
Heiner Buckermann, Chef im Hotel Zum Kurfürsten in Bernkastel-Kues, ist auf mehreren Social-Networking-Plattformen vertreten und hatte zuletzt mit mehr als 1000 Followers auch als Mikro-Blogger bei Twitter einen bemerkenswerten Auftritt. In seinem Kurzprofil lässt er dort wissen: „Heiner Buckermann. Yes. And Hotelier with www.hotelier-blog.de , www.wellness-blog.de , www.mosel-blog.de , www.tcm-blog.de and more." Mit weniger als 140 Zeichen, der Maximallänge für eine Twitternachricht, kann man bereits eine Menge über sich erzählen.
Aber auch sonst ist Buckermann längst angekommen im Web 2.0. Seine Blogs sind wie unabhängige Info-Börsen aufgesetzt, von denen jede mit der eigenen Hotel-Webseite verlinkt ist. Anstelle von platter Werbung will er Internetsurfer mit hochwertigem, leserfreundlichem Inhalt anlocken. „Meine Blogs sollen wie eine gute Zeitung in erster Linie Informationen für spezielle Zielgruppen liefern", sagt der Hotelier. Diese sind für sein Hotel relevant: Reisende in die Moselregion, Wellness-Fans und TCM-Interessierte (TCM steht für Traditionelle Chinesische Medizin).
Dass er mit den Blogs nebenbei ein besseres Suchmaschinen-Ranking und mehr Besucher für die Hotel-Webseite generiert, ist kein Geheimnis. Außerdem profitiert er von der Online-Vermarktung seines Hotels. Und Buckermann bloggt schon lange nicht mehr allein, sondern er lässt auch andere ran: Ein mehrköpfiges Team, das zum Teil aus freien Journalisten besteht, recherchiert und schreibt in seinem Auftrag. Das kostet zwar einen mehrstelligen Betrag im Monat, aber dafür hat er andere Marketing-Aktivitäten im Offline-Bereich eingestellt.
„Bloggen ist eine Sache. Aber nebenher gibt es ja noch die üblichen beruflichen Verpflichtungen", sagt Jörg Schlottke und beschreibt damit das Dilemma, in dem die meisten Hoteliers früher oder später stecken, wenn sie mit Social-Media-Tools wie Blogs das Netz erobern wollen. Auch wenn sie im Vergleich zu klassischen Marketingmaßnahmen erheblich günstiger und einfacher zu handhaben sind, erfordern sie, wenn man es richtig machen will, Zeit und Engagement.
Im Februar dieses Jahres hat das Hotel Neptun in Warnemünde unter www.blog.hotel-neptun.de ein Hotel-Blog gelauncht. Jörg Schlottke, bis vor Kurzem noch stellvertretender Direktor und heute als Berater und Konzeptentwickler im Bereich Social Media für Hotels tätig, steht wie eine Eins hinter dem Projekt. Unter www.einfach-meer-warnemuende.de betreibt er bereits ein touristisches Blog mit regionalem Bezug.
Ein gewisses Talent für das Schreiben von Texten und Know-how für die Gestaltung mit Bildmaterial und Videos könne beim Bloggen nicht schaden, sagt Schlottke. Der überzeugte E-Touristiker bringt beides mit und ist ständig auf der Suche nach interessanten Aufhängern für seine Beiträge. „Bloggen ist für mich Storytelling par exellence", erklärt der 36-Jährige. Sein Instinkt für die guten Geschichten in einem Hotel macht ihm die Arbeit leichter.
„Ein Blog muss spritzig, kurzweilig und persönlich geschrieben werden", rät auch Karin Schmollgruber, Expertin für Tourismus-Marketing im Web. 2.0 aus Wien. Das bedeutet auch, dass Broschürentexte in einem Blog nichts verloren haben. Wenn schon Eigenwerbung, dann sollte sie interessant verpackt werden, damit sie auch gelesen wird.
Durchhaltevermögen ist des Bloggers Tugend Nummer eins. Bis sich eine Interaktion mit den Lesern einstellt, können Monate vergehen. „Bis mein eigenes Blog wahrgenommen wurde, hat es ein Jahr gedauert", räumt Jörg Schlottke ein. Besteht die wichtigste Gästegruppe wie beim Hotel Neptun aus sogenannten Silver Agers, könnte es sogar noch länger dauern. Grundsätzlich ist eine Zielgruppenanalyse nützlich, bevor man mit einem Blog startet. „Jeder Einsatz von Web-2.0-Maßnahmen muss zum Unternehmen und zu seiner Botschaft passen. Aus welchem Grund ist es für die angepeilte Zielgruppe interessant, die Botschaften des Unternehmens zu konsumieren? Die Klärung dieser Frage ist wichtig", betont Karin Schmollgruber.
Neue Gäste ansprechen
Eine Durststrecke von mehreren Jahren musste Heiner Buckermann überstehen, bevor seine Themen-Blogs einen festen Stamm von Besuchern hatten. Heute verzeichnet er auf dem Wellness-Blog nach eigenen Angaben zwischen 30.000 und 50.000 Besucher im Monat. Aus seiner Sicht markiert diese Zahl einen Grenzwert, ab dem es sich auch lohnt, über eine Refinanzierung der Kosten durch Werbekunden und Kooperationspartner nachzudenken.
Der Nutzen eines Blogs liegt aber nicht in erster Linie darin, Geld damit zu verdienen, sondern neue Gästegruppen anzusprechen und diese langfristig zu binden. „Über ein Blog kann der Hotelier auf einfache, ungezwungene und effektive Art mit Gästen und Interessenten kommunizieren, neue Angebote platzieren und über Entwicklungen des Hauses informieren. Er kann Stammgäste auch während seiner Abwesenheit am Hotel-Leben teilhaben lassen oder ein verstärktes Interesse bei neuen Website-Besuchern wecken", sagt der Kölner E-Business-Berater Jörg Bienert.
Ob Letzteres auch auf ein Hotel-Podcast zutrifft, hat Ralf Hoffmann, Direktor im Best Western Hotel Ypsilon in Essen, ausprobiert. Der gebürtige Franke hat seit 2005 mehr als 50 kurze Audiobeiträge in Serie produziert, die er für seine Hörer, das sind 350 Podcast-Abonnenten, zum Download ins Internet gestellt hat. Hoffmann ist ein überzeugter Apple-User, sein Hotel ist eines der ersten in Deutschland, das einen iPod-Verleih für seine Gäste auf die Beine gestellt hat. Diese haben die Wahl zwischen mehreren hundert Musiktiteln und können mehrere Podcasts ihrer Wahl auf den MP3-Player laden – auch den ihres Gastgebers. Und der ist durchaus hörenswert: Unter dem Titel „Be My Guest – Out of the Ruhrpo(tt) straight to your iPod" plaudert Hoffmann locker aus dem Nähkästchen und greift alles auf, was das Zeitgeschehen und die Branche gerade umtreibt. Hotelbewertungen, das Rauchverbot oder ganz aktuell der TV-Hoteltester Heinz Horrmann – alles bekommt bei ihm sein Fett weg. Mit den zusätzlichen Downloads nach Veröffentlichung kommt der Podcast auf rund 1000 Hörer pro Monat.
Wie man mit einem Video-Podcast das Making-of eines Hotels im Internet auf unterhaltsame Weise dokumentiert und ohne großen Werbeetat schon vor der Eröffnung von sich reden macht, zeigt das Prizeotel in Bremen. Die Serie aus mehrminütigen Videos hielt den Hotel-Bau im Internet fest, sodass die Onlinegemeinde jeden Bauabschnitt mitverfolgen konnte. Auch über den Eröffnungszeitpunkt hinaus informiert der Hotel-Podcast Kunden, Kollegen und Freunde über News aus dem Budget-Design-Hotel.
Als das Hotel kürzlich vom DEHOGA klassifiziert wurde, machte Managing Director Marco Nussbaum das zum Thema und bot eine kurzweilige Einführung in die Welt der Hotel-Sterne. Der Hotel-Podcast kann auf der Website des Hotels unter www.prizeotel.com sowie auf den Plattformen iTunes und Youtube hochgeladen, und auf iTunes als RSS-Feed abonniert werden. Der 36-jährige Nussbaum ist überzeugt vom viralen Marketing, den der prizeotel-Podcast entfaltet: Der Link zum Videocast werde von Kunden, Kollegen und Freunden weiter versendet, und erzeuge über den Eröffnungszeitpunkt hinaus immer wieder neue Kontakte. Ein freiwillig erzeugter Werbeeffekt, den Nussbaum gerne nutzt. „Es gibt keine neuen und alten Medien – nur Werkzeuge, um Geschichten besser zu erzählen", sagt Karin Schmollgruber. Und es gibt Hoteliers, die sie nutzen.
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