Kommentar
Für Qualität Stellung beziehen
Jede Krise ist zugleich eine Chance – na Gott sei dank, kann man da nur sagen. Jedenfalls wenn man in der Gastronomie arbeitet. Denn wann immer der Gastronom zurzeit eine beliebige Tageszeitung aufschlägt, springen ihm Schlagzeilen über den eigenen Berufsstand ins Auge – leider ausschließlich negative: über miserable Ausbildungsbedingungen in Spitzenrestaurants oder zu Käse und Schinken, die in Wahrheit keine sind, aber unter diesem Label aufgetischt werden.
Dummerweise sieht solche Skandalmeldungen nicht nur der Gastwirt, sondern eben auch der potenzielle Gast. Und dem vergeht dabei mit Sicherheit der Appetit.
Mehr Chance in diesem Sinne war also selten. Nun muss – und sollte – man sie nur noch ergreifen. Ob als „Einzelkämpfer“ im eigenen Betrieb, in regionalen Kooperationen oder auf Verbandsebene. Offensive ist angebracht. Denn die Kunden sind verunsichert, seit man ihnen sehr deutlich klargemacht hat, dass Schokoladengeschmack keineswegs von Schokolade kommen muss. Nun steht natürlich alles, was die Lebensmittelbranche an Scheußlichkeiten produziert, dem Gastronomen zur Verfügung. Das ist dem Gast auch bewusst.
Es ist aber fatal, einfach zu sagen: Was das Gesetz erlaubt, davon kann man Gebrauch machen. Das ist selbst den Billigheimern klar, die Imitate auf der Karte eben nicht offen ausweisen. Obwohl ihnen dann kein Amt an den Karren fahren kann. Aber wer würde schon eine „Pizza Hawaii mit Schinken-Ersatz und Analog-Käse“ bestellen? Vielleicht Jugendliche, die eine Mutprobe machen wollen. Ansonsten gilt: So billig kann diese Spezialität der etwas anderen Art gar nicht sein, dass freiwillig ein Gast reinbeißt.
Jeder Gastronom mit Herzblut sollte sich darüber Gedanken machen, wo er steht und wie er auftritt. Und deutlich machen, dass für einen Profi am Herd selbst ein falscher Hase nicht aus Imitaten im lebensmittelrechtlichen Sinn besteht. Stellung zu beziehen, ist wichtig: für gute Ausbildung, für Qualitätsprodukte, für Mehrwert für den Gast. Nur dafür ist dieser bereit zu zahlen.
m.behre@matthaes.de