Interview: Bertram Thieme, Direktor im Dorint Charlottenhof Halle
„Chefs sollten sich nicht profilieren wollen“
Sie haben Ihr 35-jähriges Dienstjubiläum gefeiert, sind damit der dienstälteste Konzernhoteldirektor in Deutschland. Macht Sie das stolz?
Thieme: Nicht stolz, aber glücklich, dass ich so lange Zeit und auch weiterhin meinen Traumberuf ausüben kann. Als gelernter Krankenpfleger vergleiche ich Hoteldirektoren gern mit Ärzten, die verschiedene Disziplinen beherrschen müssen: Mal ist man Psychologe, mal leistet man Erste Hilfe, sogar eine Wiederbelebung ist mir schon gelungen.
Welche Erinnerungen haben Sie an den Start vor 35 Jahren?
Thieme: Am 11. Januar 1977 habe ich nachmittags erfahren, dass ich ab dem 12. Januar Direktor des Interhotels in Halle (Saale) sein sollte. Ich war 27 Jahre alt, Leiter des Direktionsbüros und mitten im Fernstudium der Staats- und Rechtswissenschaft. Damals gab es einen ungeheuren Direktoren-Verschleiß. In wenigen Jahren hatten sechs Chefs gewechselt. Ich war eine Verlegenheitslösung, sollte das Haus eigentlich nur vier Wochen über Wasser halten. Doch es kam kein Ersatz. Und ich bin geblieben, war neun Jahre lang der jüngste Direktor in der DDR.
Wie konnten Sie Berufs- und Privatleben miteinander vereinbaren?
Thieme: Ich hatte Glück mit meiner Frau. Als wir uns kennenlernten, war ich Krankenpfleger, sie medizinisch-technische Assistentin. Beide sind wir Sternbild Löwe. Gemeinsamkeiten verbinden. Unsere Beziehung ist mit unserer Biografie gewachsen. Seit 1987 ist auch meine Frau im gleichen Hotel tätig, dadurch gibt es ein großes Verständnis für den Beruf und die Leidenschaft, mit der ich ihn ausübe.
Hat sich der Beruf in den 35 Jahren verändert?
Thieme: Für mich ja. Hoteldirektor in der DDR zu sein war anders als unter marktwirtschaftlichen Strukturen. Damals waren wir „Eigenversorger“, mussten uns um alles kümmern, Fuhrpark, Floristik, Kindergarten, Ferienobjekte etc. Ich hatte 413 Mitarbeiter. Heute habe ich 45 und kann mich auf die Kernaufgaben konzentrieren.
Sie haben mit dem Dorint viele Titel und Auszeichnungen errungen, unter anderem schon drei Mal als „Familienfreundlichstes Hotel Deutschlands“. Welche Philosophie steckt dahinter?
Thieme: Ich muss dafür sorgen, dass unsere Mitarbeiter glücklich sind, frei von sozialen Ängsten und Spannungen. Nur glückliche Mitarbeiter schaffen glückliche Gäste, und diese sorgen für wirtschaftlichen Erfolg.
Ist das auch das Geheimnis, warum Sie keine Nachwuchs-Sorgen haben?
Thieme: Die Basis dafür ist unsere Unternehmenskultur, der Umgang miteinander. In den 15 Jahren im Dorint haben wir eine durchschnittliche Fluktuationsquote von 3,3 Prozent, branchenüblich sind 40 bis 60 Prozent. In den vergangenen sieben Jahren haben wir zehn Berufsbeste hervorgebracht. Und wir haben schon alle Lehrstellen ab September 2012 besetzt.
Was wünschen Sie der Branche?
Thieme: Kontinuität auf der Führungsebene. Seit der Wende erlebe ich den 33. Chef. Immer wieder neue Einarbeitung, Ausbildung, das kostet die Unternehmen viel Geld. Es geht auch anders, der familiengeprägte Mittelstand lebt es uns vor. Als Chef sollte man sich nicht nur profilieren wollen, sondern Verantwortung für seine Mitarbeiter übernehmen.
Sie haben nicht nur langjährige Mitarbeiter, sondern auch viele treue Gäste?
Thieme: Meine Stellvertreterin, Christine Gering, hat vor 34 Jahren bei mir angefangen zu lernen. Im Prozess der Arbeit, in der harten Alltagsauseinandersetzung, ist sie „mein bester Freund“ geworden. Hans-Dietrich Genscher ist mein treuester Gast, 1976 habe ich ihn zum ersten Mal im Interhotel Halle begrüßt. Als ich 1996 zum Dorint wechselte, ist er mit mir umgezogen. Wir dürfen uns als sein Lieblingshotel bezeichnen. Und darauf sind wir wirklich stolz.
Die Fragen stellte Marlene Köhler

