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Bettina Rennack: „Manchen geht es hervorragend, andere müssen sich ständig nach der Decke strecken und kommen doch auf keinen grünen Zweig“ Foto: Anke Houdelet

Interview Bettina Rennack

„Viele werden zu schnell Häuptling“

Gut Ding braucht Weile. Die Hotelberaterin sieht das Land Mecklenburg-Vorpommern auf einem guten Weg. Aber mancher Karriere in der Hotellerie rät sie zu weniger Tempo

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2008/13 vom 22. März 2008

Mecklenburg-Vorpommern mausert sich zum touristischen Klassenprimus. Man lebt gut am Busen der Natur?

Rennack: MV war schon immer eine naturbegünstigte Region. Die steigenden Zuwächse bei den Übernachtungen belegen das. Die Gäste leben gut am Busen der Natur. In Hotellerie und Gastronomie sieht das anders aus. Manchen geht es hervorragend, andere müssen sich nach der Decke strecken und kommen doch auf keinen grünen Zweig.

Rund 220 Mio. Euro sind in den letzten Jahren in neue Häuser geflossen. Also alles eine Frage des Geldes?

Rennack: Tatsächlich ist in den letzten 15 Jahren viel Geld geflossen. Der Nachholbedarf war groß, sodass zunächst einmal eine Infrastruktur geschaffen wurde, die sich qualitativ mit anderen Urlaubsregionen messen lassen kann. Das Geld schaffte die Rahmenbedingungen. Wir müssen aber noch bei den weichen Faktoren zulegen, um die Gäste dauerhaft zu halten.

Welche Fördermittel fließen in MV?

Rennack: Zurzeit halte ich die Fördemöglichkeiten zur Beseitigung unternehmerischer Defizite im Gast- und Fremdenverkehrsgewerbe für sehr interessant. Zielgruppe sind kleine und mittlere Betriebe, die mit einem Zuschuss in Höhe von bis zu 50 Prozent der anfallenden Kosten gefördert werden. Hierdurch können auch jene mit schwacher Finanzausstattung nachhaltige Verbesserungen erzielen und sich noch zeitgerecht für die Saison besser am Markt positionieren.

Boomtime an der Küste – erreicht der Aufschwung auch das Hinterland?

Rennack: Die Küstenregion ist deutlich besser aufgestellt. Seenplatte und Mecklenburgische Schweiz können da nicht immer mithalten. Und doch kenne ich einige Betriebe, die sich gut mit der Küste messen lassen. Entscheidend sind im Einzelfall immer die vorhandenen Angebote und ein exzellenter Service. Mancher Betrieb im Binnenland muss an diesen Voraussetzungen noch arbeiten. Nachholbedarf besteht auch bei Schlechtwetterangeboten und attraktiven Einkaufsmöglichkeiten.

Man will unbedingt Gesundheitsland Nummer eins werden. Ist diese Fokussierung Erfolg versprechend?

Rennack: Die Ausrichtung auf Gesundheitstourismus ist richtig. Wenngleich damit alle anderen Segmente nicht an Bedeutung verlieren. Unverändert steht dieses Land auch für Familienland, Wellness oder auch Golf. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Positionierung sind vorhanden und bieten eine weitere Chance, hier wirtschaftlichen Erfolg zu generieren. Dabei kommt die demographische Entwicklung manchem Anbieter zu Hilfe. Viele Wellness-Urlauber von heute werden in zehn Jahren gerne auch umfassende Gesundheitsangebote annehmen. Schon heute ist ja im Bereich des Konsums der Trend zu Bio-, Vital- also Gesundheitsprodukten unübersehbar.

Wer da nicht mitziehen kann, dem bleiben dann nur die Krümel?

Rennack: Kenner der Branche gehen davon aus, dass in der Zukunft nur das obere und das untere Segment Bestand haben werden. Der mittlereBereich vor allem scheint langfristig gefährdet. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Hauptsächlich liegt es wohl an der knappen Finanz- und Personaldecke dieser Betriebe. Die Fördermittel zielen genau auf dieses Segment. Es bleibt zu hoffen, dass auch möglichst viele Unternehmen davon Gebrauch machen.

Auf welche Mängelliste stoßen Sie als Beraterin in den meisten Fällen?

Rennack: Bei meinen Quality-Checks sind oft Defizite in der Umsetzung von Qualitätsstandards auszumachen. Meist liegt das an der nicht ausreichend qualifizierten Führungsriege. Viele Mitarbeiter werden zu schnell Häuptling. Denen fehlt es doch einfach noch an Führungspraxis. Dies trägt auch dazu bei, dass insbesondere im Bereich Kundenbindung oder auch Marketing nicht die Wege beschritten werden, die ich eigentlich als unverzichtbar und bekannt voraussetzen würde.Die Fragen stellte Ulrich Jungk

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