Berlin

Schlemmen wie im alten Rom

Auf Liegen und ohne Schuhe genießt die Szene ein mehrgängiges Menü / Unterhaltung durch Show-Einlagen
Alles erlaubt, was sonst verpönt ist: Essen und trinken im LiegenFoto: Lehmann

BERLIN Alle haben wir es noch im Ohr: „Sitz gerade, nimm die Ellenbogen vom Tisch – hier wird nicht rumgeflezt!“ Der Sturm der Entrüstung folgte, wenn man mit Essen im Bett erwischt wurde. Letzteres macht in den trendigen „Liegend-Restaurants“ besonderen Spaß. Und Benimmregeln wirft man auf den 2,40 Meter großen Lounge-Betten des Spindler & Klatt einfach über den Haufen. Die Schuhe muss man allerdings ausziehen.

Im Frühjahr 2005 eröffneten Frank Spindler, einst Mitbegründer des Sage Clubs, und sein Partner Jesko Klatt ihr „bigsize Clubrestaurant“ in der Halle der ehemaligen Heeresbäckerei am Spreeufer. Seitdem lässt sich allabendlich Szene-Volk auf den in Shanghai angefertigten Betten nieder und genießt in stylischer Atmosphäre ein „Lying-Dinner“. Tische gibt es auch, denn viele Gäste essen lieber im Sitzen und machen es sich nur mit einem Getränk auf den Polstern gemütlich. Serviert wird eine ordentliche, an „Fusion Food“ orientierte Küche. Fester Bestandteil des Spindler & Klatt sind zudem Events, Partys, Konzerte und Performances. Erweitert wurde das erfolgreiche Konzept im Außenbereich um die White Lounge, die mit ihrem weißen Holzsteg, der langen weißen Bar und den edlen, ebenfalls in Weiß gehaltenen Polsterliegen an einen Beach-Clubs an der Côte d'Azur erinnert.

Seit Mai 2006 lümmelt man auch hinter der historischen Fassade eines ehemaligen Postamts in Berlin-Mitte. Dort eröffneten Isan Oral und Thomas-Marco Steinle den „Bungalow Club“. Für alle Gäste startet das Dinner gegen 20 Uhr, ohne Reservierung findet man keinen Platz. Etwa 25 bis 30 Buchungen seien notwendig, damit die Atmosphäre stimme, findet Pressesprecher Patrick Kroos. „Unsere Gäste versammeln sich unten in der Bar und werden von ihrem Host nach oben geführt.“

Serviert wird ein leichtes 8- bis 10-Gänge-Menü, das bequem im Liegen nur mit Löffel und Gabel gegessen werden kann. Für die mediterranen Speisen mit Crossover-Anklängen wie minzige Zucchini-Röllchen mit Ziegenfrischkäse oder Spaghettini mit Pfifferlingen, Pancetta und Petersilienrahm ist Markus Enders zuständig, der in Berlin bereits bei Sternekoch Matthias Buchholz im First Floor des Hotels Palace gekocht hat. Die Speisenfolge variiert alle vier Wochen. „Wir bieten das Menü zwischen 39 Euro und 89 Euro an und verfolgen dabei eine ähnliche Preispolitik wie die Low-Cost-Carrier“, erläutert Kroos. Je früher man reserviere und je mehr Plätze noch frei seien, desto günstiger das Dinner. Unterhalten werden die Gäste während des Essens beispielsweise durch eine Sängerin oder andere Showeinlagen. Masseure sorgen auf Wunsch für körperliche Entspannung. Nach dem Essen amüsieren sich die Gäste in der Bar oder im Clubraum.

Außer der Bar und dem von Donnerstag bis Samstag geöffneten Betten-Restaurant gibt es noch die Dachterrasse. Im so genannten Member-Restaurant – Member wird man nur durch Einladung des Clubs – wird à la carte gespeist. „Trotz des heißen Sommers liefen die ersten Monate schon sehr gut“, zieht Patrick Kroos ein erstes Fazit.

Der DEHOGA beobachtet das Phänomen „Lying Dinner“. Dass es zum neuen, vielfach kopierten Trend werde, halte sie für unwahrscheinlich, sagt Pressesprecherin Stefanie Heckel. Erfolg habe nur, wer ein exklusives Gesamtkonzept mit Erlebniswert, ausgefallenem Design, hochwertigem Essen und dinnerbegleitender Unterhaltung biete. Außerdem sei der Aufwand für die Grundinvestition und den laufenden Betrieb in der Regel recht hoch.

Erschienen in der Allgemeinen Hotel- und Gastronomie-Zeitung, Ausgabe 2006/35, Seite 31
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