Baden-Württemberg
Eine Ära geht zu Ende
Beim Parkhotel in Stuttgart rücken nun die Bagger an / Der letzte Gast checkte im Juli aus
STUTTGART Daunendecken werden in einen Transporter verfrachtet, auf dem Boden liegen viele goldene Lampen – es wird ausgemistet, sortiert, verkauft. Im Parkhotel am Rundfunk herrscht ein Durcheinander. Mittendrin und den Überblick bewahrend ist Roswitha Settele. 36 Jahre arbeitete sie hier im Stuttgarter Osten am Park der Villa Berg, seit 1997 war sie Pächterin des Hotels.
Zwischen Chaos und Abschiedsschmerz werden Erinnerungen wach, denn mit dem Parkhotel „geht eine Ära zu Ende“, sagt Settele. Gebaut wurde das Hotel in den Jahren 1910 bis 1912 als eines der ersten großen in Stuttgart. „Im Krieg wurde es dann ausgebombt, danach wieder aufgebaut und als Parkhotel Stuttgart und Haus der Wirtschaft eröffnet“, erzählt Settele. Durch die wirtschaftliche Förderung war die Nähe zur Politik gegeben, das Hotel lag ruhig und doch zentral mit Stadtanbindung, was unter dem Pächter Hans Karr – ab 1967 – zur Hochphase führte. Die 72 Zimmer seien in den siebziger und achtziger Jahren stets ausgebucht gewesen. „Hier war immer viel los“, sagt Settele – und meint damit auch die vielen prominenten Gäste, die hier abgestiegen sind.
Die Gästebücher lesen sich wie ein Who-is-Who aus Wirtschaft, Politik, Kunst und Sport. Auf den Seiten bedankten sich die Gäste für die gute Bewirtung und Betreuung. Alle waren sie da: Heuss, Adenauer, Erhardt, Brandt. Für Richard von Weizsäcker war das Parkhotel regelmäßiges Domizil. Schriftsteller wie Golo Mann, Friedrich Dürrenmatt, Günther Grass und Samuel Beckett waren zu Gast im Parkhotel. Auch wenn sich Literat Beckett, der zwischen 1977 und 1982 die Stücke beim Süddeutschen Rundfunk produzierte, zynisch über den Stuttgarter Osten äußerte: „Vergesst nicht beim Stuttgart-Besehen/ die Neckarstraße zu gehen. Vom Nichts ist an diesem Ort/ der alte Glanz lange fort. Und der Verdacht ist groß/ hier war schon früher nichts los.“
In den goldenen siebziger und achtziger Jahren war im Parkhotel das Gegenteil der Fall. Frank Sinatra hat bei einem sehr letzten Deuschland-Aufenthalte die ganze Nacht im Radiostüble musiziert. Das gemütliche Radiostüble und das feine Restaurant Villa Berg waren Anlaufstationen für Prominente und Medienschaffende. 1976 hatte der damalige SDR das Hotel gekauft. Jetzt musste es dem Neubauprojekt am Funkhaus weichen. Am 9. Juli hat der letzte Gast im Haus übernachtet. Roswitha Settele, die 1970, als das Hotel noch 110 Mitarbeiter hatte, als Chefin der Finanzen eingestiegen ist, erinnert sich noch gut an die vergangenen Jahre, an Mitarbeiter und Gäste. „Wir hatten über 38 Jahre einen Stammgast, der jede Woche drei oder vier Nächte da war.“ Über drei Jahre lang habe ein Paar hier gewohnt.
Für Settele war das Hotel „meine Heimat“. Ihr bleiben ein paar Reminiszenzen wie ein Sektkübel, Adventskranz und Spiegel sowie viele Erinnerungen an „eine schöne Zeit“.

