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Hier ticken die Uhren anders: DDR-Stimmung verbreiten an der Rezeption (von links) Hausleiterin Anshelika Schumann und Hotelfachfrau Helen Klesing Foto: Marion Schlag

Berlin

Honecker-Porträt über dem Bett

Zwei Quereinsteiger haben Möbel und Gegenstände aus DDR-Zeiten zusammengetragen und damit ihr Ostel eingerichtet

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2007/30 vom 28. Juli 2007
von  

BERLIN. Nach diversen Hostels hat die Bundeshauptstadt ihr erstes Ostel. Hinter trister Plattenbaufassade verspricht der druckfrische Flyer dem Gast „die schönsten Seiten ostdeutscher Raumgestaltung“ und lädt zu einer Zeitreise in die Vergangenheit ein.

Honecker- oder Ulbricht-Porträts überm Einzel- oder Doppelbett sind zwar nicht jedermanns Geschmack, doch wer hier absteigt, will genau dieses Wohngefühl. 33 Zimmer und eine Ferienwohnung haben die Betreiber Guido Sand und Daniel Helbig, zwei ehemalige Artisten aus dem Staatszirkus, mit originalem DDR-Mobiliar ausgestattet.

Übernachten im Pionierlager

Fündig wurden sie auf Trödelmärkten, bei Haushaltsauflösungen und Freunden. Plüschige Stehlampen, Zeulenroda-Schlafzimmer, Multifunktionstische, schmiedeeiserne Raumteiler und Ostalgie-Musikanlagen – alles ist echt aus der Vorwendezeit. „Die Einrichtung war mitunter ein mühseliges Unterfangen“, berichtet Guido Sand. Die Tapeten im beliebten Braun-Orange der 70er Jahre wurden via Internet ersteigert. Die ungewöhnliche Idee erwies sich keineswegs als Flop. Pünktlich zum 1. Mai, dem einstigen „Kampftag der Arbeiterklasse“, öffnete das Ostel seine Pforten und ist seitdem an den Wochenenden total ausgebucht. Ansonsten glänzt der Beherbergungsbetrieb mit einer Traumbelegung von 70 bis 90 Prozent. Ein Großteil der Buchungen geht per Internet auf der eigenen Homepage ein. Auch Reisevermittler wie Expedia und das Hotelreservierungssystem HRS haben das Ostel im Programm.

Die Zimmer kosten zwischen 38 und 59 Euro. Zur Erinnerung an Jugendzeiten kann man für preiswerte neun Euro sogar im mit drei Doppelstockbetten ausgestatteten „Pionierlager“ nächtigen. Der Kreis der Interessenten ist groß und reicht von der Generation 50 plus über den Backpacker bis zum Schönheitschirurgen. „Die Gäste finden das Angebot witzig. Viele freuen sich, wenn sie Gegenstände aus ihrer Kindheit wieder finden“, sagt Junghotelier Daniel Helbig.

Bereits die Rezeption begrüßt im spartanisch-strengen DDR-Design und erinnert optisch an den hart umkämpften Platz im gewerkschaftlichen Ferienheim. Die vier Uhrzeiten dokumentieren Bruderländer-Internationalität: Berlin, Moskau, Havanna und Peking. Im Foyer liegen Bücher wie der DDR-Gegenwartsroman „Spur der Steine“ und der Jugendweihebestseller „Weltall, Erde, Mensch“ aus.

Zur Erinnerung an die Unterkunft gibt es im hoteleigenen Konsum-Laden Schokolade von Ostfirmen, Pittiplatschfiguren und Honecker-Porträts, damit selbige nicht als Souvenir aus den Zimmern verschwinden. Zwecks Frühstücksverköstigung haben die Ostel-Organisatoren ebenfalls ein originelles Arrangement aufgelegt. Für 3,50 Euro können die Gäste an der Rezeption eine Lebensmittelmarke kaufen und in einem in direkter Nachbarschaft befindlichen Lokal einlösen.

Patent auf der Marke

Ein weiterer Vorteil ist die zentrale Lage vis-à-vis dem Ostbahnhof, direkt an der Schnittstelle zwischen dem Szene-Kiez Friedrichshain und Berlins pulsierender Mitte rund um den Alexanderplatz. Zum besseren DDR-Verständnis trägt zudem die nur wenige Gehminuten entfernte East Side Gallery bei. Ein 10-jähriger Pachtvertrag mit dem Eigentümer des Plattenbaukomplexes gibt den Betreibern Sicherheit. Inzwischen sind weitere 10 Wohnungen angemietet und werden auf DDR-Standard getrimmt, Bettwäsche und Matratzen ausgenommen. Auch die typische schmucklose Nasszelle erspart man den Gästen.

Helbig und Sand haben sich die Marke „Ostel“ patentieren lassen und planen weitere Neueröffnungen. Zunächst haben sie noch einen zweiten Standort in Berlin avisiert, aber auch Dresden und Leipzig stehen als Standort-Wunsch weit oben.Marion Schlag

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