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Sachsen

Kirchturmdenken ist passé

Teilnehmer der Fachveranstaltung „Sachsen-Land-Tourismus-Zukunft“ fordern einen Kooperation aller Leistungsträger

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2006/49 vom 9. Dezember 2006
von

LEIPZIG. Der Begriff „Landurlaub“ klingt einladend und gerade für strukturschwache Regionen vielversprechend. Er ist aber gespickt mit komplizierten Inhalten, über die es sich zu diskutieren lohnt.

Deshalb trafen sich jüngst 85 Touristiker, Leistungsanbieter, Wissenschaftler und Politiker aus Sachsen sowie einige Gäste aus anderen ländlichen Gebieten der Bundesrepublik zur Fachveranstaltung „Sachsen-Land-Tourismus-Zukunft“. Eingeladen hatten der Landestourismusverband gemeinsam mit dem Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft und der Tourismus Marketinggesellschaft Sachsen (TMGS).

Wie geht es weiter mit dem Landurlaub? Das Problem beginnt allerdings schon mit der Definition. Was ist eigentlich Landurlaub? Urlaub auf dem Bauernhof? Wer aber bestimmt – vor allem in einer Region, in der drei Jahrzehnte LPG die Strukturen prägten – wie ein echter Bauernhof aussieht? Urlaub auf dem Dorfe? Und wozu zählen alte Städte wie Bautzen oder Touristenhochburgen wie das Spielzeugdorf Seiffen? Urlaub zwischen Stall und Weide? Was aber, wenn die Gäste dann doch ins Auto steigen und die Frauenkirche besuchen? Also einigte man sich auf die Definition, Landurlaub sei jeder Urlaub mit Übernachtung außerhalb der Großstädte.

Dann klappt es auch mit der Statistik: Im Jahr 2005 repräsentierten 422 Gemeinden und 1491 Beherbergungsbetriebe das landtouristische Angebot in Sachsen. Damit wurden 7.946.652 Übernachtungen im ländlichen Raum registriert; das ist ein Anteil von 53 Prozent am gesamten Übernachtungsaufkommen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im ländlichen Raum beträgt 3,2 Tage, das ist ein Tag länger als in den Großstädten. Bei dieser Zahl ist zu berücksichtigen, dass alle Reha-Kliniken auf dem Lande liegen.

Wer also über die Hälfte von Sachsens Gästen empfängt, sollte an seinen Angeboten arbeiten – und die Konferenz gab dazu reichlich Anregungen. So sprach Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack, GeschäftsführerBezeichnung für das Leitungsorgan der Gesellschaft mit beschränkter Haftung .
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des Europäischen Tourismus Instituts an der Uni Trier, über „Wertschöpfung und Wirtschaftsfaktor Tourismus im ländlichen Raum“. „Es kann nicht jeder Landstrich eine attraktive Ferienregion werden“, sagte der Experte. Zu den Erfolgsfaktoren gehören auch wirkliche touristische Angebote ermöglicht durch eine Basisinfrastruktur. Hier und da eine Ferienwohnung, das ist wenig einladend.

Deshalb braucht es zwingend die Kooperation aller Leistungsträger und der Kommune. Und es braucht ein ausgeprägtes Tourismusbewusstsein im jeweiligen Ort – und zwar nicht nur der Hoteliers oder Gastwirte. Alle müssen im Auge haben, was der Gast wünscht und was demzufolge auch Wertschöpfungspotential birgt.“ Das Schild „Heute Ruhetag“, so hieß es in der Debatte, dürfe gerade im ländlichen Raum nicht ohne den Hinweis bleiben, welches andere Gasthaus in der Nähe geöffnet hat.

Vorgeschlagen wurde unter anderem, den schon 1999 erwogenen Ansatz des „touristischen Dorfes“ weiterzuentwickeln. So sprach Udo Delinger, Marketingleiter Deutschland der TMGS, über eine Reihe Kriterien, die solche Gemeinden erfüllen müssten: So darf das Dorf darf nicht mehr als 0,5 Gästebetten pro Einwohner haben.

Es muss einen gewachsenen Dorfkern herzeigen können, traditionelles Handwerk im Ort haben und Erlebnisse mit Tieren ermöglichen. Und vor allem: Dieser Ansatz darf nicht als Hobby der Leistungsanbieter eingestuft werden, sondern soll im Entwicklungskonzept der Gemeinde verankert sein.

Worüber sich alle einig waren: Landurlaub hat bei aller Naturnähe und aller Familienfreundlichkeit nichts mit Billigferien zu tun. Auch hier sei auf Dauer nur die Premiumstrategie erfolgreich.Marlis Heinz


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