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Fürchten um die Existenz: Ruth und Michael Classen, Inhaber der Kneipe Birkeneck Foto: Regina Goldlücke

Nordrhein-Westfalen

Kneipiers sammeln Unterschriften

Mehr als 27.000 Gastronomen und Gäste fordern: „Wir wollen wählen, ob wir Raucher- oder Nichtraucherlokale anbieten“

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2007/32 vom 11. August 2007
von

DÜSSELDORF. Der Widerstand gegen das Nichtraucherschutzgesetz nimmt Gestalt an. In ganz NRW, insbesondere in der Düsseldorfer Altstadt, gehen Kneipenwirte in die Offensive und können dabei auf die Unterstützung vieler Gäste zählen, ob Raucher oder Nichtraucher.

Ergebnis einer Blitzumfrage und Unterschriftenaktion des DEHOGA NRW bei 27.000 Gastronomen und Gästen: 96 Prozent der getränkeorientierten Kneipiers sprachen sich für ein Wahlrecht in kleinen Betrieben aus. Sie befürchten Existenzverlust, Arbeitsplatzvernichtung und Abbau des Sozialraums Kneipe.

Gesetz kostet Arbeitsplätze

„Sobald das Gesetz in Kraft tritt, werden wir Mitarbeiter entlassen müssen“, glauben Ruth und Michael Classen. Das Ehepaar betreibt im Düsseldorfer Stadtteil Flingern das Birkeneck. Nicht gepachtet, sondern mit Mietvertrag über fünf Jahre, drei Festangestellten, zwei Aushilfen und einer Reinigungskraft. Eine gemütliche Eckkneipe mit Dielenboden und 55 Sitzplätzen. Von der Decke baumeln Flugzeuge und Marionetten, auf kleinen Simsen parken Modellautos, meist Trucks. „Über 300 Stück, alle von unseren Gästen gesammelt“, verkündet Michael Classen. „Für viele ist unsere Kneipe das zweite Wohnzimmer“, ergänzt seine Frau. „Die meisten sind mir seit 22 Jahren vertraut. Wir sind zusammen alt geworden. Hier gibt es nicht mehr so viele Lokale, in denen sich ein Publikum über 40 wohl fühlt.“

Das Birkeneck hat lange Öffnungszeiten: von 11 Uhr bis 5 Uhr morgens. Nachmittags kommen vorwiegend Nichtraucher, gegen Abend mischen sich die Gäste. „Die kennen sich alle ewig. Kneipe, Zigaretten und Bier gehören einfach zusammen. Die Raucher geben öfter einen aus. Das freut dann auch die Nichtraucher“, sagt die Wirtin, die selbst nicht raucht.

Für die Classens gibt es nur eine Lösung, damit das Gesetz nicht ihre Existenz bedroht: Die Möglichkeit, sich als Raucherlokal zu deklarieren. „Alles andere wäre unfair.“ Kleine Betriebe, in denen sich kein Raum abtrennen lässt, hätten das Nachsehen. Bei der Kennzeichnung „R“ für Raucher und „N“ für Nichtraucher wüsste jeder, was ihn erwartet.

Im Lokal der Classens wird lebhaft über das Gesetz diskutiert, das in NRW am 1. Januar 2008 in Kraft treten soll. „Auch viele Nichtraucher halten es für schlimm“, berichtet Ruth Classen. „Aber es nützt nichts, dass wir die Gäste auf unserer Seite haben. Denn die, die es zu verantworten haben, interessieren unsere Argumente nicht.“ Die Raucher vor die Tür zu schicken, würde nicht viel bringen, meinen die Classens. „Das gibt im Wohngebiet garantiert Ärger mit den Nachbarn. Unsere Gäste sind laut und der Rauch zieht nach oben, da macht keiner mehr gern ein Fenster auf.“

Das Birkeneck ist ein Beispiel gelebter Kneipen-Gemeinschaft. Eine Küche gibt es nicht, aber es wird toleriert, dass Pizza oder auch mal belegte Brötchen mitgebracht und zum Bier verzehrt werden. Man macht Ausflüge miteinander, war auf Rheintour und beim Hamburger Fischmarkt. Jetzt fürchten die Classens den Zerfall ihres Lebensinhalts.

Der DEHOGA Nordrhein will kleine Kneipiers unterstützen (siehe Interview unten). Man hofft auf ein offenes Ohr beim Arbeits- und Gesundheitsministers von NRW, Karl-Josef Laumann, der sagte: Er werde „über Eckpunkte des Gesetzes hinausgehende Vorschläge“ prüfen. Regina Goldlücke

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Leser-Kommentare zum Artikel (4)

Daniel Fischer
Daniel Fischer

01.11.2007 um 18:11

Betreff: Kommentar zum Artikel

Raucher als sozial schwach zu bezeichnen ist eine Frechheit

Daniel Schäfer
Daniel Schäfer

31.10.2007 um 09:51

Betreff: Kommentar zum Artikel

Der beliebte Satz mit Nachbarländern und dem europäischen Ausland.... wer im Ausland war weiß das es dort sicher solche Gesetze gibt sich aber niemand daran hält es gibt sie eben einfach. Da kann man nicht davon reden, dass es in den Nachbarländern auch funktioniert. Zudem halte ich es nicht für gut Raucher als sozial schwach abzustempeln
Wer mehr wissen will kann mir gerne schreiben
daniel.schaefer@hoschde-zell.de

Viele Grüße von einem Ehemaligen Raucher.

Martin F.
Martin F.

22.08.2007 um 00:12

Betreff: Kommentar zum Artikel

Auch Nichtraucher sind mündige Bürger, und lassen sich nicht durch nikotinsüchtige Gäste (oder auch Wirte) Genuss und Gesundheit verderben. Deshalb halten sich auch die meisten Nichtraucher von Euren Qualmbuden fern. Das Problem an diesem Gesetz ist, dass es zwar ein Schritt in die richtige Richtung ist, aber noch lange keine wirklich befriedigende und für alle gleichermaßen geltende Regelung gibt.

Mein Apell an alle Wirte in Deutschland: schaut Euch mal im europäischen Ausland um. Dort hat man den Trend erkannt, und trauert nicht den letzten Suchtkranken nach, die ohnehin überwiegend zu den sozial Schwachen gehören und mit jeder weiteren Zigarettenpreiserhöhung noch weniger für einen Gastronomiebesuch übrig haben.

Irmgard Näckel 50259 Pulheim
Irmgard Näckel 50259 Pulheim

17.08.2007 um 16:26

Betreff: Kommentar zum Artikel

Sie sprechen mir aus der Seele, ich habe in Pulheim auch eine kleine gemütliche Kneipe an einer Ecke, die die Raucher und auch die Nichtraucher als ihr zweites Wohnzimmer bezeichnen, durch dieses Gesetz würde zuviel zerstört. Die Nichtraucher haben bei der Blitzumfrage genau so unterschrieben wie die Raucher. Ich finde wir sind mündige Bürger, wieso versucht man uns in Fragen der freien Entscheidung für unser Geschäft zu entmündigen. Ich hoffe der Gesetzgeber überlässt das N oder R uns.