Nordrhein-Westfalen
Kneipiers sammeln Unterschriften
Mehr als 27.000 Gastronomen und Gäste fordern: „Wir wollen wählen, ob wir Raucher- oder Nichtraucherlokale anbieten“
DÜSSELDORF. Der Widerstand gegen das Nichtraucherschutzgesetz nimmt Gestalt an. In ganz NRW, insbesondere in der Düsseldorfer Altstadt, gehen Kneipenwirte in die Offensive und können dabei auf die Unterstützung vieler Gäste zählen, ob Raucher oder Nichtraucher.
Ergebnis einer Blitzumfrage und Unterschriftenaktion des DEHOGA NRW bei 27.000 Gastronomen und Gästen: 96 Prozent der getränkeorientierten Kneipiers sprachen sich für ein Wahlrecht in kleinen Betrieben aus. Sie befürchten Existenzverlust, Arbeitsplatzvernichtung und Abbau des Sozialraums Kneipe.
Gesetz kostet Arbeitsplätze
„Sobald das Gesetz in Kraft tritt, werden wir Mitarbeiter entlassen müssen“, glauben Ruth und Michael Classen. Das Ehepaar betreibt im Düsseldorfer Stadtteil Flingern das Birkeneck. Nicht gepachtet, sondern mit Mietvertrag über fünf Jahre, drei Festangestellten, zwei Aushilfen und einer Reinigungskraft. Eine gemütliche Eckkneipe mit Dielenboden und 55 Sitzplätzen. Von der Decke baumeln Flugzeuge und Marionetten, auf kleinen Simsen parken Modellautos, meist Trucks. „Über 300 Stück, alle von unseren Gästen gesammelt“, verkündet Michael Classen. „Für viele ist unsere Kneipe das zweite Wohnzimmer“, ergänzt seine Frau. „Die meisten sind mir seit 22 Jahren vertraut. Wir sind zusammen alt geworden. Hier gibt es nicht mehr so viele Lokale, in denen sich ein Publikum über 40 wohl fühlt.“
Das Birkeneck hat lange Öffnungszeiten: von 11 Uhr bis 5 Uhr morgens. Nachmittags kommen vorwiegend Nichtraucher, gegen Abend mischen sich die Gäste. „Die kennen sich alle ewig. Kneipe, Zigaretten und Bier gehören einfach zusammen. Die Raucher geben öfter einen aus. Das freut dann auch die Nichtraucher“, sagt die Wirtin, die selbst nicht raucht.
Für die Classens gibt es nur eine Lösung, damit das Gesetz nicht ihre Existenz bedroht: Die Möglichkeit, sich als Raucherlokal zu deklarieren. „Alles andere wäre unfair.“ Kleine Betriebe, in denen sich kein Raum abtrennen lässt, hätten das Nachsehen. Bei der Kennzeichnung „R“ für Raucher und „N“ für Nichtraucher wüsste jeder, was ihn erwartet.
Im Lokal der Classens wird lebhaft über das Gesetz diskutiert, das in NRW am 1. Januar 2008 in Kraft treten soll. „Auch viele Nichtraucher halten es für schlimm“, berichtet Ruth Classen. „Aber es nützt nichts, dass wir die Gäste auf unserer Seite haben. Denn die, die es zu verantworten haben, interessieren unsere Argumente nicht.“ Die Raucher vor die Tür zu schicken, würde nicht viel bringen, meinen die Classens. „Das gibt im Wohngebiet garantiert Ärger mit den Nachbarn. Unsere Gäste sind laut und der Rauch zieht nach oben, da macht keiner mehr gern ein Fenster auf.“
Das Birkeneck ist ein Beispiel gelebter Kneipen-Gemeinschaft. Eine Küche gibt es nicht, aber es wird toleriert, dass Pizza oder auch mal belegte Brötchen mitgebracht und zum Bier verzehrt werden. Man macht Ausflüge miteinander, war auf Rheintour und beim Hamburger Fischmarkt. Jetzt fürchten die Classens den Zerfall ihres Lebensinhalts.
Der DEHOGA Nordrhein will kleine Kneipiers unterstützen (siehe Interview unten). Man hofft auf ein offenes Ohr beim Arbeits- und Gesundheitsministers von NRW, Karl-Josef Laumann, der sagte: Er werde „über Eckpunkte des Gesetzes hinausgehende Vorschläge“ prüfen. Regina Goldlücke


Daniel Fischer
01.11.2007 um 18:11
Betreff: Kommentar zum Artikel
Raucher als sozial schwach zu bezeichnen ist eine Frechheit