Hamburg
Koschere Speisen kehren zurück
Nach 70 Jahren öffnet wieder ein jüdisches Café in der Hansestadt / Lesungen und Konzerte runden das Angebot ab
HAMBURG. Auberginenkaviar, Labane oder gehackte Leber – diese traditionellen jüdischen Speisen sind von den meisten Speisekarten in Deutschland verschwunden. Im ersten jüdischen Café Leonar im Grindelhof in Hamburg sollen zumindest die kleineren Gerichte der jüdischen Küche wieder gekocht werden. „Wir wissen noch nicht, ob wir Kube, Latkes oder Kascha anbieten können“, sagt Inhaberin Sonia Simmenauer: „Bei uns gibt es aber immer die Goldene Joich – Hühnerbouillon mit Mazzekneidlach.“
Die Rezepte der jüdischen Küche hat die Konzertagentin in den vergangenen Jahren gesammelt. „Wir haben viele Kochbücher der Großmütter von Familien geschenkt bekommen“, erzählt Sonia Simmenauer, die das Lokal gemeinsam mit Katrin Herbst betreibt. Das Spektrum umfasst die jüdische Küche von Nordafrika bis Osteuropa. Auch wenn sie koscheres Fleisch von einem Metzger aus Straßburg beziehe, könnten streng orthodoxe Juden nicht im Café essen: „Wir sind kein koscheres Lokal.“
Auch bei den Backwaren wie dem klassischen Käsekuchen handelt es sich nicht um einen Reimport des Cheesecakes aus den USA: „Wir haben lange nach dem richtigen Käse gesucht“, sagt Sonia Simmenauer. Zu Mohnkuchen, Ragelach und Chalot gibt es italienische Kaffeespezialitäten. Dabei wird der Bohnenkaffee im Café Leonar noch portionsweise mit einem Filter aufgebrüht. Abends verwandelt sich das Lokal in eine Bar. Außer einer Auswahl klassischer Cocktails stehen 10 offene Weine, 12 Whiskys und koscheres Bier auf der Getränkekarte.
Rezepte aus alter Zeit
Das insgesamt 120 Quadratmeter große Café befindet sich mitten im ehemaligen jüdischen Viertel der Hansestadt. Bis 1933 lebte ein Viertel der 20.000 Hamburger Juden am Grindel. „Mit dem Café wollen wir Stück ganz normales jüdisches Leben nach Hamburg zurückbringen“, sagt Sonia Simmenauer der AHGZ.
Die Inneneinrichtung ist von dem Architekten Andreas Heller gestaltet worden, der auch das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven entworfen hat. In das Lokal integriert ist die Buchhandlung Samtleben & Guggenheim, die auch im Literaturhaus Café eine Filiale betreibt. Zur kostenlosen Lektüre stehen den Gäste etwa 40 Zeitungen und Magazine zur Verfügung. Tagsüber wird im Café keine Musik gespielt. Sonia Simmenauer: „Sonst wäre der Lärmpegel wesentlich höher.“
In dem um 1830 errichteten Gebäude war ursprünglich eine höhere Töchterschule untergebracht. Zuletzt wurden die Räume von einer Druckerei genutzt. Der Name Leonar erinnert an eine Fabrik für Fotopapier, die der Großvater von Sonia Simmenauer bis 1938 in Hamburg geführt hatte. „Die Familie meines Vaters ist dann nach Frankreich emigriert“, erzählt Sonia Simmenauer, die in Paris aufwuchs und seit 25 Jahren in Hamburg lebt.
An Stelle der ehemaligen Klassenräume ist das Denkhaus entstanden – zwei Räume, die für Veranstaltungen und den „jüdischen Salon“ genutzt werden. Es gibt Lesungen, Konzerte ebenso und Workshops zu Themen wie Jiddische Musik und Psychoanalyse – „es muss immer einen kleinen Bezug zum Judentum geben“, fügt Sonia Simmenauer hinzu. Helmut Heigert

