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Ulk als Wirtschaftsfaktor

Das „Ostfriesenabitur“ in Wittmund ist zu einer wichtigen Einnahmequelle für die gastronomischen Betriebe geworden

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2008/16 vom 19. April 2008

WITTMUND. Komplizierte Bruchrechnung, Detailwissen zur Französischen Revolution und Aufsätze auf Englisch? Nicht in Wittmund. Hier baut man sein Abitur anders. Hier stehen Straßenweitboßeln, Paddstockspringen oder Krabbenpulen auf dem Stundenplan. Nur wer in diesen Fächern besteht, bekommt es – das original Ostfriesenabitur.

„Moin“, ruft Teamleiter Lothar Sobotta seinen Schülern zu. „Moin, Moin“, antworten die im Chor – und haben damit schon einmal die richtige Begrüßungsformel gewählt. Punkte gibt es dafür jedoch nicht, die können erst jetzt verdient werden: „Los geht es mit Weitboßeln, dann kommt Zielboßeln“, informiert Sobotta. Kurze Zeit später versucht die Klasse, eine kleine Kugel so weit und so genau wie möglich zu werfen.

Krabbenpulen und mehr

„Erfunden hat das Ostfriesenabitur 1977 Harald Eden“, berichtet Johann Hedden von der Tourist-Information Wittmund. „Er ist sozusagen der Vater der ganzen Geschichte.“ Heute kümmert sich Hedden um die Organisation der Veranstaltung, bucht für die Gruppen (viele Firmen und Vereine) Restaurants und Hotels oder weitere Attraktionen wie Planwagen- oder Schifffahrten. „Wir organisieren alles, die Gäste sollen sich ganz aufs Abiturbauen konzentrieren“, sagt Hedden schmunzelnd.

Diese Konzentration ist unterdessen bei Lothar Sobottas Klasse bitter nötig. „Paddstockspringen“ steht auf dem Programm, die Schüler müssen mit Hilfe eines drei Meter langen Stocks einen Wassergraben überwinden. „Das hat einen historischen Hintergrund“, erzählt Sobotta anschließend. „Wenn die Bauern einen Bach überqueren mussten, machten sie das auf genau diese Art und Weise.“ Die Klasse nickt – und bereitet sich auf die nächsten Prüfungen vor: Kuhmelken, Löffeltrunk, Plattdeutsch sprechen.

Mehr als 150.000 Menschen haben in den vergangenen 30 Jahren das Ostfriesenabitur in Wittmund gebaut. Das sind durchschnittlich 5000 im Jahr, 13 am Tag. „Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – sowohl für die Stadt als auch für die gastronomischen Betriebe“, berichtet Johann Hedden. Neben dem 4-Sterne-Hotel Residenz und weiteren Wittmunder Standard-Hotels beteiligen sich mehrere Restaurants: Schützenhof, Wappen von Wittmund, In`t Kluntje, Goldener Anker oder Die Mühle. Einige Unterrichtsstunden (wie etwa das Krabbenpulen) finden wechselweise in den Restaurants statt, am Ende des Tages können die Teilnehmer hier typisch ostfriesische Gerichte essen.

Mittlerweile ist die Veranstaltung ein Aushängeschild der Stadt geworden. Das hat Johann Hedden etwa bemerkt, als er im Urlaub seine Heimat Wittmund nannte und darauf die Antwort bekam: „Ah, die mit dem Ostfriesenabitur!“ Hedden freut diese Querverbindung. „Wir können uns auch selbst mal auf die Schippe nehmen.“

Inzwischen haben Lothar Sobottas Schüler die Prüfungen in Ostfrieslandkunde und Teetrinken hinter sich gebracht, nun sitzen sie beim Krabbenpulen. „Sieht bei allen gut aus“, murmelt der Oberlehrer und sucht schon einmal die Zeugnisse heraus. Je nach Punktestand bestehen die Teilnehmer an diesem Tag „mit sehr gutem Erfolg“, „mit gutem Erfolg“ oder „mit Erfolg“. „Das gelingt 99 Prozent der Abituranwärter“, erzählt Sobotta. „Doch ein Prozent fällt auch durch.“ Statt großem Wehklagen rufe dieser Misserfolg jedoch regelmäßig großes Gelächter hervor. „Und genauso soll es bei uns auch sein“, sagt Johann Hedden – und fügt auf Platt hinzu: „Eenmal lachen is beter as tweemaal Medizin.“

www.ostfriesenabitur.de

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