Anzeige

AHGZ - Das Fachportal für Hotellerie und Gastronomie

Anzeige

Berlin

Unreifes Spiel mit der Lust

Premiere von „Belle et Fou“ offenbart Inszenierung als kleine Baustelle / Hans-Peter Wodarz will nacharbeiten

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2006/19 vom 13. Mai 2006

BERLIN Die Werbung war verführerisch. An Bushaltestellen, Plakatwänden und Litfasssäulen konnten Berliner in den vergangenen Monaten die Konturen nackter Schönheiten bewundern. Manche spielten näckisch mit langen Perlenketten, andere gaben sich artistischen Verrenkungen hin. „Belle et Fou“ stand in geschwungen-romantischer Schrift auf den Plakaten, verziert mit einem Schmetterling. Es war die Ankündigung der neuesten Inszenierung des ehemaligen Pomp-Duck-Chefs, Hans-Peter Wodarz. In der vergangenen Woche hatte „Belle et Fou – Das Spiel mit der Lust“ Premiere.

Und so startet der Abend im umgebauten ehemaligen Bingo-Saal der Berliner Spielbank am Potsdamer Platz mit eben den Bildern, die die Berliner bereits von den Plakatwänden kannten. Nur dass sich die weitgehend unbekleideten Tänzerinnen und Tänzer nun live auf der Bühne präsentieren. Sie tanzen mal wild-ekstatisch, mal lasziv, rekeln sich verführerisch, ohne dabei ins Vulgäre abzugleiten. Manch Zuschauer mag sich da gewünscht habe, dies möge so schnell nicht enden.

Doch das Ende kommt abrupt. Mit dem Abgang der ästhetischen Leiber betritt ein älteres Paar den Saal und sucht schimpfend und miteinander streitend seinen Tisch. Plötzlich befindet sich das Publikum wieder mitten im Pomp-Duck-Spektakel. Das, wie der Zuschauer erfährt, seit 30 Jahren verheiratete Ehepaar nimmt sofort Kontakt zum Publikum auf. Die Dame sucht eine Mitfahrmöglichkeit, weil sie nicht mit ihrem unmöglichen Gatten nach Hause fahren möchte. Zwischen zwei Tischen, an denen die beiden Platz genommen haben, entspannt sich ein verbales Gerangel. Klischees und Beschimpfungen fliegen durch die Luft und zerstören das zarte Knistern der ersten Darbietung.

Die Dialoge wirken eher plump. Natürlich braucht die Ehefrau immer zu lange, um sich fertig zu machen und er beantwortet in den unpassendsten Momenten Anrufe auf seinem Handy. Der Zuschauer bleibt indes völlig ratlos. Was soll der Besucher mit einem Ehestreit anfangen, den in groben Zügen fast jeder im Saal aus eigener Erfahrung kennt und an einem sinnlich-beschwingenden Abend nicht unbedingt Revue passieren lassen möchte.

Streitend führt das Paar weiter durch den Abend, schlägt sich und verträgt sich – zwischendrin tanzen die Schönheiten Rückblicke: „Tableaux vivantes“ auf vergangene Tage: Das Paar lernt sich kennen, verliebt sich, trennt sich wieder, ein Film zeigt die glamouröse Geschichte Berlins und des Potsdamer Platzes.

Doch die Show wirkt an vielen Stellen unverknüpft. Und tatsächlich ist „Belle et Fou“ noch eine kleine Baustelle. „Wir verändern täglich die Abläufe“, sagt Hans-Peter Wodarz. So wurde in der Preview-Phase der Berlin-Film neu geschnitten, Szenen wurden umgestellt. Denn Wodarz reagiert schnell auf die Reaktionen des Publikums, fordert von Preview-Gästen Kritik ein, setzt sie um. Die Gäste sind schließlich die Könige.

Kulinarisches bietet „Belle et Fou“ den Zuschauern selbstverständlich auch. So kann man von Kaviarmeisterin Tatjana Tscherniak lernen, wie Kaviar – das „Belle et Fou“ hat eine exklusive Kaviar-Karte, der Löffel zu 12,50 Euro – wirklich verzehrt wird. Nämlich auf den Handrücken zwischen Daumen und Zeigefinger getürmt und dann lasziv abgeschleckt. Auch das „Kulinarische Vorspiel“, ein Vorspeisenteller mit Gänseleber, Kaviar, verschiedenen Sorten Mousse und Salaten passt zur sinnlich-luxuriösen Aufmachung. Zudem ziehen später die Akrobaten Jana Semilet und Richard Jecsmen mit ihrer innigen Körperbeherrschung das Publikum in den Bann.

Zum Schluss einigen sich auch die beiden Streithähne. Das Geheimnis einer glücklichen Partnerschaft sei, sich immer wieder gegenseitig zu überraschen. Welch Erkenntnis nach 30 Jahren Ehe! Dennoch finden sich zwischen den Streitereien des Paares auch eine Menge gute Ideen und Ansätze. Hans-Peter Wodarz und Arthur Castro müssen nun alles daran setzen, diese dichter zu verweben, um daraus einen haltbaren Stoff für eine gute Show zu machen, der den Eintrittspreis von 69 Euro (inklusive „Kulinarischem Vorspiel“) rechtfertigt. Schließlich müssen die investierten 5 Mio. Euro wieder eingespielt werden.

Kommentieren Drucken
Auch interessant

Wanderwege sind Touristen-Bringer

SAMERBERG Wandern ist das wichtigste Angebot für den Tourismus auf dem Samerberg. mehr...

Weitere Artikel aus Regional und Lokal vom 13.05.2006 :

Bayern: Wanderwege sind Touristen-Bringer (13.05.2006)
Hessen: Wieder selbst vermarkten (13.05.2006)
Thüringen: Ferienwohnungen für vier Personen (13.05.2006)
Hessen: Dorint Novotel rundum erneuert (13.05.2006)
Bayern: Im Zeichen der Rebe (13.05.2006)
Baden-Württemberg: Begeisterung und Erfolg (13.05.2006)
Baden-Württemberg: Neue Akteure auf der gastronomischen Bühne (13.05.2006)
Nordrhein-Westfalen: Frischer Anstrich – neuer Küchenstil (13.05.2006)
Mecklenburg-Vorpommern: SCHWERINER NOTIZEN (13.05.2006)
Mecklenburg-Vorpommern: Golfen für einen guten Zweck (13.05.2006)

Diesen Artikel bei Google+, Xing, Twitter oder Facebook weiterempfehlen:

Bisher keine Leser-Kommentare zum Artikel